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Region Franken
Freitag, 15. Dezember 2017 3

MZ-Serie

Hinter der Hölle herrscht Harmonie

Historische Wirtshäuser: Im einstigen Vereinsheim „für bessere Stände“ in Lichtenberg bekommt man heute gehobene Küche.
Von Thomas Dietz, MZ

Lichtenberg.Über dem Höllental im Naturpark Frankenwald, umgeben von Selbitz und Saale, liegt das Ritterstädtchen Lichtenberg. Einen Kilometer weiter ist man schon in Thüringen. Es ist gleich zu spüren, dass dies ein bemerkenswerter Ort ist: die an den Burgberg gelehnte Stadt übt einen gewissen Reiz aus – außerdem ist man soeben durch das Dorf „Hölle“ gekommen und also auf allerhand gefasst.

Durch Gassen und Winkel strebt man auf den Schlossberg mit Burgruine und dem 25 Meter hohen Turm, der tipptopp in Ordnung ist. Was da unten im Tal dampft, ist die 1882 gegründete Zellstoff- und Papierfabrik Rosenthal in Blankenstein – zu DDR-Zeiten gab es hier einen 175 Meter hohen Schornstein, der seine üblen Abgase weithin verteilte. Das ist gottlob vorbei.

Im Höllental sprudelt eine der tiefsten Quellen Bayerns (262 Meter) – das Wasser heißt natürlich „Höllensprudel“. Lichtenberg hat eine charmante Aura, aber die Stadt, die vor 679 Jahren, zu Zeiten des Grafen Otto VI. von Orlamünde, ihr Stadtrecht erhielt, hat ein schlimmes Schicksal hinter sich: Belagerungen, Beschießungen, Hungersnöte und Pest. Stadt und Burg Lichtenberg wurden nicht weniger als zwölfmal durch Feuer zerstört.

Am Ende hat man darauf verzichtet, die Burg, einst eine der schönsten im Frankenlande, wieder aufzubauen. Die geschwärzten, aber präzise behauenen Steine fanden für neue Bürgerhäuser Verwendung. Übrig blieben nur die Kellergewölbe. Der Aussichtsturm stammt aus dem Jahr 1936.

„Männer unbescholtenen Rufes“

1823 wurde die „Geschlossene Gesellschaft Harmonie“ gegründet – von „Männern unbescholtenen Rufes, von Bildung und Sittlichkeit“. Die „wohlsituierten Herren“ wünschten gepflegte Geselligkeit mit Bier, Gesang und Kegelspiel und bauten an der alten Fronfeste des Burggeländes auf eigene Kosten ein ihnen gemäßes Vereinsheim mit unglaublich schönen, trapezförmig kassettierten Holzdecken.

Dieses edle Haus mit dem Restaurant Harmonie ist seit 1981 im Besitz der Familie Lentz. Es gibt gehobene, fränkisch-traditionelle „Küche mit Weitblick“ und „Slowfood“-Philosophie. Vor zehn Jahren übernahmen die Schwestern Iris Steiner (41) und Susanne Däumer-Lentz (31) von Papa Richard Lentz (67; Koch) den Betrieb; der Bildband „Bayerische Weiberwirtschaft’n – Refugien für Leib und Seele“ ist im Restaurant erhältlich.

Dass die vielen Stammgäste oft das „Gefühl haben, heimzukommen“, glaubt man aufs Wort. Es sind nicht nur die 60 gemütlichen Plätze, der dunkelgrüne Kachelofen und die reizende Empore (im Sommer kommen noch 40 Terrassenplätze mit Talblick unter einer alten Kastanie dazu). Es ist die gute Laune, die verbreitet wird: „Bei uns wird viel gelacht“, sagt Susanne Däumer-Lentz, „gerade bei Stress. Bei uns ist das ganze Jahr Lentz

Blick von der Galerie auf den Tresen und den „Saal“ mit 36 Sitzplätzen Foto: Schönberger

.“Da gibt es z. B. echte fränkische Schiefertrüffelsuppe, eine Rarität (Pisolitus arhizus), auch Erbsenstreuling oder böhmischer Trüffel genannt. Man findet ihn tatsächlich unter dem heimischem Schiefer. Gäste schätzen auch in Wurzelsud gegartes oder in Mandelbutter gebratenes Saiblingsfilet, geschmorte Wildhasenkeule in Wacholdersoße mit Kartoffelklößen, Rotkraut und Preiselbeeren oder einfach fränkische Rostbratwürstchen.

Natürlich hilft der Papa in der Küche: ob es beim Krautansetzen, Semmelknödel-, Leberwurst- oder Sülzemachen ist. Schwiegersohn Maik Bäumer (31) hat ihm einen Rotkrautstampfer gedrechselt – er kann handwerklich ziemlich alles, und so jemanden muss es in jedem Haus geben.

„Raubritter dunkel“ vom Fass

Hauseigene Sorbets nehmen einen eigenen Rang ein: Himbeere, Ananas, Mango, Blaubeere, Zwetschge – immer aus selbstbereiteten Fruchtpürees – mit Franken-Secco vom Juliusspital oder mit Champagner aufgegossen.

Die Schokoladenküchle mit Rotweinkirschen, Vanilleeis und selbst gemachtem Eierlikör haben es auch in sich. Ausgeschenkt werden neben fränkischen Weinen Meinel-Bräu aus Hof und Raubritter dunkel vom Sonnenbräu im heimischen Lichtenberg.

Dass im Restaurant Harmonie ständig prominente Gäste einkehren, liegt auch an der Internationalen Musikbegegnungsstätte in der Jugendstilvilla des Geigenvirtuosen Henri Marteau (1874-1934). Hier finden Meisterkurse und der Internationale Violinwettbewerb Henri Marteau statt. Die Sopranistin und Hochschullehrerin Edda Moser war da, Chris de Burgh nach seinem Auftritt bei „Wetten, dass..?“ in Hof, Mireille Mathieu, Bill Ramsay, der Tenor Siegfried Jerusalem, Gabriele Krone-Schmalz, das Kölner Klaviertrio und viele andere. Sie lieben das unaufgeregte Ambiente im Restaurant Harmonie unter dem Credo „In einer Zeit ohne Zeit nehmen wir uns die Zeit.“

Lustig war’s auch mit dem leider 2015 gestorbenen Schauspieler und Autor Georg Lohmeier („Königlich-Bayerisches Amtsgericht“). Natürlich schrieb er seinen Lieblingsspruch ins Gästebuch: „Mia brauch’ ma koan Kini, aba scheena waars scho.“

Lage des Restaurants:

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