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Region Franken
Samstag, 16. Dezember 2017 10

MZ-Serie

Fränkisch und friesisch verknüpft

In den gemütlichen Ratsstuben Wunsiedel gibt es neben heimischen Traditionsgerichten auch Spezialitäten aus dem Norden.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Mit Blechprinz (ein Gastgeschenk) und historischen Keramikfässern auf dem Tresen: Katja und Frank Hammermüller, seit neuneinhalb Jahren die Wirtsleute der Ratsstuben in Wunsiedel. Fotos: Gabi Schönberger
  • Die neuzeitliche Verkleidung aus poliertem Kunststein an der Fassade
  • Der gemütliche Biergarten leuchtet im Sommer mit tausenden Blüten.
  • In die Gaststube und in den Nebenraum passen 70 Gäste.

Wunsiedel.„Ich bin gerne in dir geboren, du kleine aber gute, lichte Stadt“, schrieb Wunsiedels größter Sohn, der Dichter Jean Paul (1763-1825). Das kleine Wunsiedel (9200 Einwohner) ist gar nicht arm an großen Söhnen. Wer seine Straßen und Gassen durchstreift, kommt an einem Karl-Sand-Platz vorbei – hier stand das Geburtshaus des Burschenschaftlers Carl Ludwig Sand, der am 23. März 1819 den Dichter August von Kotzebue mit mehreren Dolchstichen in die Brust und den Worten „Hier, du Verräter des Vaterlandes!“ ermordete.

Auch der Prominentenmaler Heiner Grimm (1913-1985) war ein Sohn dieser Stadt. Am Haus Maxstraße 22 hängt eine Gedenktafel, die daran erinnert, dass hier das Stammhaus der Familie Pachelbel war. Der Wunsiedler Weinhändler Johann Pachelbel war der Vater des berühmten Barockkomponisten gleichen Vornamens. In diesem Haus wurde 1876 auch Wilhelm Wirth geboren – Science-Fiction-Autor und später Begründer der experimentellen Psychologie. Ab 1935 forschte er im Auftrag der Wehrmacht an Apparaten, die die Auge-Hand-Koordination beim Schießen verbessern sollten.

Vor allem aber befindet sich seit dem 9. Februar 1889 an dieser Stelle ein Wirtshaus. Zunächst hieß es „Hönicka=Bräu. Restaurant Centralhalle“. Julius Ferdinand Hönicka hatte eine Konzession für die „Verleitgabe von kalten und warmen Speisen während des Bierausschankes für das Haus Nr. 17“ erlangt. Heute lautet die Hausnummer 22 und die Gaststätte heißt „Ratsstuben“ mit ihrem Motto „Essen – trinken – waafn“ (ratschen).

Norddeutschland und Nordbayern

Die fränkisch-friesische Kulturmelange, die hier seit neuneinhalb Jahren liebevoll praktiziert wird, dürfte weit und breit einzigartig sein. Wirt und Küchenchef Frank Hammermüller (52) ist gebürtiger Waldsassener und hat sein Handwerk in Bischofsgrün gelernt. Nach seiner Bundeswehrzeit und einem Engagement im Sheraton Essen Hotel kochte er 20 Jahre lang im Restaurant Burgwächter in Nürnberg.

Seine Frau Katja (48) kam in Westerland auf Sylt zur Welt, weil ihr Papa Oberbootsmann bei der Marineversorgungsschule in List war. Aufgewachsen ist sie in Wilhelmshaven, studiert hat sie an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg – und zwar Mathematik und Kunst für das höhere Lehramt. Vorher schloss Katja Hammermüller eine Friseurlehre ab, jede Prüfung mit der Note 1,0. So hatte sie immer gute Studentenjobs, z. B. bei der Ausstattung von Modeschauen.

Durch einen Zufall und eine Anzeige in der Frankenpost wurde das Ehepaar auf das leerstehende Lokal in Wunsiedel aufmerksam: „Auf den zweiten Blick fanden wir’s schnuckelig“, sagt sie, und mit der Brauerei Hönicka war man sich bald einig.

Die Hönickas brauen Bier seit dem 15. Jahrhundert. Am 30. Juni 1785 besuchte Goethe Wunsiedel und bestieg mit Johann Georg Hönicka den Katharinenberg. Danach probierte man das dunkle, süffige Spezialbier, das heute unter dem Namen „Wonnesud“ getrunken wird. In den Ratsstuben gibt es sechs Hönicka-Biere vom Fass.

Die fränkisch-friesische Küche hat sich in Wunsiedel und Umgebung bald herumgesprochen. Selbstverständlich gibt es die heimischen Klassiker wie Schäufele, Sauerbraten mit Kloß und Blaukraut, Rinderroulade, Kronfleisch (Reservierung erbeten), wundervolle Bratwürste, Bärlauch-Hackbraten mit Bratkartoffeln. Frank Hammermüllers Soßen sind berühmt. „Ich mach’ aber auch Thai-Curry, Paella oder Königsberger Klopse“, sagt er, „und zwar, wenn mir danach ist.“

Echte Pinkelwurst im Eigenimport

Allerdings gibt es eben auch Grünkohl mit Pinkel (geräucherte, grobkörnige Wurst); der Name stammt von Pünkel (Wurstmasse im Darm). Echte Pinkelwürste werden von den Hammermüllers im gekühlten Kofferraum aus Wilhelmshaven importiert. Dann steht das echte Seemanns-Labskaus auf der Karte. Labskaus gehört zu den kulinarischen Heiligtümern des Nordens und ist so alt wie die christliche Seefahrt. Es besteht aus zerkleinertem Fleisch mit Kartoffeln, Roter Bete und wird mit Spiegelei, Gurke und Rollmops gereicht. „Es ist lustig, wenn unsere Gäste das zum ersten Mal probieren“, erzählt die Wirtin, „neugierig, doch voller Skepsis. Und wie sich ihre Züge entspannen und sie ,Ah!‘ sagen.“

Auch Edelschnäpse der kleinen Familienbrennerei Amon in Bammersdorf bei Forchheim gehören zum Sortiment. Besonders schön ist es im Biergarten (50 Sitzplätze), der sich jeden Sommer in ein Blütenmeer verwandelt. Kartler und Vereine verkehren gern hier: der Motorsportclub Wunsiedel oder der Lehrer-Stammtisch.

Von den Luisenburg-Festspielen kommen Maskenbildner und Schneider, weniger Schauspieler: „Doch. Claude-Oliver Rudolph, der Bösewicht vom Dienst, war mal hier“, sagt Wirtin Katja. „Und Innenminister Friedrich“, ergänzt Frank Hammermüller. „Erst erschienen vier Vögel mit Headsets und öffneten alle Schränke. Dann erschien ,Er‘ und trank einen Kaffee.“

Lage des Gasthauses:

Weitere Teile unserer Serie „Historische Wirtshäuser im Osten Bayerns“ lesen Sie hier.

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