mz_logo

Gemeinden
Donnerstag, 14. Dezember 2017 11

Justiz

Verbrannter Bub: Schockierender Alltag

„Er zitterte, wimmerte und reagierte nicht“: Vor dem Landgericht Regensburg sagte eine Mitarbeiterin des Jugendamts Cham aus.
Von Marion von Boeselager, MZ

Der Vater (36) des schwer verletzten Jungen sitzt bereits in Untersuchungshaft und muss sich nun mit seiner Lebensgefährtin vor dem Landgericht Regensburg verantworten. Foto: Kellermeier

Regensburg.Die Kinder zum Klauen eingesetzt, statt sie zur Schule zu schicken, vermüllte Zimmer, Sex-Spielzeug in der Küche und mangelhafte Hygiene: Eine Angestellte des Amtes für Jugend und Familie Cham schilderte gestern vor dem Landgericht Regensburg haarsträubende Einzelheiten, die sie ab Mai 2016 beim Kontakt mit einer Familie aus Waldmünchen erlebt hatte. Die Eltern von fünf Kindern sind wegen versuchten Mordes durch Unterlassen angeklagt. Sie sollen im Oktober vergangenen Jahres ihren Fünfjährigen, der – mutmaßlich durch die Unachtsamkeit seiner Mutter – schwerste Verbrennungen erlitten hatte, ohne Hilfe seinen Qualen überlassen haben. Die Eltern schweigen bisher zu den Vorwürfen.

Ein Anruf von einem Mitarbeiter einer Grundschule rief das Chamer Jugendamt erstmals im Mai 2017 auf den Plan: Ein Ehepaar (37) wolle seine Kinder anmelden, hieß es. Die Familie habe aber keinen festen Wohnsitz, sondern lebe in einer Ferienwohnung. Die Angestellte kümmerte sich. Doch der Vater teilte mit, man werde in einen anderen Landkreis umziehen. Vier Wochen später war die Familie wieder da. Sie ließ sich in einem Haus in Waldmünchen nieder. Inzwischen hatte das Jugendamt Infos aus Aurich, dem früheren Wohnsitz der Familie, erhalten: Von Schulversäumnissen der Kinder war die Rede – und von „Vermüllung“ der Wohnung. Das Amt bot Hilfe an. Die Eltern lehnten ab.

Mit Mama auf Diebestour

Beim ersten Hausbesuch der Angestellten Ende Juni fehlten Matratzen in den Kinderbetten. Bei drei weiteren unangemeldeten Inspektionen, um die Behebung des Mangels zu überprüfen, wurde der Dame vom Jugendamt gar nicht geöffnet. Es ging jetzt nicht mehr nur um Betten: Von der Polizei kam die Info, dass gegen den Vater wegen Warenkreditbetrugs ermittelt werde. Außerdem seien Eltern und Kinder beim Ladendiebstahl erwischt worden: Die Kinder packten dabei auf Geheiß ihrer Eltern Diebesgut in ihre Rucksäcke. Dann solle die Mutter mit ihnen den Laden verlassen haben – ohne zu zahlen.

Die Eltern verweigerten erneut Hilfe. Sie wurden für Anfang Oktober zu einem Gespräch ins Amt beordert: „Wir wollten ihre Erziehungsfähigkeit überprüfen und eine Kindeswohlgefährdung erörtern“, sagte die Zeugin. Doch dazu kam es nicht mehr: Am 4.Oktober erhielt das Jugendamt den Anruf einer Tankstellenpächterin: Sie habe vor Ort ein Kind mit starken Verbrennungen gesehen, dessen Eltern tankten. Um wen es sich handelte, war in der Folge schnell klar. Die Suche nach dem verletzten Kind in den Schulen der Geschwister ergab, dass mehrere von ihnen die Schule nur sehr unregelmäßig besuchten. Die Tochter brachte es bereits auf 14 unentschuldigte Fehltage.

Die Kinder sind im Zwiespalt

In Begleitung von Polizeibeamten, „falls die Lage eskalieren sollte“, suchten die Jugendamtsangestellte und ein Kollege noch am selben Vormittag die Familie auf. Die Eltern behaupteten, die jüngeren Kinder seien bei den Großeltern. „In die Küche ließen sie uns nicht, weil da Sex-Spielzeug rumliege“, so die Zeugin. Bei der weiteren Suche im Haus entdeckten sie dann auf einem Sofa den kleinen, mit roten Flecken und Verbrennungen übersäten kleinen Buben. „Er war apathisch. Er zitterte, wimmerte etwas und reagierte nicht.“

Gegen den Widerstand der Mutter, die mit rechtlichen Schritten drohte, wurde das Kind in Begleitung des etwas kooperativeren Vaters in die Notaufnahme eines Krankenhauses gebracht und später in eine Spezialklinik verlegt. Der Vater sagte etwas von einem Unfall mit Rasenmäher-Benzin. Der Sorgerechtsentzug der Eltern wurde nun in die Wege geleitet und die Kinder noch am selben Abend in Obhut genommen. Gegen die Mutter erging Haftbefehl, gegen den Vater einen Monat später. Tests ergaben, dass beide Eltern regelmäßig Drogen wie Crystal Speed und Opioide konsumierten. Die Frau befindet sich in vorläufig in einer psychiatrischen Klinik.

Heute, so der jetzige Vormund der fünf Kinder vom Kreisjugendamt Regensburg, gehe es ihnen soweit gut: „Sie wohnen alle im selben Haus und werden rund um die Uhr von einem Erzieherteam und einer Heilpädagogin betreut.“ Die Geschwister hätten sich „emotional stabilisiert“ und den Erziehern gegenüber geöffnet. Die schulischen Leistungen seien „sehr gut“. Doch befänden sie sich in einem Zwiespalt, meinte die Zeugin. „Sie lieben ihre Eltern. Aber sie sagen auch: Es ist gut, dass wir jetzt hier sind. Denn hier sind wir versorgt und sicher.“

Lesen Sie auch den Bericht vom Prozessauftakt!

Mehr Nachrichten aus Bayern lesen Sie hier!

Aktuelle Nachrichten erhalten Sie jetzt ganz bequem per Whatsapp auf Ihr Smartphone. Hier können Sie sich kostenfrei anmelden.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht