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Mittwoch, 27. Juli 2016 28° 8

Aufmarsch

Wunsiedel zeigt Flagge gegen Neonazis

Flüchtlingskrise hat Rechtsradikalen keinen Zulauf beschert. Rund 200 protestierten am Samstag – verbannt an den Stadtrand.
Von Kathrin Zeilmann, dpa

Das Bündnis „Wunsiedel ist bunt“ rief zur Kundgebung gegen Rechtsextremismus auf, während Vertreter der rechtsextremen Szene zeitgleich einen Aufmarsch durchführten. Foto: dpa

Wunsiedel.Als im Vorjahr die Rechtsextremisten wieder einmal durch Wunsiedel marschierten, brachte es eine Protestaktion weltweit zu Schlagzeilen. Denn die oberfränkische Stadt münzte den Aufmarsch kurzerhand um in einen Spendenlauf: Jeder Meter, den Neonazis zurücklegten, brachte Geld für ein Aussteiger-Projekt ein. Die Rechtsextremisten standen ziemlich dumm da.

In diesem Jahr, als rechte Gruppierungen erneut für den Vorabend des Volkstrauertags eine Demonstration angemeldet hatten, fielen die Aktionen am Samstag zwar weniger spektakulär aus, waren aber ebenfalls effektiv: Statt eine große Gegendemo zu planen, gab es eine Vielzahl kleinerer Veranstaltungen – aber die wurden an verschiedenen Plätzen im Stadtkern angemeldet, so dass die Behörden den Rechtsextremisten eine Route durch ein etwas abgelegenes Siedlungsgebiet zuweisen mussten.

Die Innenstadt, sagte Bürgermeister Karl-Willi Beck (CSU), sei durch „einen Akt der bürgerlichen Zivilgesellschaft“ belegt. Die Symbolik dahinter: Neonazis bleiben außen vor. „Ausländerhass, Gewalt gegen Flüchtlinge, Hasstiraden gegen Andersdenkende“, das alles sei ein „No go“ in Wunsiedel, betont Beck.

Mit dem Aufmarsch der Rechten Mitte November müssen die Menschen in der 10 000-Einwohner-Stadt schon länger leben. Was daran liegt, dass hier auf dem Friedhof bis 2011 Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß (1894-1987) begraben war. Der Ort hatte deshalb eine große Anziehungskraft für die Szene. Der historische Nationalsozialismus sei für sie „ein elementarer Bezug“, sagt Rechtsextremismus-Experte Martin Becher, der im nahen Bad Alexandersbad die Geschäfte des Bayerischen Bündnisses für Toleranz führt. „Der Nationalsozialismus ist ihr ideologischer Kit.“

Dass das Grab inzwischen aufgelassen ist und nichts an den toten NS-Funktionär erinnert, ändert nichts daran, dass Wunsiedel immer noch Symbolkraft hat. Die Stadt bleibe der Ort, an dem der hochrangige Vertreter der Nazis ein Grab hatte, das öffentlich zugänglich war. „Das gab es nirgendwo sonst“, sagt Becher.

Und so sehen sich die Wunsiedeler alljährlich im November damit konfrontiert, dass Vertreter der rechtsextremen Szene durch ihre Stadt marschieren und ein sogenanntes Heldengedenken veranstalten. Brisant wurde die Kundgebung in diesem Jahr im Angesicht der Flüchtlingskrise. Würden die Neonazis größeren Zulauf haben, würden sich mehr Menschen öffentlich zu deren rassistischer Ideologie bekennen?

Das Flüchtlingsthema eine die Neonazi-Szene, ist Experte Becher überzeugt. „Sie ist thematisch geeint wie lange nicht mehr.“ Über Pegida und die AfD gelangten Neonazis zudem in rechtspopulistische Kreise und in die der „besorgten Bürger“. „Sie haben nun Zugang zu anderen Milieus. Sie erweitern dadurch ihr Spektrum.“

Aber: Für Wunsiedel konnten die Rechtsextremisten wohl nicht mehr Anhänger mobilisieren als in den Vorjahren. Nur etwas mehr als 200 Demonstranten zählte die Polizei – das ist in etwa die Zahl aus früheren Jahren.

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