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Region Franken
Dienstag, 21. November 2017 7

Bauwerk

Tief unten lagerten Mensch und Bier

In den Nürnbergern Felsengänge gärte das Bier. Die Steinmetze haben mit den Gewölben aber auch einen Lebensretter geschaffen.
Von Bernard Darko, dpa

Wo einst die Menschen Schutz vor den Bomben suchten, begeben sich heute Touristen auf Spurensuche. Fotos: dpa

Nürnberg.Der Bierdurst machte die Nürnberger vor langer Zeit ziemlich erfinderisch. In purer Handarbeit hauten sie über 500 Jahre hinweg – also vom 14. bis zum 19. Jahrhundert – ein weit verzweigtes Kellersystem in den Burgberg der historischen Altstadt. Auf über 25 000 Quadratmetern entstand so ein gewaltiges Kühl- und Lagerareal – und zwar nur für Bier. „Ein anderer Grund, sich solche Mühen anzutun, ist schlicht nicht vorstellbar, zumindest nicht in Franken“, ruft Hannes Ziener einer Touristenschar zu.

Der Mann mit dem gemütlichen Bass in der Stimme führt seit gut fünf Jahren durch die Historischen Felsengänge. Deren Fläche umfasse fünf bis sechs Fußballfelder. Der Abstieg in den Abgrund beginnt. Ein gewisser Gruselfaktor stellt sich im spärlichen beleuchteten Labyrinth aus ockerfarbenen Gewölben durchaus ein, verflüchtigt sich dank Zieners guter Laune und seinem bärbeißigen Humor aber schnell.

Dabei hatten die Bierkeller vor nicht zu langer Zeit auch einen ernsten Zweck. Im Zweiten Weltkrieg seien sie als Luftschutzbunker genutzt worden, sagt Ziener. Und weiter: „Man war hier sicher. Aber Zuckerschlecken war das nicht.“

Das Bier rettete Leben

Die Mühe der Steinmetze habe sich ausgezahlt. „Oder um das Ganze wieder ein bisschen aufzulockern – was rettete den Nürnbergern indirekt das Leben? Das Bier“, sagt Ziener. Mit steigender Stadtbevölkerung wurde der Bierverbrauch in Nürnberg größer. Die Brauer mussten also mehr brauen und brauchten mehr Lagerkeller. Sie bauten in die Tiefe. Und so seien im Laufe der Jahrhunderte unter der Altstadt im Viertel Sebald teilweise bis zu vier Stockwerke untereinandergestapelt worden.

Eine stabile Konstruktion

  • Geschichte:

    1380 wurden die Nürnberger Felsengänge in einer Urkunde über das Braurecht zum ersten Mal erwähnt. So musste jeder, der in seinem Haus Bier braute und verkaufte, einen Keller haben.

  • Konstruktion:

    Der Burgsandstein, aus dem die Bürger die Keller schlugen, erwies sich als äußerst standfest. Selbst die Bomben des 2. Weltkriegs hielt er aus.

Ein anderes Problem der Brauer: Die ganzjährigen Temperaturen von acht bis neun Grad in den Kellern seien zwar noch für Reifung und Lagerung von Bier kalt genug gewesen, nicht aber für die Hauptgärung. Für Letztere seien eher Temperaturen zwischen zwei und sechs Grad nötig, erklärt Ziener. Die Lösung: Um die Keller herunterzukühlen, sei Eis hinabgetragen worden. Mit dem Aufkommen von Kühlanlagen zum Ende des 19. Jahrhunderts habe die Bierlagerung in den Kellern ziemlich abrupt aufgehört, sagt Ziener. Eine Weile hätten Firmen die Felsengänge noch für die Kühlung von Essiggurken, Sauerkraut und Marmelade genutzt.

In den Gewölben ist es eng

Nach einer Stunde ist der Ausflug in die Tiefe vorbei. Vera Werning aus Dresden hat es gefallen. „Es ist kurzweilig, nicht langweilig und schön gemacht“, sagte die Teilnehmerin – auch wenn es für große Menschen wie sie in den Gewölben ziemlich eng sei. An seinen Job als Kellerführer geriet der frühere Finanzplaner Ziener über Umwege.

Ziener wohnt direkt über der Hausbrauerei Altstadthof, in deren Auftrag die Touren durch die Felsengänge stattfinden. Von seinem Schreibtisch aus habe er im Sommer den Trubel vor den Führungen mitbekommen. „Und dann habe ich gedacht, das könnte ich eigentlich mal probieren“, sagt Ziener. Gesagt, getan. Nach einer Probeführung und einer weiteren Tour durch die Felsengänge war Ziener festgelegt und geht seither zum Lachen mit den Touristen in den Keller.

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