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Region Kelheim
Montag, 23. Oktober 2017 4

Alarm

Biogasanlage läuft über – Fische tot

In Eschenhart passierte am Mittwoch ein Unfall auf einer Biogasanlage. Wohl wegen eines technischen Defekts traten Gärreste und flüssige Masse aus.
Von Beate Weigert, Wolfgang Abeltshauser und Stephanie Thaler, MZ

  • Die ausgetretene Flüssigkeit bedroht Fische, Muscheln und Co. in den angrenzenden Bächen und Flüssen Foto: Abeltshauser
  • Die Verunreinigung war im Perkaer Bach deutlich zu sehen. Foto: Abeltshauser
  • Das Wasser im Perkabach in Perka am Mittwochvormittag Foto: privat
  • Laut Kreisfischereiverein finden sich von Stunde zu Stunde mehr tote Fische am Ufer. Foto: privat
  • Das Wasser im Perkabach Foto: privat
  • Von links fließt sauberes Wasser ein, rechts zeigt das Wasser aus Richtung Eschenhart ist dunkel verfärbt. Foto: privat

Wildenberg.Am Mittwochmorgen ist eine Biogasanlage in Eschenhart „übergelaufen“ – mit welchen Folgen ist bislang nur zum Teil absehbar. Zwar reagierte der Betreiber gegen 6.15 Uhr als er von dem Problem erfuhr sofort, doch wie stark die angrenzenden Flüsse und Bäche durch die „gülleähnliche Substanz“ verunreinigt und in welchem Ausmaß mit einem Fischesterben zu rechnen ist, muss sich erst noch herausstellen. Die Lage änderte sich stündlich.

Polizei vermutet Pumpendefekt

Am Mittwochmorgen gegen 6.15 Uhr hatte der Betreiber aus dem Wildenberger Ortsteil Eschenhart die Polizei in Mainburg alarmiert. Nachdem ihn ein Autofahrer darauf hingewiesen hatte, dass eine Menge Schlamm über die Straße lief. Die Jauche trat zunächst auf dem Gelände aus, lief in ein benachbartes Feld und von dort in einen angrenzenden Graben.

Die Polizei in Mainburg ging von einem technischen Defekt der Pumpensteuerung aus. So kam es vermutlich dazu, dass Gärreststoffe unkontrolliert ansteigen konnten und der Behälter schließlich im sprichwörtlichen Sinne überlief.

Die Polizei erklärte in ihrem Bericht, dass die ausgetretene Brühe problematisch für Gewässer sein könne.

Um festzustellen, wie groß das Ausmaß ist, entsandten das Landratsamt als zuständige Umweltbehörde und das Wasserwirtschaftsamt in Landshut Mitarbeiter. Um zum einen die Sicherungsmaßnahmen des Betreibers zu überwachen und auch um an den umliegenden Bächen Gewässerproben zu nehmen.

Laut Polizeimeldung vom Nachmittag waren insgesamt 37 Kubikmeter an Gärreststoffen ausgetreten. Wie viel davon genau in den angrenzenden Gräben und somit im Laufe des Tages über Picken- und Perkabach in der Abens gelandet waren, sei „nicht genau bestimmbar“.

Betreiber geht von rund 50 Kubikmetern aus

Am Mittag hatte die Polizei von etwa 50 Kubikmetern Flüssigkeit gesprochen. Diese Zahl nannte auch der Betreiber Martin Forstner der MZ. Nach dessen Angaben fasst der Klärbehälter, der überlief insgesamt 1500 Kubikmeter.

Martin Forstner geht davon aus, dass die Steuerung der Anlage versagt hat. Sie regelt den Zufluss des Gärsubstrats in die verschiedenen Behälter. Warum die Steuerung nicht mehr funktionierte, war ihm ein Rätsel. Forstner konnte den Zufluss in den Behälter stoppen und pumpte das restliche Substrat von dort ab. Den ganzen Tag waren er und Mitarbeiter einer Baufirma damit beschäftigt, die Straße vom Substrat zu reinigen und verunreinigtes Erdreich abzubaggern.

Heinz-Rüdiger Kasten vom technischen Gewässerschutz des Wasserwirtschaftsamts war einige Stunden vor Ort und überwachte die Arbeiten. Er sorgte dafür, dass der Zufluss des Straßengrabens in den Eschenharter Graben mit Erdreich aufgefüllt wurde. So gelangte kein weiteres Substrat in den Perka-Bach. Allerdings hatte sich die Gülle-Schlamm-Walze dort schon ausgebreitet. Forstner und Kasten waren sich einig, dass die erwähnten 50 Kubikmeter im Vergleich zum gesamten Behälterinhalt nicht die große Menge ausmachen. Aber in Kastens Augen reiche es aus, um in Bach und Fluss Schaden anzurichten.

Über das Ausmaß des Schadens wollte sich Kasten vor Ort nicht äußern. Er nahm an verschiedenen Stellen Proben des Substrats, um die Konzentration und den genauen Inhalt zu ermitteln.

Das Ergebnis der Wasserprobenentnahme wird nach den Worten von Stefan Neudert, dem Abteilungsleiter für den Landkreis Kelheim am Wasserwirtschaftsamt Landshut, in etwa zwei Wochen erwartet. Dass das ausgetretene Gärsubstrat wassergefährdend sei, sei jedoch klar.

Kreisfischer: Areal „biologisch tot“

Über den Perkabach sei verunreinigtes Wasser im Laufe des Tages auch in die Abens gelangt, teilt Neudert auf MZ-Nachfrage am Nachmittag mit.

Das bestätigten auch Mitglieder vom Kreisfischereiverein, die ebenfalls alarmiert wurden und sich vor Ort ein Bild machten. Vereinsvorsitzender Manfred Beck berichtet am Nachmittag von einem Grundstück, das der Verein 400 Meter flussaufwärts von Biburg am Perkabach gepachtet habe. „Es ist biologisch tot“, so Beck. Das Areal könne man nun als „Güllegrube vermieten“. Die Stelle sei eine der besten im Landkreis gewesen.

Vor kurzem noch hatten Mitglieder des Kreisfischereivereins Fischlaichhülsen eingebracht, um die natürliche Reproduktion von Bachforelle und Co. zu fördern. Etwa 15 Leute seines Vereins waren im Einsatz, um Stellen zu begutachten und tote Fische einzusammeln, sagte Beck. Auch um den Verursacher des Schadens später zur „Rechenschaft ziehen“ zu können.

Das Gärsubstrat entziehe dem Wasser Sauerstoff, erklärt Beck. Vor allem die schmalen Bachbette von Picken- und Perkabach bekamen die vorhandene Konzentration voll ab. In der Abens sei durch das breitere Flussbett eine größere Verdünnung vorhanden. Das Ausmaß des Fischsterbens sei am Donnerstag sicher deutlicher absehbar als am Mittwoch, so Beck. Die Schlammlawine bewegte sich stündlich vorwärts.

Gegen 10 Uhr hatte auch ein Mann aus Perka beim Spaziergang mit seinem Hund entdeckt, dass der Perkabach „ganz schwarz ist“ und „lauter tote Fische“ an der Oberfläche schwammen. Er spricht von einem „Super-Gau“, der sich ereignet habe. Zwei Stunden später hatte sich an dem Anblick nichts geändert. Auf der Wasseroberfläche hatte sich Schaum gebildet, ein übler Geruch hing in der Luft.

Sachverständige der Abteilung Emissionsschutz am Landratsamt gaben im Lauf des Tages ihr Einverständnis, dass die Biogasanlagen-Behälter in reduzierter Form weiterbetrieben werden durfte. Denn das Gas, das dort produziert wird, müsse abgeleitet werden, hieß es. Der defekte Behälter blieb außer Betrieb. Wenn die Ursache des Störfalls behoben sei, dürfe die Anlage wie gehabt weiterbetrieben werden, teilt Sonja Endl, Pressesprecherin des Landratsamts mit.

Peter Forstner, Kreisvorsitzender vom Bund Naturschutz, sagt, der Bund habe schon seit längerem vor dem wassergefährdenden Potenzial solcher Anlagen gewarnt. Er ist der Ansicht, dass die „industriemäßig“ betriebene Anlagen von den Behörden zu wenig kontrolliert werden. Zudem sei Biogasanlagen-Betreiber kein geschützter Beruf, bei dem bestimmte Kompetenzen nachgewiesen werden müssten.

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