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Region Kelheim
Dienstag, 31. Mai 2016 23° 5

Vorreiter

Bauer mit sozialer Ader betritt Neuland

Alois Schmidbauer bringt in Poikam Bio-Ackerbau, Campingplatz und soziale Landwirtschaft unter einen Hut. Er ist Pionier.
Von Beate Weigert

  • Auch Ampfer-Stechen gehört dazu: Michael Mohr (li.) und andere Bewohner vom STZ in Lappersdorf sowie Jugendliche vom BBW in Abensberg lernen, Aufgaben selbst erfolgreich zu erledigen. Foto: Weigert
  • Alois Schmidbauer erklärte, was seine Schützlinge bereits für Aufgaben erfolgreich gemeistert haben. Foto: Weigert
  • Ein Teil der Experten beim Besuch mit Ministerialdirigent Wolfram Schöhl (3.v.li.) Foto: Weigert
  • Alois Schmidbauer mit einem Teil seiner Schützlinge. Foto: Weigert

Poikam.Autistische Jugendliche, die im Wald Setzlinge einbauen oder suchtkranke Erwachsene, die auf dem Acker Ampfer oder Disteln stechen, im Schafstall nach dem Rechten sehen oder einen Spielplatz anlegen. Was hat das mit einem Bauernhof zu tun? Eine Menge, wie am Freitag Ministerialdirigent Wolfram Schöhl vom bayerischen Landwirtschaftsministerium mit zahlreichen Kollegen aus Landwirtschaftsverwaltung und anderen Ministerien auf dem Betrieb von Bio-Landwirt Alois Schmidbauer in Poikam bei Bad Abbach vorstellte. Zusammengefasst unter dem Schlagwort „soziale Landwirtschaft“.

Der Hof als Therapie- und Lernort

Mit diesem Begriff können bis dato wohl selbst die wenigsten der etwa 1600 Landwirte im Landkreis Kelheim etwas anfangen – doch das soll sich hier und in ganz Bayern ändern. Denn geht es nach dem Ministerium, sollen die bäuerlichen Betriebe im Freistaat unterschiedlichsten Zielgruppen – Menschen mit Behinderung, Senioren, Flüchtlinge etc. – helfen, ihren Hof als Therapie-, Lern- oder Erlebnisort anbieten und sich letztlich dadurch ein zusätzliches Einkommen schaffen.

Noch ist es allerdings mehr eine Idee. Bei der Pioniere wie Alois Schmidbauer in persönliche Vorleistung gehen und erste Erfahrungen sammeln. Denn Geld hat der Poikamer Bio-Landwirt bislang noch keins gesehen.

Seit September 2013 geht Schmidbauer mit seiner Familie erste Schritte. Der 47-jährige Agrar-Betriebswirt und Landwirtschaftsmeister hat 2009 auf Bio-Ackerbau umgestellt. Bei der Zusatzqualifikation zum Erlebnisbauern kommt er erstmals mit Ideen der „sozialen Landwirtschaft“ in Berührung.

An Ideen für zusätzliche Standbeine zum Bio-Ackerbau mangelt es ihm nicht. Im Sommer 2013 hat er auf der Freizeitinsel Bad Abbach einen Campingplatz eröffnet. Obendrein kommen ihm zwei Jahre als Ausbildungsmeister im Berufsbildungswerk St. Franziskus in Abensberg zugute. Im so genannten Berufsvorbereitungsjahr führte er Jugendliche an Arbeiten im Garten- und Landschaftsbau heran. Als solcher bekam er hautnah mit, wie schwierig es für diese ist, Praktikumsplätze in „realen Betrieben“ zu bekommen.

Inzwischen ist er quasi einer der Betriebe, die Jugendliche zum Praktikum holen. Beim Termin auf dem Areal des Campingplatzes am Freitag erzählen einige Jugendliche, dass sie etwa das Pflaster auf dem die vielen Gäste aus Politik, Landwirtschaft und Verwaltung standen, von ihnen mitangelegt worden ist. Mit ihrem Ausbilder Steffen Nitschke, der jetzt für die Richtung Garten- und Landschaftsbau zuständig ist, Sträucher gepflanzt, aber auch bei Maurerarbeiten geholfen haben.

Zweimal die Woche kommen seit September 2013 auch drei bis fünf Bewohner vom Sozial-Therapeutischen Zentrum in Lappersdorf dazu. Alkoholkranke Erwachsene mit psychischen Erkrankungen. Projektleiterin Michaela Weiß geht, wie sie betonte, gern neue, unkonventionelle Wege in kleinen Projekten. „Wir sind Vorkämpfer für ganz was Neues mit Menschen in der Suchtberatung“, sagte sie in Schmidbauers Richtung.

Der gibt seinen Schützlingen morgens einen Auftrag und entsprechendes Material. Er leitet sie zwar an, aber sie sollen auch selbst Fehler machen und daraus lernen und auch mit Misserfolgen umgehen. Elke Villa-Gabor findet, dass genau das den Suchtkranken gut tut. „Selbst wenn sie statt 30 Minuten für eine Aufgabe einen Vormittag oder Tag brauchen, eine gelöste Aufgabe ist gut fürs Selbstbewusstsein. Am Ende des Tages sieht man, was man gemacht hat und dass es etwas Sinnvolles war.“ Und es ist „gelebte Inklusion“, findet Weiß. Ihre Klienten bekämen hier Erfolge, die sie etwa in einer Werkstatt in der Einrichtung nicht hätten.

Konflikte lösen gehört dazu

Dass auch Probleme und Konfliktsituationen zu seinem neuen Alltag gehören, verhehlt Alois Schmidbauer nicht. Da dürfe man nicht blauäugig sein, Schwierigkeiten gibt es, sagt er.

Unter den Gästen war auch Wolfgang Scholz, der stellvertretende BBV-Bezirkspräsident Oberbayerns. Er betreibt seit 1994 auf seinem Bauernhof im Allgäu Drogentherapie. Er berichtete von seinen Erfahrungen und sagte, dass jede Familie, die sich für den Bereich interessiere, selbst entscheiden müsse, was für sie das Richtige sei und wie weit sie die Privatsphäre aufgeben wolle.

Alles in allem betonten die Experten, dass sie großes Potenzial und eine große Bandbreite sehen. Auch für konventionell geführte Betriebe. Wer nicht wie Schmidbauer quasi über eine Doppelqualifikation verfüge, könne sich etwa im Seniorenbereich mit Pflege- oder Betreuungsexperten zusammentun.

Ministerialdirigent Schöhl oder auch Bezirksbehinderten-Beauftragte Hannelore Langwieser betonten, dass sie sich für weniger Bürokratie, einen rechtlichen Rahmen und vor allem für Finanzierungsmöglichkeiten stark machen wollen. Denn ohne Letzteres wird nichts aus einem weiteren Standbein für Landwirte und einer Chance für STZ-Bewohner wie Michael Mohr. Der ist von Anfang an dabei, sagt er, und dass ihm die Arbeit draußen und in seinem eigenen Tempo viel gibt.

Gut zu wissen

  • Etwa 190 Betriebe

    im Freistaat betreiben nach der am Freitag vorgestellten ersten Praxis-Studie aktuell „soziale Landwirtschaft“.

  • Wobei etwa 60

    davon „echte“ landwirtschaftliche Betriebe sind. 130 sind soziale Einrichtungen etwa Werkstätten für Menschen mit Behinderung mit eigenem landwirtschaftlichem Betrieb.

  • Es seien auch Kooperationen

    denkbar zwischen einem landwirtschaftlichem Betrieb und einer sozialen Organisation, so wie die von Alois Schmidbauer mit dem Sozialteam aus Lappersdorf. Dieser Grundtyp sei in der Praxis aber noch sehr selten.

  • Laut der Studie

    der Xit GmbH kommen alle landwirtschaftlichen Richtungen infrage – vom Acker- über Gartenbau bis zur Nutztierhaltung. (re)

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