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Kritik

Todesmarsch-Gedenken gerät ins Zwielicht

Katholische und evangelische Amtskirchen rufen die Mitglieder zum Boykott des „Marsch des Lebens“ in Stamsried auf.
Von Martin Hladik

Der Gedenkstein in Stamsried erinnert an die Todesmärsche.Foto: Hladik

Stamsried.Heuer jährt sich die Befreiung von KZ-Gefangenen in Stamsried und Cham bei den Todesmärschen zum 70. Mal. Gleich mehrere Gruppen werden dieses Geschehens heuer gedenken. Das evangelische Dekanat tut das seit Jahrzehnten mit einem Schweigemarsch an der Gedenkstätte in Wetterfeld. Neu ist in diesem Jahr ein Schweigemarsch in Stamsried, der von der Gemeinde und von einer freikirchlichen Organisation TOS unter dem Motto „Marsch des Lebens“ organisiert wird.

Die TOS (früher Tübinger Offensive Stadtmission) organisiert deutschlandweit Märsche des Lebens auf den Strecken der Todesmärsche. Dabei stößt die Organisation sowohl auf den Widerspruch der katholischen und der evangelischen Amtskirche als auf den Widerspruch der Gedenkstätten KZ Flossenbürg und Dachau. Der Landeskirchliche Beauftragte für Sektenfrage, Dr. Matthias Pöhlmann, und der Pfarrer der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau, Dr. Björn Mensing, raten den Gemeinden und den Kirchenmitgliedern „dringend von einem Engagement beim Marsch des Lebens ab“. Ähnlich verhält sich das Erzbistum München/Freising. Einrichtungen des Erzbistums sollten „kein Kooperationspartner des Marsch des Lebens“ sein. Begründet wird dies mit „politisch sehr unausgewogenen Forderungen, einem höchst fragwürdigen Islambild und mit eigenwilligen Endzeitvorstellungen“. Theologisch reiben sich beide Kirchen daran, dass die TOS Orte und Gegenden als durch dämonische Mächte „belastet“ sieht, die durch die Märsche geistlich befreit werden müssten.

„Decke des Schweigens“

Mitveranstalter in Stamsried ist Hans Ruhland vom Christlichen Männertreff Ostbayern. Ihm seien die Thesen der TOS bekannt und er könne sie teilen, sagt er auf Nachfrage. Im Zusammenhang mit den Todesmärschen gebe es „eine Decke des Schweigens“, und der Marsch gebe eine Möglichkeit darüber zu sprechen. Auf weiteres Nachfragen erklärt Ruhland, dass man sich dem „Marsch des Lebens“ angeschlossen habe, weil diese Organisation bereits so etwas geplant habe und man deren Infrastruktur mit Homepage und Transparenten nutzen wollte. Einen Konflikt mit der Amtskirche sehe er nicht. Jeder, der beim Marsch mitmachen wolle, sei herzlich eingeladen.

„Davon haben wir wirklich nichts gewusst“, sagt der Stamsrieder Bürgermeister Herbert Bauer, nachdem er vom Bayerwald-Echo über die kritischen Äußerungen von katholischer und evangelischer Kirche informiert wurde. Was er mit dieser Information anfangen werde, wisse er noch nicht, gibt er zu. Die Gedenkveranstaltung in Stamsried werde aber auf jeden Fall stattfinden. „Aber ich werde das noch differenzierter sehen!“

Gedenkstein in Stamsried

Absicht der Gemeinde Stamsried und des Heimatkreises sei es immer gewesen, an das Schicksal der Teilnehmer der Todesmärsche zu erinnern. Deswegen habe man auch vor zehn Jahren an prominenter Stelle direkt an der Hauptstraße einen Gedenkstein für den Todesmarsch aufgestellt. Der Gedenkstein trägt das Datum 23.4.45 und symbolische Fußspuren.

Um noch deutlicher zu machen, an was der Gedenkstein erinnert, wird neben dem Stein anlässlich des 70. Jahrestages eine Tafel angebracht, die erklärt, warum der Stein dort steht.

Dekan Walter Kotschenreuther sagt, dass sich keine Gruppierung seines Dekanats an dem „Marsch des Lebens“ beteiligen werde. Er könne die Argumentation der Landeskirche nachvollziehen. Ende April werde man in Wetterfeld selbst eine Gedenkveranstaltung für die Opfer der Todesmärsche abhalten.

Bonhoeffer wurde im KZ ermordet

Zudem sei 2015 auch Bonhoeffer-Gedenkjahr. Der lutherische Theologe wurde am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet. Aus diesen Gründen werde der Pfarrer aus Flossenbürg, Herbert Sörgel, die diesjährigen Bayerwald-Dekanatstage besuchen. Zudem plane man für den Herbst eine Fahrt der Ehrenamtlichen in die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.

„Eine Decke des Schweigens“, wie von der TOS dargestellt, gebe es in der evangelischen Kirche nicht, sagte Kotschenreuther, auch nicht im Bayerwald.

Kommentar

Gedenken nicht missbrauchen

ibt es das Richtige im Falschen? Kann man das Richtige tun aus den verkehrten Gründen? Und: Ist es dann immer noch das Richtige? Ganz ehrlich, ich weiß...

Erinnerung an die Todesmärsche

  • Marsch

    In mehreren Kolonnen marschierten Gefangene Ende April 1945 vom Konzentrationslager Flossenbürg in Richtung KZ Dachau.

  • Wetterfeld

    In Wetterfeld wurde „a group of 4000 prisoners liberated“, heißt es in US-Unterlagen der unmittelbaren Nachkriegszeit.

  • Befreiung

    Dieser Befreiung wird gedacht, aber auch der Opfer, die an den Marschstrecken gefunden wurden.

  • Massengräber

    In Wetterfeld, Cham, Bernried und Rötz stehen fünf Mahnmale, die an die Massengräber mit rund 1300 Menschen erinnern, die erschossen, erschlagen, lebendig begraben oder an Erschöpfung verstorben sind.

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