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Sammler aus Cham
Donnerstag, 18. Januar 2018 7

MZ-Serie

Er ist ein Natur-Erklärer und Anpacker

Markus Schmidberger aus Hohenwarth wollte schon als Kind Tierschützer werden. Heute verkörpert er den LBV wie kein Zweiter.
Von Steffi Bauer

Markus Schmidberger kümmert sich auch um die Fledermäuse im Landkreis Cham. Für seine Verdienste um den ländlichen Raum wurde ihm die Staatsmedaille in Bronze verliehen. Foto: cba

Hohenwarth.Wenn wir uns eine Leberkässemmel kaufen, nehmen wir damit Einfluss auf die Fische in der Chamb. Solche, auf den ersten Blick nicht offensichtliche Zusammenhänge, erfahren Schulkinder bei einem Besuch beim Landesbund für Vogelschutz (LBV) in der Alten Nößwartlinger Mühle. Denn für eine – billige – Leberkässemmel braucht man viele Billig-Schweine, die auch gemästet werden müssen. Durch den dafür nötigen Maisanbau wird viel Oberboden abgeschwemmt, der dann das Flussbett dicht und den Fischen das Ablaichen unmöglich macht, erläutert Markus Schmidberger. Zu zeigen, wie vernetzt jeder von uns mit der Umwelt ist, ist dem LBV-Geschäftsstellenleiter eine Herzensangelegenheit. Die Alte Nößwartlinger Mühle, wo man von 100 000 Quadratmetern Natur pur umgeben ist, wo Eisvogel, Biber und Sumpfeidechse zuhause sind und die Schwertlilien sprießen dürfen, ist dafür prädestiniert.

Auch die Pflege der Störche ist eine Aufgabe des LBV-Geschäftsstellenleiters. Foto: LBV

Seit 27 Jahren ist Schmidberger beim LBV, hat dort als Zivildienstleistender angefangen und wurde dann bald Geschäftsstellenleiter. Wenig überraschend für die, die ihn kennen. Denn seit seiner Kindheit war dem 48-Jährigen aus Hohenwarth klar, dass er sich beruflich einmal für den Tierschutz engagieren will. Damals lautete der Berufswunsch noch Tierarzt, aber „mangels schulischer Leidenschaft“, wie er augenzwinkernd sagt, war ein Studium nicht möglich. Die Alternative: eine Lehre im Münchner Zoo.

Mit dem Gesellenbrief in der Tasche ging es danach hinaus in die Welt, unter anderem zu einem Rangertraining nach Afrika. Mit einem Koffer voller Erlebnisse stellte sich, wieder zuhause in Deutschland angekommen, die Frage, wie er sich auch hier im Naturschutz einbringen kann – da kam die Stelle beim LBV gerade recht. Hier engagieren er und seine Mitarbeiter sich in zwei Arbeitssäulen für die Umwelt, oder die „Mitwelt“, wie Schmidberger sie nennt.

Markus Schmidberger ist ein begeisterter Erklärer: Dafür geht er auch schon mal auf Tuchfühlung mit einer Kreuzotter. Foto: Regina Pfeffer

Schließlich ist die Natur keine Kulisse, sondern vielmehr sind wir ein Teil von ihr. Die erste Säule ist die Umweltbildung oder die „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, durch die Kindergarten-, Schulkindern und allen Interessierten die Artenvielfalt vermittelt werden soll, außerdem die Zusammenhänge, wie unser aller Verhalten sich auf die Natur auswirkt. Die zweite Säule ist der klassische Arten- und Biotopschutz, in dem der LBV sich engagiert. Wichtiger denn je in einer Zeit, in der Insekten in wenigen Jahrzehnten um über 80 Prozent abgenommen haben.

Freizeit ist Mangelware

Aber nicht nur die Insekten gilt es zu schützen: „Wenn Du dir meinen Schreibtisch anschaust, findet Du über jede Art was“, sagt Schmidberger. Denn generell gibt es einen Verlust von Arten, ganz egal, ob es sich um eine Pflanze, ein Insekt oder einen Vogel handelt. Und wenn man sich im Haus des Chamer LBV-Chefs in Hohenwarth umsieht? Das Küchenmobiliar ist aus heimischer Buche gefertigt. Darauf steht keine Kapselmaschine, die kaum trennbaren Müll produziert. Stattdessen wird Besuchern frisch gemahlener Kaffee angeboten. Der Schrank stammt noch vom Uropa, im Kühlschrank findet man Bio-Lebensmittel, und in den Laptop, der schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, wurde, statt ihn zu entsorgen, eine neue Festplatte eingebaut – jetzt läuft er wieder. Nicht ständig konsumieren und wegschmeißen, das kann auch Spaß machen.

Lesen Sie hier alle Teile der Porträt-Serie „Köpfe aus dem Woid“

Wenn Tiere Hilfe brauchen, ist Markus Schmidberger zur Stelle. Foto: LBV

Abstriche hingegen muss man als Umweltschützer bei der Freizeit machen, und das nicht zu knapp. An diesem Wintertag, an dem er eigentlich frei hat, hat Schmidberger schon mit der Geschäftsstelle telefoniert und nach der Fledermaus auf seinem Dachboden gesehen. Und dann kommt, meist an einem Sonn- oder Feiertag – wenn die Menschen spazieren gehen, ein Anruf, dass ein verletztes Tier gefunden wurde. Sei es ein Igel, ein Vogel, ein Eichhörnchen oder gar ein Fuchs. An die 100 verletzten Tiere im Jahr sind es, um die Schmidberger und seine Mitarbeiter sich kümmern. Manchmal auch um die Menschen, die die Tiere gefunden haben. „Wenn man eine Fledermaus findet, die Hilfe braucht, soll man grundsätzlich Handschuhe tragen“, so Schmidberger. Nachdem ihn eine Frau anrief, die so ein Tier gefunden, aber leider nicht an die Regel gedacht hatte und prompt gebissen wurde, fuhr der LBV-Geschäftsstellenleiter mit ihr an einem Sonntag in die Regensburger Uniklinik, damit sie dort die vorgeschriebene Tollwutimpfung erhalten konnte. „Aber das machen wir gern, schließlich freuen wir uns, wenn die Menschen Herz zeigen für die Tiere“, versichert er.

Auch Schmidberger selbst wurde „schon von jedem Tier mal gebissen“, wie er laut überlegt, aber dafür, dass er fast täglich mit Tieren arbeitet, kommt es doch vergleichsweise selten vor. „Erstens trage ich Handschuhe, und zweitens weiß ich aus der Tierpflegerei, wie man ein Tier anfasst.“

LBV und Anerkennung

  • LBV-Zentrum

    Das LBV-Zentrum „Mensch und Natur“, eine vom Bayerischen Umweltministerium anerkannte Umweltstation, liegt in idyllischer Lage an der Chamb.

  • Auszeichnung

    Geschäftsstellenleiter Markus Schmidberger wurde für seine großen Verdienste um den ländlichen Raum die Staatsmedaille in Bronze verliehen .

Aber nicht nur im Umgang mit Fledermaus und Co. ist ein dickes Fell gefragt. Als Naturschützer hat man bekanntermaßen nicht nur Freunde, und wenn es um Fischotter, Biber oder Wolf geht, schlägt so mancher, der anderer Meinung ist als die LBV-Mitarbeiter, in Anrufen, E-Mails oder sogar im persönlichen Gespräch einen Ton an, der mit höflicher Konversation nichts zu tun hat. „Wir sehen die Konflikte, die es gibt“, betont Schmidberger. „Aber die Tierwelt kann nun mal nicht für sich selbst sprechen, deshalb müssen wir ihr eine Stimme geben. Wir wollen vermitteln, aber die Lösung kann doch nicht sein: ‚Das Tier gehört weg‘.“

Lesen Sie hier: Im Winterhotel der Flattermänner – Die Redaktion Cham steigt mit Markus Schmidberger ins Fledermaus-Land hinab. Das Bergwerk am Eck bietet vielen Arten Unterschlupf.

Seltene Arten als Bestätigung

Praktischer Artenschutz: Markus Schmidberger beim Ansiedeln eines Brachvogels. Foto: LBV

Zum Glück überwiegen die positiven Reaktionen. Und die Bestätigung, die der LBV für seine Arbeit bekommt, wenn ein Kind, das vor drei Jahren in der Alten Nößwartlinger Mühle war, sagt: „Es war toll bei euch“, das ist für Schmidberger eines der schönsten Erlebnisse überhaupt. „Wenn wir ihnen vermitteln können, dass die Natur etwas Schützenswertes ist, dann haben wir unser Ziel erreicht.“ Eine weitere unbezahlbare Bestätigung: „Wenn ich in der Regentalaue eine seltene Art sehe.“ Der Schutz der Lebensräume ist das Basisziel des LBV. Dafür ist in den Augen von Schmidberger eine nachhaltige Landwirtschaft unabdingbar, gerade auch bei uns im Bayerischen Wald. „Leider ist die europäische Agrarpolitik aber auf Masse ausgelegt – als Landwirt verdienst Du mehr, wenn Du intensiv statt extensiv wirtschaftest.“

Apropos wirtschaften: Schmidberger, der verheiratet war, hat einen Sohn, der in Regensburg Volkswirtschaftslehre studiert. Ist da bei der Erziehung etwas schief gelaufen? „Nein“, lacht der 48-Jährige. „Er ist ein Mensch mit einer guten Lebenseinstellung, der weiß, dass es ungerecht zugeht auf der Welt. Und dass man etwas dagegen tun muss.“ In der Masterarbeit seines Sohnes gehe es um „Seltene Erden“ und Ressourcenschutz. „Es ist gut, dass es auch in diesem Bereich Leute gibt, die sich für sinnvolle Dinge einsetzen.“

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