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Freitag, 15. Dezember 2017 6

MZ-Serie

In Selb ist Hausgeist Philip präsent

Das Rosenthal Casino ist mehr als nur ein Gasthaus mit Kunst aus den 60er Jahren. Hier zelebriert man ein Lebensgefühl.
Von Thomas Dietz, MZ

Sebastian und Sandra Körber, die seit 2001 das Rosenthal Casino betreiben: Hier wird jene Tischkultur gelebt, die man seit jeher mit dem Namen Rosenthal verbindet. Foto: Gabi Schönberger

Selb.Wenige Orte dürften über einen Hausgeist verfügen, der so präsent ist wie dieser. Hunderte von Kunst- und Design-Objekte und Anekdoten sind in diesem Casino mit dem legendären Porzellan-Unternehmer Philip Rosenthal verknüpft, der 2001 starb, aber gleichsam immer noch anwesend ist.

Der Aufenthalt im Rosenthal Casino ist etwas Schönes und Besonderes, wie häufig man auch zum Essen oder zum Übernachten herkommen mag. Die Kunst im Avantgarde-Stil der 60er Jahre, die rotbraunen Teakhölzer, der Fußboden aus russischer Mooreiche, die weiße Tischwäsche und das herrliche Rosenthal-Porzellan sind das Eine. Die gehobene fränkisch-internationale Küche von Sebastian Körber, der mit seiner Frau Sandra das Rosenthal Casino vor 15 Jahren übernommen hat, sind der andere Pluspunkt.

Sebastian Körber hat hier vor 25 Jahren seine Ausbildung zum Koch begonnen – unter dem langjährigen Casino-Chef Horst-Dieter Menne. Drum kennt er auch alte Geschichten wie diese: bei einem Arbeitsessen mit dem damaligen Finanzvorstand Dr. Albert Kaltenthaler bestellten alle vier Herren das damals schon legendäre Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln. Der Ober rief in die Küche: „Drei Schnitzel ... und eins für Dr. Kaltenthaler.“ „Diese Geschichte kenne ich vor allem mit Philip Rosenthal selbst“, ergänzt Sebastian Körber und lächelt.

Im damaligen Schlosshotel Thiergarten in Bayreuth lernte Körber seine Frau Sandra kennen, die Hotelfachfrau ist. Als er Küchenchef im Luzerner Château Gütsch war, erzählte ihm sein früherer Chef Menne am Telefon, dass er aufhören wolle und ob er nicht ...?

Altfränkische Stube als Kontrast

An der Wand: Künstlermaske von Andreas von Weizsäcker Foto: Gabi Schönberger

2001 übernahmen die Körbers das Rosenthal Casino mit seinen 20 Künstlerzimmern (34 Betten) – jedes eigenwillig gestaltet von u. a. Otmar Alt, Marcello Morandini, Bjørn Wiinblad oder Raymond Loewy, dem Erfinder des roten Coca-Cola-Kühlschrankes. Die altfränkische Stube mit dem Porzellanofen, der einst im nahen Schloss Erkersreuth stand, bildet einen gewissen Kontrast. In der Küche gab es nie Kompromisse: es wird mit frischen, regionalen Produkten auf gehobenem Niveau gekocht, das Verhältnis Fleisch-Fisch beträgt ungewöhnliche 50:50, die Pasta kommen aus der neu gegründeten Firma „Körber Feine Pasta“, sind vegan und bestehen nur aus Hartweizengrieß, Olivenöl und Wasser. Eine Fritteuse gibt’s hier natürlich nicht.

Das Rosenthal Casino: Glasfassade und Dachausbauten sind neu. Foto: Gabi Schönberger

Für die Rosenthal AG kamen allerdings bittere Zeiten: 2009 brach der Waterford-Wedgwood-Konzern, der 90 % der Aktien hielt, zusammen. Der Verkauf an den italienischen Besteckhersteller Sambonet-Paderno scheint aber ein echter Glücksfall zu sein, denn seitdem geht es wieder kontinuierlich bergauf. So wurden die entlassenen Porzellanmaler aus Tschechien wieder zurückgeholt. „Dottor Coppo ist auch ein großer Unternehmer“, sagt Sebastian Körber, „aber ganz anders exzentrisch als Philip Rosenthal.“ Pierluigi Coppo aus Mailand bewohnt für 2 bis 3 Tage pro Woche ein Zimmer unterm Dach des Rosenthal Casinos.

In das Haus, ursprünglich eine Jugendstilvilla von 1912, wurde kräftig investiert: Heizung, WLAN, Glasfassade, Brandschutz. Alle Bäder sind neu: „In den 60ern hatten die Duschen eine Einstiegshöhe von 30 cm, das war damals so“, erläutert Sebastian Körber.

Viele Gäste im Rosenthal Casino stecken voller Erinnerungen und erzählen etwa: Ich habe 1965 an diesem Tisch gesessen. Oder: ich war Kindermädchen bei dem und dem. Sie sitzen vergnügt in den gemütlichen Lederbuchten – geformt nach den Körper-Proportionen von Philip Rosenthal.

Philip Rosenthal saß an Tisch 8

60er-Jahre-Design: im Hintergrund Philip Rosenthals Bierflaschenwand Foto: Gabi Schönberger

Man schaut auf die beleuchtete Glaswand aus Bierflaschenböden, die Rosenthal entworfen hat. Oft kam er in die Küche, schaute in die Töpfe und sagte: Ich hätte gern das, das und das. Dann saß er an „seinem“ Tisch 8, von dem aus er alles im Blick hatte – vorzugsweise mit seinen Künstlerfreunden Marcello Morandini und Bjørn Wiinblad. Ihr dröhnendes Gelächter haben manche heute noch im Ohr.

Heute steht roh marinierter Thunfisch mit Avocado-Ingwer-Creme und eingelegten Gurken auf der Karte, Rinderfilet mit Rosmarinkartoffeln an grüner Pfeffersauce und als Dessert Weißes Schokoladenparfait mit Erdbeer-Rharbarber und knuspriger Hippe. Die Wildspezialitäten stammen aus den umliegenden Wäldern.

Sichtlich gut gelaunte Familien beziehen ihre Künstlerzimmer – man sieht sie später mit riesigen Tüten aus dem Rosenthal Outlet Center kommen. Die meisten besichtigen am nächsten Tag das Porzellanikon, das staatl. Porzellan-Museum in einer 1969 stillgelegten Rosenthal-Fabrik.

Noch im hohen Alter, als sich Philip Rosenthal längst aus der Firma zurückgezogen hatte, genoss er eine unanfechtbare Autorität. Kaum hatte der 84-Jährige, der mit Anfang 20 auch Fremdenlegionär und später SPD-Abgeordneter war, kritisiert, dass ihn die neuen Neonleuchten aus dem Flur blendeten, wurde schon eine schützende Milchglas-Scheibe montiert.

Lage des Rosenthal Casino in Selb:

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Alle Teile der MZ-Serie über Historische Wirtshäuser finden Sie hier.

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