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Sammler aus Cham
Sonntag, 10. Dezember 2017 10

MZ-Serie

Sie macht Heimat für jeden begreifbar

Statt einer Karriere in der Ferne gab Melanie Rauscher der Idee bewussten Lebens in der Klostermühle Altenmarkt ein Zuhause.
Von Steffi Bauer

In der Klostermühle Altenmarkt mit der historischen Einrichtung und dem Museum von Melanie Rauscher kann man viel über die Mühlengeschichte erfahren. Fotos: Steffi Bauer

Cham.Gerade ist man noch am Trubel des Chamer Gewerbegebiets Janahof vorbeigefahren, schon landet man, nur wenige Meter entfernt, in einer ganz anderen Welt. Am südlichen Stadtrand von Cham, im Ortsteil Altenmarkt, liegt am Quadfeldmühlbach die Klostermühle Altenmarkt – ein geschlossener Vierseithof. Die historischen Gebäude und die Bäume spiegeln sich im Wasser. Unkraut darf hier sprießen. Der Lärm der Stadt scheint weit weg. Kein Wunder, dass sich Melanie Rauscher und ihr Mann Alfred in die Mühle verliebten – die schon 1135, also vor fast 900 Jahren, erstmals urkundlich erwähnt worden ist – und ihr neues Leben einhauchten.

Melanie Rauscher in ihrem Bauernladen in der Klostermühle Altenmarkt. Fotos: Steffi Bauer

Betritt man den Bauernladen, der heute zur Klostermühle gehört, sieht man gleich, worauf hier großer Wert gelegt wird. Saisonales Obst und Gemüse, Eingelegtes, Eingekochtes, gesunde Säfte und Teesorten, Käse, Wurst, Brot und vieles mehr füllen den kleinen Raum aus. „So sieht Rosenkohl also aus, wenn er noch nicht in einem Netz oder in einer Tiefkühl-Plastikverpackung gelandet ist“, stellen viele Kunden erstaunt fest, wenn sie ihn in dem Laden das erste Mal sehen, berichtet Melanie Rauscher. Und dass die Kunden das Gemüse in dieser Form wahrnehmen, ist ihr auch ganz wichtig. Gerade in einer Zeit, in der in der Lebensmittelindustrie die Massenproduktion überwiegt.

Das Thema „Gesunde Ernährung“ hat für die 51-Jährige, die in Willmering aufgewachsen ist, schon seit jeher eine große Rolle gespielt. „Ich habe immer gerne gekocht und Kuchen gebacken“, erinnert sie sich. Auch der Wunsch, Ernährungswissenschaften zu studieren, war rasch klar. Nach dem Abitur am Fraunhofer-Gymnasium entschied sie sich, um die Wartezeit aufgrund des damals geltenden Numerus Clausus zu überbrücken, zunächst für eine Lehre zur Hauswirtschafterin im ländlichen Bereich. „Das war sehr spannend, ich durfte überall mitmachen – vom Melkkurs bis zum Hühnerschlachten.“ Viel Basisarbeit und das Erlernen praktischer Fähigkeiten haben dazugehört, und es sei auch eine wertvolle Erfahrung gewesen, zu sehen, wie abhängig man von der Natur ist: „Ein Landwirt lebt mit der Natur. Wenn das Heu draußen ist und ein Gewitter aufzieht, hilft es nichts, sich grün und blau zu ärgern – darauf hat man keinen Einfluss.“

Rund um die Klostermühle

  • Privates:

    Melanie Rauscher und ihr Mann Alfred haben drei Kinder.

  • Betrieb:

    1994 haben sie die Klostermühle Altenmarkt erworben und 1998 mit den Sanierungsarbeiten begonnen. Seit 2001 erstrahlt die Mühle in neuem Glanz.

  • Aktionen:

    Neben Bauernladen, Gastronomie und den Veranstaltungsräumen gibt es dort etliche feste Termine im Jahr, wie die Theaterführungen „Mühlen, Mägde, Männerträume“, den „Rawuckerlmarkt“ oder, an diesem Wochenende, die „Winterstimmung“ mit Weihnachtströdelmarkt und Lesungen von Gabriele Kiesl und Rolf Stemmle.

Bayerwald statt Saarland

Auf die Lehre folgte das Studium der Ökotrophologie an der Technischen Universität München in Weihenstephan, wo Melanie Rauscher das theoretische Hintergrundwissen erwarb. Die Diplomarbeit war dann wieder praktischer Natur, es ging um die „Arbeitsorganisation im Großhaushalt“, und zwar in der Bayerwald-Klinik in Windischbergerdorf. Dort bekam sie nach bestandenem Abschluss auch gleich ein Jobangebot, war sich aber nicht sicher, ob sie nach den Jahren in München gleich wieder in den Bayerischen Wald zurückkehren oder sich nicht doch noch etwas von der Welt ansehen sollte. „Damals war ich noch nicht gebunden, und auch der frühere Freundeskreis hatte sich zerstreut. Deshalb hat mich nicht so viel nach Hause gezogen“, erinnert sie sich. „Irgendwann dachte ich mir aber: Warum sollst du nicht zurückgehen?“, und so schlug sie ein Angebot im 500 Kilometer entfernten Saarland aus und sagte zu in der Bayerwald-Klinik.

Ein Ort, wo Wissen weitergeben wird

Auf der Speisekarte finden sich alte Gerichte wie beispielsweise Zwirl, „Schoppala“, „Weiße Suppe“, „Fuchsnfouda“ und Ritschi. Fotos: Steffi Bauer

Die Rückkehr in den Landkreis, die sie nie bereut hat, brachte ihr auch in privater Hinsicht Glück: Auch ihr Mann stammt von hier. Nach der Geburt der ersten Tochter arbeitete sie in Teilzeit weiter; als Tochter Nummer zwei auf der Welt war, entschied sie sich stattdessen dafür, ihr Wissen freiberuflich weiterzugeben. „Damals ging es schon los damit, dass Krankenkassen Ernährungskurse zur Vorbeugung bezahlen“, berichtet sie. Zunächst hält sie Kurse für Ersatzkassen, bald auch für die Volkshochschule. „Das war ganz praktisch: Mein Mann arbeitet tagsüber im Landratsamt, und ich habe abends die Kurse gemacht, wenn er daheim bei den Kindern war.“ Im Dezember 1994 kaufen sie die Klostermühle. Ihr Mann habe schon immer ein altes Gebäude renovieren wollen, so Melanie Rauscher, allerdings wollten beide nicht aus Willmering wegziehen, wo sie auch heute noch leben. Und so wurde es der Vierseithof am Quadfeldmühlbach, der damals nahezu leerstehend war: Die alte Müllnerin lebte noch im Nebengebäude. „Der Vorbesitzer war begeistert, dass der Mühle neues Leben eingehaucht wird“, so Melanie Rauscher. Und sie und ihr Mann, der ein Studium der Lebensmittelchemie absolviert hat, hatten auch schon einige Ideen für die spätere Nutzung der Klostermühle.

Lesen Sie hier alle Teile der Porträt-Serie „Köpfe aus dem Woid“

Seit die Renovierung abgeschlossen ist, erstrahlt die Mühle in neuem Glanz. Rauscher und ihrem Mann ist es wichtig, ländliches Kulturgut zu dokumentieren und wiederzubeleben, und so entwickelten sie ein Konzept zur öffentlichen Nutzung der Räume. Neben VHS-Kursen finden dort unter anderem Kochkurse, Wildkräuterführungen, Schulungen, Gesprächsrunden, Konzerte und Ausstellungen statt.

Gekocht wird, wie in früheren Zeiten, noch in einem Holzofen. Fotos: Steffi Bauer

Der Bauernladen gehört mit dazu, ebenso wie die Gastronomie mit Guter Stube, Schänke, Biergarten und Innenhof. Auch hier achtet die Diplom-Ökotrophologin auf die Regionalität und Saisonalität der Zutaten. „Wir wollten ein Zentrum schaffen, in dem man Einheimisches erlebbar und erfahrbar machen kann“, sagt sie. Dabei könne man nicht nur die Wirtschaftlichkeit sehen, es stecke auch viel Ehrenamt mit drin. Aber Melanie Rauscher ist es ein großes Anliegen, dass Kindergarten- und Schulkinder sehen, wie Apfelsaft gepresst, Marmelade gekocht und Sauerkraut eingemacht wird.

Mit Hollerküchl gegen die Demenz

1998 hat sie außerdem als Dozentin an der Altenpflegeschule in Bad Kötzting angefangen, später auch an der Tourismusakademie. So viel Herzblut in der Klostermühle steckt, ihre Dozententätigkeit will Melanie Rauscher nicht aufgeben: „Mir ist es wichtig, dass altes Wissen nicht verfällt.“ An der Altenpflegeschule macht sie deshalb viel Biografiearbeit. „Wenn zum Beispiel ein dementer Mensch den Duft von Hollerküchl wahrnimmt, dann ist das für ihn ein sensorischer Reiz, etwas Vertrautes aus seiner Kindheit.“ In ihrem Unterricht spielt die Ernährung, wie sie früher war, eine große Rolle, in einer Zeit, in der es noch keine Plastikschüsseln und keine Kühlschränke, zumindest für die meisten, gegeben hat. „Wenn wir den jungen Leuten die Traditionen näherbringen, können sie die Senioren besser erreichen.“

Es gibt also immer viel zu tun zwischen Dozententätigkeit und Klostermühle – aber zumindest eine Sache bleibt Melanie Rauscher erspart: „Zum Glück haben wir unsere Wildkräuterführungen. Deshalb müssen wir die Brennnesseln auf dem Gelände nicht ausrupfen. Ansonsten müssten wir für das ‚Unkraut‘ an die drei Hausmeister beschäftigen“, schmunzelt sie.

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