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Erinnern

Ein berührendes Denkmal für Haberko

Angrüner-Mittelschule in Abbach errichtet eine selbst gefertigte Stele für den von den Nazis erhängten Polen Feliks Haberko.
Von Gabi Hueber-Lutz

Ein selbst gefertigtes Mahnmal: 100 geschmiedete Nägel sind in dem Fries verarbeitet. Fotos: Hueber-Lutz

Bad Abbach.Die Veranstaltung begann um 10.05 Uhr. Um genau diese Uhrzeit wurde am 16. Oktober vor 75 Jahren in Nazideutschland dem Leben des sogenannten Fremdarbeiters Feliks Haberko in einem Steinbruch bei Bad Abbach durch den Strick ein Ende gesetzt. In der Kochstraße hatte er gewohnt, bevor er ins KZ Flossenbürg kam und von dort von der Gestapo zur Hinrichtung wieder nach Bad Abbach gebracht wurde.

Das Warum kennt keiner

An die 70 andere Fremdarbeiter mussten der Hinrichtung zur Abschreckung zusehen. Was Haberko verbrochen hatte? Das weiß keiner so genau. Gerichtsverfahren gab es keines. Unklar ist, ob er mit einer deutschen Frau liiert war, und deshalb ermordet wurde. Oder ob schon die Tatsache genügt hatte, dass er als Pole einem im damaligen Deutschland als minderwertig angesehen Volk angehörte.

Aus hundert Nägeln hat der frühere Lehrer Josef Sedlmeier mit den Schülern diesen Fries geschaffen. Bei der künstlerischen Gestaltung wirkte der ehemalige Lehrer Hans Prüll mit.

In der Angrüner-Mittelschule fand an diesem 16. Oktober eine Gedenkfeier der ganz besonderen Art statt, die niemanden unberührt ließ. In allen Schulen steht irgendwann die Zeit des Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht auf dem Stundenplan. In der Angrüner-Mittelschule hat man diesem Unterricht ein Gesicht gegeben – das Gesicht Feliks Haberkos.

Journalist Thomas Muggenthaler

„Auch dieser Stein wird dazu beitragen, die Opfer nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.“

Thomas Muggenthaler, Journalist

Anstoß war ein Film des Journalisten Thomas Muggenthaler, der gezeigt werden sollte. Muggenthaler hatte sich intensiv mit Schicksalen wie denen Haberkos auseinandergesetzt, sie in seinem Buch „Verbrechen Liebe“ gesammelt und auch filmisch umgesetzt. Es fand sich aber nirgends ein Raum, diesen Film zu zeigen, sagte Rektor Heiner Bruckmüller.

Der Wunsch nach Vergessen und Ruhenlassen sei größer gewesen als der Wunsch nach Erinnern. Den Anstoß, den Film in der Schule zu zeigen, gaben Willi Knapp und Siegfried Schneider. Der Marktrat beschloss lediglich, eine Gedenktafel für alle NS-Opfer, die in Bad Abbach umgekommen sind, am Marktplatz zu installieren. In der Schule hielt man es dagegen für wichtig, sich ganz konkret mit dem Schicksal Haberkos auseinanderzusetzen, denn „Geschichte braucht Gesichter und Namen. Sie machen Geschichte erlebbar und unvergesslich“, wie Bruckmüller ausführte.

Schüler in KZ und Steinbruch

Fachlehrerin Petra Vogl begleitete das komplette Projekt; die Beschäftigung mit dem Thema wurde ganz praktisch angegangen. Zum einen besuchten die Schüler das KZ Flossenbürg, in dem Feliks Haberko eine Zeitlang inhaftiert war. Zum andern waren sie in dem Steinbruch, der dem KZ zugeordnet ist. Aus diesem Steinbruch stammt auch die Stele.

Schüler und Lehrer arbeiteten zusammen

  • Aus hundert Nägeln hat der frühere Lehrer Josef Sedlmeier mit den Schülern diesen Fries geschaffen. Bei der künstlerischen Gestaltung wirkte der ehemalige Lehrer Hans Prüll mit.

  • Gedenktafel:

    Bei der Einweihung wurde sie provisorisch befestigt. Die Erinnerung an den ermordeten polnischen Fremdarbeiter Feliks Haberko soll dazu beitragen, aus der Geschichte zu lernen.

  • Segnung:

    Pfarrer Anton Dinzinger und Pfarrer Frank König segneten die Stele. Sie steht momentan im Schulgarten, soll aber nach den Sanierungsarbeiten einen Platz vor der Schule finden. (lhl)

Beim Stein allein blieb es aber nicht. Der ehemalige Lehrer Josef Sedlmeier fertigte mit den Schülern gemeinsam einen Nagelfries an. Genau hundert geschmiedete Nägel sind in ihm verarbeitet und zu einem Geflecht angeordnet, das erlittenen Schmerz in den Himmel zu schreien scheint.

Auch Professor Dr. Walter Koschmal von der Universität Regensburg nannte das Anbringen der Stele vorbildlich und „ein mutiges Beispiel angemessenen Erinnerns“. Erinnern solle ehrlich und der Wahrheit gemäß erfolgen, so der in Bad Abbach lebende Professor. Das könne durchaus sehr schmerzhaft sein. Wer spreche schon gern darüber, dass am eigenen Ort ein fürchterliches Verbrechen begangen wurde.

Pfarrer Anton Dinzinger und Pfarrer Frank König segneten die Stele. Sie steht momentan im Schulgarten, soll aber nach den Sanierungsarbeiten einen Platz vor der Schule finden.

Rektor Bruckmüller betonte die Bedeutung einer solchen Aktion für die Gegenwart: „Ihr habt mit der Schuld des Dritten Reichs nichts zu tun“, sagte er, an die Schüler gewandt. Aber es gehe darum, aus der Geschichte zu lernen und entsprechende Fehlentwicklungen zu erkennen.

Angrüner-Stiftung unterstützte

Die Beschäftigung mit Menschen wie Feliks Haberko helfe auch dabei zu erkennen, wenn die Politik gefährliche Wege einschlage. Die Angrüner-Stiftung unterstützte das Projekt finanziell, die Gemeinde Bad Abbach beim Aufbau der Stele. Stellvertretender Bürgermeister Christian Hanika sagte in seinem Grußwort, man habe das Thema im Gemeinderat sehr kontrovers diskutiert. Er gewann der Tatsache, dass von gemeindlicher Seite nichts gemacht wurde, auch eine positive Folge ab.

Feliks Haberko wurde nur 32 Jahre alt. Bei der Einweihung wurde die Gedenktafel provisorisch an der Stele befestigt.

Nun stehe diese Stele an genau der richtigen Stelle, in der Schule nämlich. Also dort, wo künftige Generationen heranwachsen. Dem wäre wohl nicht so gewesen, wenn die Gemeinde etwas gemacht hätte. Die Schule sei der richtige Ort, um Erinnerung zu bewahren.

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