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Samstag, 21. Oktober 2017 19° 3

Geschichte

NS-Opfer bekommen einen Namen

In Hersbruck existierte ein Außenlager des KZ Flossenbürg. Ein Doppel-Gedenkort erinnert nun an das Schicksal der Häftlinge.
von Christine Strasser, MZ

  • Vittore Bocchetta gehört zu den Häftlingen, die den Einsatz im Lager Hersbruck überlebten. Sein Selbstporträt „Nummer 21631“ scheint in einer Projektion im neuen Gedenkort auf. Foto: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg
  • Ein Bohrhammer der für den Stollenbau von KZ-Häftlingen verwendet wurde ist am Dokumentationsort Happurg ausgestellt. Foto: dpa

Hersbruck.Auf die Schrecken, die sich im KZ-Außenlager in Hersbruck zugetragen haben, deutet heute nur noch wenig hin. In den 1950er Jahren ließ die mittelfränkische Kleinstadt die mehr als 30 Baracken, die am östlichen Stadtrand standen, abreißen. Eine Wohnsiedlung entstand und ein Tennisplatz wurde gebaut. Doch es soll nicht vergessen werden, dass sich hier von Juli 1944 bis April 1945 das zweitgrößte Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg befand. Die Stiftung Bayerische Gedenkstätten und die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg eröffnen am Montag einen neu errichteten Doppel-Gedenkort Hersbruck/Happurg.

1936 wurde in Hersbruck eine Reichsarbeitsdienst-Kaserne errichtet, 1944 entstand auf dem Gelände ein KZ. Foto: Stadtarchiv Hersbruck

In dem Lager in Hersbruck, das auf dem Gelände einer Kaserne des Reichsarbeitsdienstes errichtet wurde, waren bis zur Räumung 9000 Häftlinge aus fast ganz Europa gefangen. Die Hersbrucker SS zählte fast 400 Mann. Unter ihrem Kommando mussten die Gefangenen im benachbarten Happurg ein unterirdisches Stollensystem anlegen, um Rüstungsindustrie dorthin verlagern zu können. Der sogenannte Doggerstollen sollte die BMW-Flugzeugmotorenfabrik Allach aufnehmen. Von den geplanten 120 000 Quadratmeter Stollenfläche wurden bis zur Räumung des Lagers jedoch weniger als 15 000 Quadratmeter ausgebrochen. Rüstungsgüter wurden in dem Stollen nie produziert.

Jeder zweite Häftling starb

Hersbruck gehörte wie das Hauptlager zu den schlimmsten Orten des Flossenbürger Lagersystems. Die Zwangsarbeit und die katastrophalen Bedingungen forderten extrem viele Tote. Etwa jeder zweite Häftling überlebte nicht. Der Dokumentationsort Hersbruck/Happurg, der an dieses Lager erinnert, besteht aus zwei aufeinander ausgerichteten Installationen. Die eine befindet sich am ehemaligen Ort der Unterbringung der KZ-Häftlinge in Hersbruck, die andere am ehemaligen Ort der Zwangsarbeit in Happurg. Die Stollenanlage ist stark einsturzgefährdet und nicht mehr zugänglich. In Happurg wurde deshalb eine Aussichtsplattform errichtet. Sie stellt einen Sichtbezug nach Hersbruck her und macht den etwa 4,5 Kilometer langen Weg anschaulich, den die Häftlinge zweimal täglich zurücklegen mussten. In einer Vitrine wird ein Bohrhammer gezeigt, der beim Stollenbau benutzt wurde. An einer Audiostation können Besucher die Interviews mit drei überlebenden Häftlinge hören, die über den Vernichtungscharakter der Zwangsarbeit berichten.

Blick auf den KZ- Dokumentationsort Hersbruck: In einem Kubus wird über das Schicksal der 9000 Häftlinge informiert. Foto dpa

In Hersbruck bietet ein begehbarer Informations-Kubus einer größeren Besuchergruppe Platz. Die individuellen Schicksale der Gefangenen stehen im Mittelpunkt. Alle bekannten Namen der mehr als 9000 Häftlinge scheinen in einer Projektion auf. Etwa 90 sind in weißer Farbe geschrieben und auf Abruf durch die Besucher mit weiteren Hintergrundinformationen unterlegt. Durch die Beschreibung der höchst unterschiedlichen Haftwege wird exemplarisch die Besetzung Europas durch das NS-Regime erzählt. Es wurde bewusst hingenommen, dass andere Aspekte der Lagergeschichte wie beispielsweise die Organisation der Bautätigkeit in den Hintergrund treten, wie Dr. Matthias Rittner, der seitens der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg für das Projekt Dokumentationsort Hersbruck/Happurg zuständig ist, wissen lässt. Es geht um die Opfer.

„Die Erinnerung an die Verbrechen in den Konzentrationslagern wandelt sich, wenn keine Zeitzeugen mehr unter uns sind“, erklärt Karl Freller (CSU), Direktor der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten. „Dann wird es wichtiger denn je sein, an den historischen Orten über das damalige Geschehen zu informieren, gerade wenn – wie in Hersbruck und Happurg – bauliche Spuren nicht mehr vorhanden oder nicht mehr zugänglich sind.“

Für das gestalterische Konzept des Dokumentationsortes zeichnet das Büro Bertron Schwarz Frey verantwortlich, das in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg bereits die zweite Dauerausstellung „Was bleibt – Nachwirkungen des Konzentrationslagers Flossenbürg“ gestaltet hat. Die Gesamtkosten für die baulichen Maßnahmen sowie für die Sachkosten belaufen sich auf 800 000 Euro. Der Doppel-Gedenkort soll Modellcharakter für Orte mit einer vergleichbaren Geschichte haben. In den oberbayerischen Städten Mühldorf am Inn und Kaufering sind ähnliche Stätten geplant oder bereits am Entstehen.

Lesen Sie hier den Kommentar von MZ-Redakteurin Christine Straßer zum Gedenken an die Opfer des NS-Terrors:

Kommentar

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Badegäste blickten auf Wachtürme

Frappierend am Außenlager-Komplex Hersbruck und Happurg ist, wie eng er mit dem zivilen Umfeld verquickt war. Das Lager in Hersbruck grenzte unmittelbar an das Strudelbad an der Pegnitz. Für die Schwimmbadbesucher waren die hölzernen Wachtürme ein ständiger Anblick. Auch der Marsch der Häftlinge zum Stollen in Happurg fand unter den Augen der Öffentlichkeit statt. Tote wurden teilweise unter freiem Himmel verbrannt.

Die Verbrechen im Außenlager Hersbruck waren Gegenstand des Dachauer Flossenbürg-Prozesses. Im Mai 1950 fand vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth ein Strafverfahren gegen 20 Angeklagte statt. Die verhängten Haftstrafen wurden später größtenteils reduziert.

Nach 1945 wurde die ehemalige SS-Kommandantur zur Hauptschule und später zum Finanzamt umgebaut. Das Erinnern an die Verbrechen war in Hersbruck nicht unumstritten. 1983 stiftete der bayerische Jugendverband des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) einen Gedenkstein, der am letzen noch erhaltenen Gebäude des KZ-Außenlagers angebracht wurde. Dem war eine hitzige Kontroverse vorausgegangen. 2007 wurde die ehemalige Kaserne des Reichsarbeitsdienstes und SS-Kommandantur abgerissen und machte einem Neubau des Finanzamtes Platz. Der Dokumentationsort sorgt nun dafür, dass das Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Hersbruck bewahrt wird.

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