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Region Franken
Montag, 11. Dezember 2017 7

MZ-Serie

„Unsere Gäste sind nett – wir auch“

Seit 18 Jahren betreiben die Piepers den Grünen Baum in Pirk. Neben rustikalen Spezialitäten gibt es Guinness vom Fass.
Von Thomas Dietz, MZ

Von Berlin ins Bayerische Vogtland: Gabriela und Hans-Peter Pieper im „Gaststall“ ihres Wirtshauses Grüner Baum in Pirk – gleich neben dem Airport Hof-Plauen. Längst sind die beiden hier heimisch geworden. Fotos: Thomas Dietz

Hof-Pirk.Das Dörfchen Pirk im Südwesten von Hof an der Saale liegt im Bayerischen Vogtland, umringt von Feldern, Wiesen und dem waldreichen Fichtelgebirge. Nur knapp eine Minute vom kleinen Airport Hof-Plauen entfernt findet man linker Hand das Gasthaus Grüner Baum, eine liebenswürdige, einfache Schenke, in der man sich auf Anhieb wohlfühlt.

Die angenehme Atmosphäre wird von dem Wirtsehepaar Gabriela (56) und Hans-Peter Pieper (62) verbreitet, zwei Berliner, sie aus Spandau, er aus Reinickendorf. Vor 18 Jahren haben sie den Grünen Baum übernommen und nahtlos zu dem gemacht, was er heute ist: gemütlicher Treffpunkt mit ehrlicher, deftiger Küche und exzellenten Fassbieren.

Oberfränkischer Winter: der Grüne Baum im Schnee. Foto: Dietz

Wie so oft haben die Piepers eher aus Zufall in Oberfranken Wurzeln geschlagen. Er war eigentlich Speditionskaufmann und hatte mit Elektrotechnik zu tun, sie war zahnmedizinische Fachassistentin. Dann verliebten sie sich in ein Haus Baujahr 1920, eine ehemalige Weberei in Konradsreuth, die sie mit viel Liebe ausbauten. Hans-Peter Pieper besitzt handwerkliches Geschick und kann so manches.

Mit der oberfränkischen Mentalität kamen die beiden Preußen glänzend zurecht: „Wir mögen diese Gradlinigkeit“, erklärt der Wirt, „die sagen, was sie wollen, und so sind wir eben auch. Unsere Gäste sind nett – wir auch.“ Die Piepers waren gerade in Südtirol, als sie von der Vakanz der Wirtsstelle im Grünen Baum erfuhren. Ein Blick genügte und sie sagten: „Das machen wir.“ Sie packten eilig ihre Sachen und fuhren auf der Stelle zurück.

„Habt Ihr wieder das gute Brot?“

Natürlich musste in den beiden zusammenhängenden Häusern, die zwischen 1818 und 1826 errichtet wurden, eine Menge umgebaut werden. Zum alten Gastraum, der „kleinen Stube“, wurde der Stall mit seinem beachtlichem Kreuzgewölbe und den eckigen Granitsäulen dazugenommen, er wird heute „Gaststall“ genannt. Im Sommer passen 200 Personen in den Biergarten.

Oft wird schon an der Tür gefragt: „Habt Ihr wieder das gute Brot?“ Denn auf unbedingte Qualität legen die Piepers seit Anbeginn größten Wert. Das knusprige Gewürzbrot („Pirker Bauernbrot“) duftet zart nach Kümmel und Anis und stammt exklusiv aus der Bäckerei Schirner in Hof. Fleisch und Würste gibt’s nur und ausschließlich vom Hofer Hauslieferanten Herpich.

In der Küche des Grünen Baumes gibt es keine Fritteuse, was schon allein eine Auszeichnung ist. Gabriela Piepers sagenhafte Currywurst wird meist mit Bratkartoffeln serviert, die Soße nach Geheimrezept ihrer Oma zubereitet: „Scharf, aber essbar.“

Das schöne Grammophon im „Gaststall“ ist noch voll funktionstüchtig. Foto: Dietz

Liebhaber soufflierter Quarkbällchen an Kräuterschaum sollten den Grünen Baum meiden. Hier gibt es rustikale Kost, ewta Kochkäse, Handkäse mit Musik, Ofenkäse und Obatzden im Steinguttöpfchen, Spiegeleier oder Rühreier mit Bratkartoffeln (das wahre, echte, fälschungssichere Kochexamen!), Matjes, Brathering, Presssack, Schnitzel und Fleischkäse.

Vom Fass kommen Scherdel-Pils aus Hof, Schwarzbier von Mönchshof und Kapuziner Weißbier (beide Kulmbach). Außerdem verfügen die Piepers über irisches Guinness vom Fass, was nicht gerade in jedem Wirtshaus erhältlich ist – und mit dessen Umgang eine gewisse Übung von Vorteil ist. Guinness hat zwar nur 4,1 Vol. Prozent Alkohol, ist jedoch nicht ohne Tücke. Das erste Glas der „sammetschwarzen Muttermilch der Iren“ sollte man zügig mit großen Schlucken einnehmen, damit die Geschmacksstoffe sich in vollkommener Gänze entfalten.

Harfe oder Kleeblatt im Schaum

Fester, leicht hellbrauner Schaum und der typische Geschmack bilden sich nur, wenn der Wirt es versteht, mit dem richtigen Stickstoff-Kohlensäure-Gemisch zu zapfen. Pieper kann sogar berührungsfrei eine Harfe oder ein Kleeblatt in den Schaum zeichnen.

Berühmtester Gast soll am 11. Oktober 1806, drei Tage vor der Schlacht von Jena und Auerstädt, Napoleon gewesen sein – aber noch im Vorgängerbau des Grünen Baumes. Der Feldherr verlangte eine Flasche Wein, als der verlegene Wirt ihm unter Bücklingen bedeutete, dass er nur Hofer Bier da habe. Napoleon soll einen Humpen desselben sowie eine Portion Presssack schwarz und weiß geordert haben.

Gäste bringen gern Antiquitäten vorbei, die in das alte Haus passen. Foto: Dietz

Heute kommen der Stratosphärenspringer Felix Baumgartner, Schauspieler Miroslav Nemec (er aß Matjes mit Bratkartoffeln) oder Robert Trujillo, Bassist von Metallica, der mit einem Privatflugzeug auf dem benachbarten Airport landete und nach dem Essen mit einer Stretch-Limousine nach Selb fuhr, wo er später auftrat. „Ein riesiger Kerl mit schwarzen Locken“, erinnert sich Gabriela Pieper.

Der Flughafen Hof-Plauen in Pirk wird als Teststrecke für die Deutschen Tourenwagen-Meisterschaften DTM genutzt. BMW plant, hier das selbstfahrende Auto weiterzuentwickeln; Dafür soll das Gelände kräftig ausgebaut werden. „Das ist gut für uns“, freut sich Wirt Hans-Peter Pieper. Der Grüne Baum hat jetzt auch drei Fremdenzimmer und eine Ferienwohnung.

Lage des Gasthauses nahe Hof:

Lesen Sie mehr:

Alle Teile der MZ-Serie über Historische Wirtshäuser finden Sie hier.

Historische Wirtshäuser in Oberfranken

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