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Region Kelheim
Donnerstag, 14. Dezember 2017 7

Integrationsplan

Arbeiten am Fahrplan für die Vielfalt

Gut gelenkt, kann die Integration vom Problem zur Chance werden, hoffen zwei, die im Landratsamt Kelheim am Steuer sitzen.
Von Martina Hutzler

Magdalena Beslmeisl (re.) und Monica Brandl koordinieren die Arbeit von rund 100 Haupt- und Ehrenamtlichen am Kreis-Integrationsplan. Foto: Hutzler

Kelheim.Die Frage „Warum?“ beantworten Monica Brandl und Magdalena Beslmeisl mit der Statistik: Gut zwölf Prozent der Einwohner im Landkreis haben eine ausländische Staatsangehörigkeit – da sei ein Integrationsplan für den Landkreis einfach sinnvoll und nötig, sind die Kreis-Integrationsbeauftragte Brandl und Bildungskoordinatorin Beslmeisl überzeugt. Sie und ihre ehrenamtlichen Mitstreiter wissen aber auch: Zum Erfolg wird der Plan (nur) dann, wenn er nicht als wohlformulierter Papiertiger in der Schubladen-Falle endet.

Magdalena Beslmeisl (re.) und Monica Brandl koordinieren die Arbeit von rund 100 Haupt- und Ehrenamtlichen am Kreis-Integrationsplan. Foto: Hutzler

„Integration, das wird meiner Meinung nach von vielen nur als Problem, als Aufwand wahrgenommen“, beobachtet Magdalena Beslmeisl, die als „Bildungskoordinatorin für Neuzugewanderte“ im Landratsamt, am dort neu geschaffenen „Zentrum für Chancengleichheit“ arbeitet. Sie und Sozial-Abteilungsleiterin Monica Brandl wollen der Skepsis ganz bewusst auch die Chancen von Integration entgegensetzen. Bis zu 100 Haupt- und Ehrenamtliche erarbeiten in vier Fachgruppen den Plan, der sich ausdrücklich nicht nur an Flüchtlinge, sondern an alle Menschen mit Migrationserfahrung richtet. Er soll kein Maßnahmenpaket für eine „Problemgruppe“ werden, sondern zeigen, wie Menschen mit und ohne Migrationshintergrund von der Integration profitieren können, konkret vor Ort. Nächstes Jahr sollen erste Ergebnisse vorliegen.

Fahrplan für die Integration

  • Statistik:

    Von den ca. 117 450 Landkreisbewohnern haben knapp 14 400 (also ca. 12,3 Prozent) eine ausländische Staatsangehörigkeit. Die weitaus meisten Zugewanderten, nämlich fast 12 000, stammen aus Europa (inklusive Türkei). Wurzeln in Afrika oder Asien haben rund 2000 Menschen, davon sind viele Syrer. (Quelle: Landratsamt)

  • Umsetzung:

    Unter Gesamtleitung von Abteilungsleiterin Monica Brandl (re.) organisieren Bildungskoordinatorin Magdalena Beslmeisl (Mitte) und Gabi Schmid (Leiterin Zentrum für Chancengleichheit) die Arbeit am Plan. Externe Ratgeber: Dt. Kinder- und Jugendstiftung, Netzwerk Interkulturelle Öffnung für Kommunen in Bayern (Niko)“.

  • Beschluss:

    Mit Blick auf diese Statistik hat die Kreispolitik vor den Sommerferien der Erstellung eines Integrationsplans zugestimmt. Federführend ist das „Zentrum für Chancengleichheit“ am Landratsamt. Es ist die Anlaufstelle für alle, die Hilfe für eine Teilhabe an der Gesellschaft benötigen (Migranten, Menschen mit Behinderung etc.).

  • Teilnehmer:

    Rund 100 Mitwirkende erarbeiten den Plan: Vertreter von Helferkreisen, Schulen, Bildungseinrichtungen und Vereinen, Rathäusern, Polizei, Unternehmen, Seniorengruppen, Menschen mit Migrationshintergrund, etc. Sie arbeiten in vier Fachforen: Interkulturelle Öffnung, Arbeit/Ausbildung, Bildung und Lebensumfeld/Kultur. (hu)

Das Zauberwort dafür heißt „smart“. Es ist die Abkürzung für die Kriterien, die der Plan erfüllen soll, erklärt Magdalena Beslmeisl: S-pezifisch, also klar umschrieben, sowie m-achbar sollen die Ziele und Maßnahmen sein. Das „a“ steht für akzeptierte und attraktive Vorhaben, die außerdem r-ealistisch und t-erminierbar, also zeitlich überschaubar sind.

Monica Brandl nimmt die drängende Wohnungsnot als Beispiel: Der Plan könne das Problem nicht lösen – aber ein realistisches Ziel sei, Konzepte zu sammeln und sie vor Ort, in die Politik einzubringen. In Magdalena Beslmeisls Fachgruppe „Bildung“ entstand schon die Idee für ein Sprach- und Leseförder-Konzept speziell an Realschulen; es soll sowohl Kindern mit als auch ohne Deutsch als Muttersprache zugute kommen. Weil hier die Schulen konkreten Bedarf sehen, werde so ein Projekt akzeptiert und umgesetzt, ist Beslmeisl überzeugt.

Die Landratsamts-Mitarbeiterinnen (v.li.) Gabi Schmid, Magdalena Beslmeisl und Monica Brandl erhoffen sich vom Integrationsplan ein konkretes, umsetzbares Maßnahmenpaket. Foto: Hutzler

Mit der Umsetzbarkeit steht und fällt auch für Manfred Neumann der Sinn eines Integrationsplans. Als Mitglied der Schulleitung des Beruflichen Schulzentrums Kelheim hat er bereits am städtischen Integrationsplans mitgewirkt, aber „der liegt halt jetzt in der Schublade“, bedauert Neumann. Dennoch arbeitet er auch am Kreis-Integrationsplan mit, leitet das Fachforum „Arbeit und Ausbildung“. Er kann sich z.B. konkret einen „Ablaufplan“ vorstellen, mit dem für jeden Neuzugewanderten schnell und systematisch alle berufsrelevanten Fragen geklärt werden. Etwa, welche Bleibe- und damit Arbeitsperspektive jemand hat, wer am Jobcenter zuständig und ob ein Sprachkurs nötig ist. Gut fände er eine Info-Einheit, die Zuwanderern klarmacht: Berufliche Integration ist „kein Selbstläufer, sondern harte Arbeit“, die man nicht beim ersten Konflikt hinwirft. Und Arbeitgebern fehlt bislang eine zentrale Anlaufstelle, bei der sie ihre Fragen zur Beschäftigung von Menschen ohne deutschen Pass loswerden können, weiß Neumann aus dem Berufsschul-Alltag. Eine solche Anlaufstelle war auch eine Forderung im Kreisausschuss, der in seiner jüngsten Sitzung vor der Sommerpause über den Integrationsplan diskutiert hatte.

Aus Neumanns Sicht kein Platz ist im Integrationsplan für die „große“ Politik. Auch wenn gerade die aktuelle Asylpolitik die Integration vielfach behindert, kritisiert Christiane Lettow-Berger vom Fachforum „Lebensumfeld / Kultur“: drohende Abschiebungen, Ausbildungs- und Arbeits-Stopp, die Unterscheidung zwischen „guten“ und „Wirtschafts-Flüchtlingen“, „eine überbordende Bürokratie“.

Dennoch will sie am Integrationsplan mitarbeiten, um so die „interkulturelle Öffnung“ zu fördern: mit Vorschlägen, wie Schulen, Kindergärten, Altersheime, Vereine, Kirchengemeinde und Ausrichter von Veranstaltungen im Sinn der kulturellen Vielfalt arbeiten und dabei Unterstützen finden können, so Lettow-Berger.

Bislang fehlt eine Ideen-Börse

Ideen für diese und alle anderen Themen gäbe es oft schon. Das jedenfalls haben Monica Brandl und Magdalena Beslmeisl aus der ersten kreisweiten „Netzwerk-Konferenz Integration“ im Mai mitgenommen: Die damals rund 80 Teilnehmer – von denen viele jetzt auch am Integrationsplan mitarbeiten – hatten bereits viele beispielhafte Projekte im Gepäck. „Es fehlte bisher nur der Austausch, die Kooperation“, so dass oft dasselbe Rad an mehreren Orten erfunden wurde. So könne ein Integrationsplan auch die begrenzte Zeit- und Geld-Ressourcen sinnvoll steuern, hofft Brandl.

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