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Region Kelheim
Samstag, 3. Dezember 2016 3

Zukunft

Ein Ökonom stellt die Welt auf den Kopf

Christian Felber stellt die kapitalistische Wirtschaftsordnung radikal in Frage – und entwickelt ein neues Konzept für mehr soziale Gerechtigkeit.
von stephanie thaler, mz

Verkehrte Welt: Christian Felber stellt nicht nur sich selbst, sondern auch die kapitalistische Wirtschaftsordnung auf den Kopf. Foto: Bubu Dujmic

Offenstetten. Christian Felber ist ein Mann mit Visionen – ein Querdenker, der gesellschaftliche Spielregeln hinterfragt und dort, wo er es für nötig hält, ändern will. Gemeinsam mit zwei Dutzend Unternehmern hat er ein neues Wirtschaftsmodell entwickelt, das er am 29. Oktober im Cabrizio in Offenstetten vorstellen wird.

Herr Felber, was machen die Unternehmer falsch?

Das Problem ist, dass in der Welt der Wirtschaft andere Werte gelebt werden als in zwischenmenschlichen Beziehungen. Es geht vornehmlich um Gewinnstreben und Konkurrenz, anstatt um das Streben nach Gemeinwohl und um Kooperation. Dabei wäre es sinnvoll, wenn das, was zum Gelingen persönlicher Beziehungen beiträgt, auf die Wirtschaftsordnung übertragen wird.

Welche Werte gelten dann für einen Unternehmer, der das Gemeinwohl fördern will?

Er sollte für Menschenwürde, Demokratie, Nachhaltigkeit, Solidarität und Gerechtigkeit einstehen.

Das sind abstrakte Begriffe. Was muss er konkret tun, um im Sinne der Gemeinwohl-Ökonomie zu wirtschaften?

Wir haben insgesamt 17 Zielindikatoren erarbeitet. Einer davon sind menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Dabei geht es um die Bereiche Gesundheit, Sinn, Mitbestimmung, flexible Zeitgestaltung und Familienfreundlichkeit. Aber auch um die Frage, wie ökologisch produziere ich und trage ich damit zur Nachhaltigkeit bei. Außerdem wird geschaut, wer im Betrieb die Entscheidungen trifft, ob Frauen und Männer gleich behandelt werden und ob die Dienstleistungen, die angeboten werden, auch wirklich Sinn machen.

Wer gierig nach Macht strebt und in erster Linie an sich selbst denkt, hat am meisten Erfolg. Sie wollen das verhindern – aber wie?

Indem Unternehmen, die ethisch korrekt arbeiten, mit Steuervorteilen und Handelsfreiheit belohnt werden. Das ließe sich zum Beispiel über die Mehrwertsteuer regeln. Ein Unternehmen, das im Sinne des Gemeinwohls handelt, sollte keine Mehrwertsteuer zahlen, eines, das unethisch handelt, dafür 100 Prozent. Genauso sollten Unternehmen, die das Gemeinwohl fördern, internationale Handelsfreiheit genießen, während die, die nur an den eigenen Gewinn denken, hohe Zollaufschläge zahlen müssen. So wird verhindert, dass derjenige, der nur an sich denkt, besser gestellt wird.

Sie sprechen von Steuern und Handelsschranken. Wollen sie dann in die Politik gehen, um neue Gesetze zu machen?

Nein, das Ganze soll nicht über Parteien und Parlamente laufen. Vielmehr sollen sich die Bürger in ihren Gemeinden mit der weltweiten Wirtschaftsordnung befassen und sich selbst ermächtigen. Es muss ein von Grund auf demokratischer Prozess in Gang gesetzt werden.

Aber die Menschen haben doch ihre Vertreter, die im Parlament sitzen, gewählt. Ist das denn nicht demokratisch?

Die Parlamente geben sich zu viel Macht. Die Bevölkerung darf nur alle paar Jahre wählen. Ich denke: Der eigentliche Souverän – das Volk – ist politisch impotent geworden. Was die Wirtschaftsordnung betrifft, sollte es so sein, dass Wirtschaftskonvente auf kommunaler Ebene die Spielregeln aushandeln und die gewählten Vertreter sich an diese halten müssen.

Glauben Sie nicht, dass es utopisch ist, dass viele Menschen sich auf wenige Spielregeln einigen?

Nein. Ich bin extrem zuversichtlich, dass es funktioniert. Wir haben mit mehr als 50 000 Menschen in mehr als zehn Staaten Verfahren zur Entscheidungsfindung getestet. Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, dass in Grundsatzfragen schnell Entscheidungen ausgehandelt werden – zum Beispiel, wenn es darum geht, wie hoch die Einkommensungleichheit maximal sein sollte.

Wie wird dann eine Entscheidung getroffen?

Es werden Vorschläge gemacht und der Vorschlag mit dem geringsten Widerstand gewinnt. Und Widerstand bemerkt man schon, zum Beispiel, wenn ein Murren durchs Publikum geht.

Ihnen wird von Kritikern unterstellt, ein kommunistisches System etablieren zu wollen. Ist da was dran?

Gemeinwohl-Ökonomie hat mit Kommunismus nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich um ein streng liberales Prinzip: Die Überkonzentration von Macht soll verhindert und die Chancengleichheit vorangetrieben werden.

Das soll aber nicht wie im Kommunismus durch die Enteignung von Privatpersonen geschehen. Wie dann?

Die Eigentumsfreiheit sollte begrenzt werden – wie alle anderen Freiheiten schließlich auch. Ich darf mich in Deutschland nicht für mehrere politische Ämter gleichzeitig bewerben, nicht so schnell Auto fahren, wie ich will und auch nicht einfach andere Menschen berühren, wie ich will. Warum sollte ich dann so viel Eigentum anhäufen dürfen, wie ich will, ohne dass es Grenzen gibt? Es geht einfach darum, Exzesse zu verhindern. Aber trotzdem soll jeder für seine Leistung und seinen Einsatz mit Lebensqualität belohnt werden. Das unterscheidet die Gemeinwohl-Ökonomie vom Kommunismus.

Wie werden Leistung und Initiative in dem neuen Konzept belohnt?

Wer ein Unternehmen gründet, weiß: Die erste Million ist die schwerste. 99 Prozent der Menschen in meiner Heimat Österreich schaffen die erste Million nicht. Aber je mehr Kapital jemand anhäuft, desto leichter wird es für ihn, größer, reicher und mächtiger zu werden. Dabei sollte es genau umgekehrt sein: Am Anfang sollte es Existenzgründern leichter gemacht werden, zu wachsen und ein bescheidenes Vermögen zu erzielen. Mit zunehmender Kapitalanhäufung sollte es schwerer werden, immer mehr zu erlangen. So würden viele kleine Unternehmen besser gestellt – zu Lasten weniger großer.

Wäre das dann tatsächlich gerechter? Schließlich haben die großen Unternehmer einiges dafür getan, umso weit zu kommen.

Es wäre gerecht und außerdem im Sinne der Verfassung. Dort steht ausdrücklich, dass das Handeln der Menschen dem Gemeinwohl dienen solle – und nicht der Geldvermehrung. Die Verfassungsziele und -werte sollten in der Gesellschaft wieder wirksam werden. Und weil das keine erfundenen neuen Dinge sind, sondern in der Verfassung verankerte Richtlinien, werden sie von den Menschen auch schnell angenommen. Vier Gemeinden in Südtirol haben beschlossen, das Konzept umzusetzen, und auch Mannheim und Weiz in der Steiermark zeigen Interesse. Ich bin zuversichtlich, dass sich das Modell weiter ausbreiten wird.

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