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Sammler aus Cham
Montag, 11. Dezember 2017 10

MZ-Serie

Er brachte den Groove in den Woid

Mit 16 spielte der Further Sigi Lee Nachreiner Punk. Dann bereiste der Musiker die Welt – und brachte sie in seine Heimat.
Von Steffi Bauer

So kennen die Menschen weit über den Landkreis Cham hinaus Sigi Lee Nachreiner – als enthusiastischen Musiker. Seine Wurzeln reichen von der Blasmusik bis zum Punk. Foto: Nachreiner

Bad Kötzting.Vom Geist der alten Kaserne ist nichts mehr zu spüren. Die Klänge, die hier entstehen und ihren Ursprung an Schlagzeug, Keyboard, Klavier, Trommeln und Trompeten haben, fließen durch bunte, einladende Räume. Dass das ehemalige militärische Gebäude im Zeltendorfer Weg in Bad Kötzting als so eine Verwandlung durchgemacht hat, liegt aber nicht nur an der neuen Einrichtung. „Eine Schamanin hat die Räume energetisch gereinigt, bevor wir hier eingezogen sind“, erzählt Sigi Lee Nachreiner, Gründer der Musikschule LIAM, dem Lehrinstitut für angewandte Musik. Hier hilft er seinen Schülern dabei, den Weg zu ihrer eigenen Musik zu finden – nicht nur stur Noten lernen, sondern Klänge zu erfühlen, ertasten und erproben.

Musiker aus Afrika und Kuba brachten Sigi Lee Nachreiner zum Trommeln. Foto: Bauer

Während aus dem Raum nebenan afrikanische Trommelklänge dringen, beschreibt Sigi Lee Nachreiner seine eigenen musikalischen Wurzeln: Sie liegen in Volksmusik, Punk, Kirchenmusik, konzertanter Blasmusik, Blues, klassischer Tanzmusik, Rock im weitesten Sinn und Louis Armstrong. Wobei Jazz und Punk immer noch ganz oben auf seiner Liste stehen. Schon mit 16 spielte der Musiker in einer Punkband, „und als ich zwanzig war, habe ich die Bürgerlichkeit hinter mir gelassen“, erzählt er. „Ich war Postbote, stand kurz vor der Verbeamtung.“ Aber dann setzte er alles auf sein kreatives Talent. „Ich komme aus einer Musikerfamilie, bin als Musiker geboren, wollte nie etwas anderes werden.“ Und deshalb musste er raus in die Welt und war bald mit verschiedenen professionellen Blasorchestern auf Volksfesten in ganz Europa unterwegs. Einige alte Blasmusikerkollegen leben schon seit vielen Jahren nicht mehr. Nachreiner erinnert sich gern an sie. „Das waren ‚Freaks‘, kann man sagen, da sind die heutigen ‚Freaks‘ nichts dagegen. Und sie waren meine Lehrmeister und haben mich gut ausgebildet.“

„Ich komme aus einer Musikerfamilie, bin als Musiker geboren, wollte nie etwas anderes werden.“

Sigi Lee Nachreiner

Mit der Zeit kam Nachreiner auch mit Tanzmusik und Showbands in Kontakt. Etwa zwei Jahre spielte er in Paris, wo er bis halb zwei Uhr nachts in der Brasserie „Löwenbräu“ auftrat und danach bis acht oder neun Uhr morgens in den Jazz-Clubs der Stadt. „Das war praktisch mein Studium, Leute aus allen Erdteilen zu treffen und mit ihnen Musik zu machen.“ Er besuchte zwar auch gezielt einige Vorlesungen an einer Hochschule, wollte sich aber nicht den „Ballast“ eines kompletten Studiums aufbürden.

Trommel war in den 80ern fremd

Trompete, Trommel und Gesang, das liegt ihm einfach im Blut. Lange Jahre trat Sigi Lee Nachreiner in Finnland und Schweden auf Kreuzfahrtschiffen auf. Bis er 1986 fürs Erste seinen Reisehunger gestillt hatte. „Da habe ich geheiratet und bin sesshaft geworden.“ Aber es war nicht nur die Familie, die ihn im Bayerischen Wald hielt, sondern auch die Liebe zu seiner Heimat. Mit dem „Woid“ fühlt sich der Musiker verbunden, hier ist er „energetisch dahoam“. Nachreiner wohnt gern in seinem Haus am Waldrand, mit Blick auf die Wiesen und Felder.

Der Musiker war es auch, der die Trommel als Instrument im Landkreis etabliert hat. Davor hatte er viel mit afrikanischen und kubanischen Musikern zusammen gespielt, was er auch heute noch gerne macht. „Bei uns hat in den Achtzigerjahren noch kein Mensch ans Trommeln gedacht“, erinnert er sich. Mittlerweile gibt es überall Trommelevents im Landkreis Cham, wie das von ihm organisierte „Trommelfeuer“, das alljährlich stattfindet. „Ich sehe es positiv, dass ich hier als Ideengeber fungiert habe“, so Nachreiner.

Zur Person

  • Herkunft:

    Sigi Lee Nachreiner ist am 8. Juli 1960 in Furth im Wald geboren.

  • Privates:

    Der Musiker war zwei Mal verheiratet und hat zwei Söhne.

  • Beruf:

    Neben dem Unterricht an seiner Musikschule und vielen Auftritten das ganze Jahr über ist er auch an der offenen Ganztagsschule in Cham tätig.

  • Karriere:

    Sigi Lee Nachreiner hat schon Arrangements für 110 Musiker geschrieben.

  • Wissenswertes:

    Mehr Informationen über das musikalische Schaffen von Sigi Lee Nachreiner finden Sie auf seinen Internet-Seiten unter www.sigilee.com und www.waldmusik.de .

1993 eröffnete Sigi Lee Nachreiner seine Musikschule LIAM, das Lehrinstitut für angewandte Musik, in Furth im Wald. Seit vielen Jahren ist er damit nun schon in Bad Kötzting. Foto: Bauer

Ideengeber ist er auch an seiner 1993 gegründeten Musikschule, die ihren Standort zunächst in Furth hatte. Der jüngste Schüler dort ist heute dreieinhalb, die älteste Schülerin 86. Inklusion wird hier gelebt, hier machen Nachreiner und vier weitere Lehrer Musik mit allen, insbesondere auch mit behinderten, dementen und kranken Menschen. Außerdem hat er im Zandter Altenheim eine Trommelband. Es gibt Kooperationen mit Kindergärten, Fortbildungen für Lehrer und Krankenpfleger. Denn der Musiker weiß um die entspannende Wirkung, die von den richtigen Klängen ausgeht. In seiner Musikschule, die die erste im Landkreis war, die Jazz im Angebot hatte und die Nachreiner die „Wiege des Trommelns“ nennt, können alle gängigen Instrumente erlernt werden. Im Unterricht legt er Wert auf die richtige Technik, das ist die Grundvoraussetzung. Noch viel wichtiger ist aber das Gefühl. „Manchmal spielt einer drei Akkorde, und du bekommst schon eine Gänsehaut.“

Sigi Lee Nachreiner bezeichnet sich als einen „Typ der klaren Worte“, der im Grunde seines Herzens ein Anarchist sei. Mit Obrigkeiten könne er nichts anfangen. Auch nicht mit ehrgeizigen Eltern, die ihren Kindern ein Musikinstrument aufzwingen wollen, obwohl das Talent des Nachwuchses eher bei einem anderen Instrument liegt – oder gar beim Fußfallspielen.

Die Aktion inspiriert Sigi Lee

„Ich komme aus einer Musikerfamilie, bin als Musiker geboren, wollte nie etwas anderes werden“, sagt Sigi Lee Nachreiner Foto: Bauer

Neben dem „Woid“ hat der Musiker noch eine zweite Heimat, an der sein Herz hängt. Er besitzt ein Haus mitten in einem Weinberg in Kalabrien, ganz unten an der Stiefelsohle Italiens. „Dorthin fahre ich oft und musiziere dann viel mit italienischen Tarantella-Musikern. Dazwischen kümmern sich Nachbarn und Freunde um das Weingut“, erzählt er. Dass er beide Regionen, die derart unterschiedlich sind, so liebt, spiegelt sich im Namen seiner Band „Mafia Bavarese“ wieder. Das ist aber nicht die einzige Band des 57-Jährigen: Daneben gibt es noch „Private Joker“ – hier gehören Swing, Jazz, Latino und „Ami-Süßigkeiten“ zum Repertoire – , und „Woidmuse“, „mit allem, was die Herzen Bayerns höher schlagen lässt“. 2012 hat Sigi Lee die BLO Big Band Furth im Wald übernommen, die sein Onkel Franz Xaver Nachreiner gegründet hat.

Lesen Sie hier alle Teile der Porträt-Serie „Köpfe aus dem Woid“

Momentan ist er aber mit der Münchner Sängerin Alexandra Fischer und „Crossover“ unterwegs – und mit der Nürnberger Free Jazz Combo und „Kellergebläse R4“. Sigi Lee ist immer in Bewegung, Bands sind für ihn keine starren Konstrukte. „Da ruft ein Bassist aus Ingolstadt an und sagt, für nächste Woche brauchen wir einen Trompeter. Dann trifft man sich, spürt gemeinsam die Musik und tritt dann zusammen auf. Immer in Aktion zu sein, das inspiriert einen.“

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