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Freitag, 15. Dezember 2017 4

Gesellschaft

Allen Menschen ein gutes Gefühl geben

Das Demenzcafé in Waldmünchen musste vorübergehend seine Pforten schließen. Dabei täte Angehörigen die Entlastung so gut.
Von Petra Schoplocher

Ihren nicht immer leichten Aufgaben begegnen Martina Vogl und Robert Irlbeck bewusst mit Humor. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Es gibt nur ein Wort, das Robert Irlbeck im Zusammenhang mit „seinen“ Demenzpatienten nicht hören mag – und das ist „Pflege“. Nicht, dass der Malteser die Notwendigkeit und Leistungen in diesem Bereich nicht hoch einschätzen würde, es ist nur gänzlich nicht das, was er tut. „Wir versuchen, die Fähigkeiten der Menschen so lange es geht, zu erhalten und uns zu kümmern“, sagt Irlbeck.

Den Rahmen dafür bieten Demenzcafés wie die in Cham und in Waldmünchen. Wobei letzterem gerade eine Zwangspause verordnet wurde. „So gut wie keine Besucher“, erklären Demenzbetreuer Irlbeck und Martina Vogl, Dienststellenleiterin in der Kreisstadt. Beide sind sich sicher, dass der Bedarf vorhanden ist, es nur aus irgendwelchen Gründen Hemmschwellen geben würde. Das Wort „Abschiebung“ fällt Robert Irlbeck dazu ein. „Wenn einmal im Bekanntenkreis gefallen ist, dass der Angehörige abgeschoben würde, ist es vorbei“, weiß der Weidinger. Und derartige Aussagen und Klischees kämen gar nicht so selten.

Dabei wäre doch genau das Gegenteil der Fall. Im Demenzcafé würden sich die Betreuer intensiv kümmern. Ohne den Familienmitgliedern zunahetreten zu wollen, aber „wer setzt sich denn zuhause im Alltagstrubel hin und spielt mit seinem dementen Opa Mensch-ärgere-dich-nicht?“. Derartiges gehöre aber zum Standardprogramm der Malteser. Je nachdem, was der Gesundheitszustand des Patienten erlaubt, würden die Senioren auch kleinere Bastelarbeiten oder Singen gerne annehmen.

Ins Gespräch kommen

Wenn das Café öffnet, wird seinem Namen nach aber erst einmal Kaffee und Kuchen serviert, um miteinander ins Gespräch zu kommen, erzählt Robert Irlbeck, der für das Angebot im Mehrgenerationenhaus verantwortlich war. Zwei Stunden konnten Angehörige ihre Demenzkranken bringen, nach dem Neustart sollen es drei Stunden sein. Drei Stunden, in denen Kinder oder Partner Zeit für sich haben oder auch mal einen wichtigen Termin wahrnehmen können, ohne Sorge und den Patienten zu Hause. „Da kann doch von Abschieben keine Rede sein“, erscheint Martina Vogl beinahe ein wenig über die vor allem auf dem Land noch verbreitete Denkweise verärgert.

Sie kennt noch einen zweiten möglichen Grund für die Zurückhaltung der Betroffenen. „Viele wissen nicht, dass die Pflegekassen die Kosten für den Besuch im Café oder auch die stundenweise Entlastung zuhause übernehmen“, berichtet sie aus ihrer täglichen Arbeit. Das ginge noch dazu unkompliziert von statten, ergänzt sie.

Ein Außenstehender könne gar nicht beurteilen, was ein Angehöriger von einem Demenzkranken mitmacht, stellt sie klar und ist deshalb noch mehr verwundert, wie wenig auch die stundenweise Betreuung in den eigenen vier Wänden nachgefragt werde. Die Tendenz gehe dazu, dass sich Betroffene erst melden, wenn es nicht mehr anders geht und sie psychisch oder physisch am Ende ihrer Kräfte sind. „Dem wollen wir mit unseren Angeboten ein kleines Stück entgegenwirken“, erklärt Vogl. Doch nicht nur die Familien, auch die Betroffenen bringe der Besuch im Café weiter. „Die noch vorhandenen Fähigkeiten möglichst lange erhalten“, nennt Irlbeck als Ansatzpunkt des Handelns. Das bleibe seiner Erfahrung nach immer auf der Strecke, egal wo die Menschen leben würden. „Weil das medizinisch Notwendige keinen Platz lässt“, erklärt Irlbeck, der den Mitarbeitern in den Pflegediensten da ebenso wenig einen Vorwurf machen will wie pflegenden Angehörigen. „Dass das die Zeit nicht erlaubt.“, ist ihm durchaus bewusst. Vielleicht entwickeln die Patienten auch deshalb ein Gespür für das ehrlich gemeinte Anliegen, sich zu kümmern. Robert Irlbeck erzählt vom Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel mit einer fast erblindeten, dementen Frau.

„Das war ganz anders, aber schön“, betont er. Wer von Seiten der Malteser – eingesetzt werden allerdings nur Betreuer mit abgeschlossener Fortbildung als Demenzbegleiter – auch immer mit den Patienten zu tun hat, er beschäftigt sich mit ihnen und versucht sie zu dem zu aktivieren, was er noch kann. Irlbeck, der über eine Zusatzausbildung zur Demenzfachkraft verfügt, kann eine ganze Reihe von kleinen Erfolgsgeschichten erzählen.

Etwa von dem Mann, der jahrelang in den eigenen vier Wänden keine Silbe mehr sprach – über Wochen hinweg war Kopfschütteln und Nicken auch im Demenzcafé die einzige Verständigungsbrücke. Bei einer Singstunde plötzlich stimmte der Mann mit ein. „Er musste nur aufgeweckt werden“, ordnet Robert Irlbeck das Erlebnis ein.

Schöne Momente

Es sind Momente wie diese, die den Betreuern viel zurückgeben würden. Denn dass der Umgang mit den Menschen am Rande des Vergessens mitunter sehr anstrengend ist, wissen Irlbeck und seine Kollegen. „Windelwechseln gehört im Bedarfsfall auch dazu“, sagt der Demenzfachmann. Allerdings: Einen aggressiven Patienten habe er in all den Jahren noch nicht erlebt, räumt der Weidinger mit einem weiteren Vorurteil auf.

Eine Lanze brechen Vogl und Irlbeck für die Angehörigengruppe. Diese steht allen Interessierten offen und auch da sind es oft die kleinen Dinge, die den Betroffenen große Hilfe bringen würden. Die Idee, die Badtür rot anzumalen etwa, weil die Kranken dann die Toilette finden würden. Ob nun handfeste Tipps oder nur ein offenes Ohr, die Malteser wünschten sich, dass es den Menschen nicht so schwer fallen würde, Hilfe anzunehmen. Denn dann, so sind sich Martina Vogl und Robert Irlbeck sicher, würde im Demenzcafé des Mehrgenerationenhauses auch bald wieder geredet, gesungen und gespielt. Ganz im Sinne des Wortes „Kümmern“.

Das Demenzcafé

  • Angebote

    Seit seiner Eröffnung im Jahr 2002 erfüllt das Mehrgenerationenhaus (MGH) die Aufgabe, Menschen zu verbinden. Neben den regelmäßigen acht eigenen Angeboten nutzen das Haus am Marktplatz sieben Externe. Wissenswertes zum MGH und dem Programm gibt es unter www.mgh-waldmuenchen.de .

  • Pause

    Das Demenzcafé des Malteser Hilfsdienstes macht derzeit eine nicht ganz freiwillige Pause. Ins Leben gerufen wurde das Angebot im Januar 2014. Dahinter steht die Idee, Angehörigen eine Verschnaufpause zu verschaffen oder ihnen die Zeit für die Wahrnehmung von wichtigen Terminen zu verschaffen.

  • Infoabend

    Die Gruppe war ohnehin klein und nachdem sich der Zustand von zwei Patienten soweit verschlechtert hat, dass sie nicht mehr kommen können, wurde das Angebot eingestellt. Eine Wiederbelebung ist aber geplant. Als Initialzündung ist ein Informationsabend am Mittwoch, 25. März, um 19.30 Uhr im MGH angedacht.

  • Zeiten

    Festgehalten werden soll an den festen Zeiten. Geöffnet wird analog zum Demenzcafé in Cham dienstags von 14 bis 17 Uhr. Je nach dem Gesundheitszustand der älteren Menschen wird gespielt, gebastelt, (vor)gelesen oder auch nur zugehört und erzählt.

  • Pflegekasse

    Für die Betreuung der Patienten verlangt der Malteser Hilfsdienst zehn Euro pro Stunde, die aber von der Pflegekasse auf Antrag übernommen werden. Bei der Antragstellung helfen die Malteser gerne.

  • Kontakt

    Für Rückfragen steht Dienststellenleiterin Martina Vogl unter der Telefonnummer (0 99 71) 80 36 05 zur Verfügung. Bei ihr können sich auch Männer und Frauen melden, die an der Ausbildung zum Demenzbetreuer interessiert sind. (ps)

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