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Region Kelheim
Mittwoch, 28. Juni 2017 27° 2

Passionsprozession

Eine schweißtreibende Demo des Glaubens

Hunderte hauchen in Saal einer in Ostbayern einzigartigen Tradition Leben ein. Bischof Rudolf Voderholzer war Ehrengast.
Von Beate Weigert

„Ostern geht uns alle an“, sagte Bischof Rudolf. Unser Foto zeigt die finale Figur der Prozession: Die Auferstehung. Die Saaler gingen für ihren Glauben am Palmsonntag auf die Straße. Fotos: Heindl

Saal.Was für ein Kontrast zu 2015. Hatten damals die Erstkommunionkinder in Anoraks und Mütze bei Schneeregen gefröstelt und die lebengroßen, aus Holz geschnitzten Christusfiguren ordentlich Wasser abbekommen bei der Saaler Passionsprozession war dieses Mal Frühsommerwetter. Temperaturen über 20 Grad, Sonne. Kein Wölkchen trübte die vorösterliche Tradition, die 1996 wiederbelebt worden war.

Für kleine Sorgenfalten bei den Organisatoren vom Passionsspielkreis sorgten da eher die vielen Frühjahrsmärkte, die in Abensberg, Neustadt, Bad Abbach oder Riedenburg parallel angesetzt waren. „Zu uns kommt dann wohl die Generation Ü65“, mutmaßte einer der Zugorganisatoren.

Bischof ist stolz auf die Saaler

Kurz vor 14 Uhr füllte sich der Parkplatz vor der Alten Kirche auf einmal „wie von Geisterhand“. Mehr als 200 Figuren-Träger und 150 Vorträger mit Fahnen, geschmückten Kreuzen, Kandelabern oder Prozessionsstangen bezogen Stellung.

Nicht nur räumlich für die Prozession, sondern wie Ehrengast Bischof Rudolf Voderholzer wenig später betonte, auch inhaltlich. „Ich bin stolz, als Bischof von Regensburg eine solche Passionsprozession zu haben“, sagte er. Diese sei ein öffentliches Bekenntnis eines ganzen Ortes zum Glauben, ein ökumenisches noch dazu. Denn auch evangelische Christen beteiligen sich. „Es verbindet uns viel mehr als uns trennt“, sagte Bischof Rudolf. Zudem verbinde die Prozession auch die Generationen – vom Kommunionkind bis zum Senior war alles dabei.

Bischof Rudolf Voderholzer mit Chef-Organisator Peter Buberger (re.) und Bürgermeister Christian Nerb

Auch die umliegenden Ortsteile und Pfarreien waren mit von der Partie. „Ehrensache“ sei’s, betonten viele, andere sagten, dass man dem Alt-Bürgermeister Peter Buberger, der die Prozession als Sprecher des Passionsspielkreises federführend organisierte, das Mitgehen nicht ausschlagen könne.

Wo sollen wir denn parken?

Von der Hektik und dem emsigen Treiben, dem letzten Schrauben und Kräftesammeln, das sich in den eineinhalb Stunden vor der Prozession rund um die alte Turnhalle an der Lindenstraße abgespielt hatte, war da keine Spur mehr. Nur: Feierliche Stille.

Stimmen zur Prozession

  • Bürgermeister Christian Nerb:

    „Ich bin ein Mensch, der viel Wert auf Traditionen legt – auch auf kirchliche. Schade, dass am heutigen Palmsonntag in der Umgebung so viele verkaufsoffene Sonntage stattfinden. Das wird sicher einiges an Besuchern kosten.“

  • Gäste aus dem Westerwald:

    Ein Ehepaar, das gerade in Bad Gögging zur Kur ist, kennt zwar Palmbüschel, die zuhause -sträuße heißen. Die Passionsprozession erwartete es gespannt.

  • Roswitha Heller von der Pfarrei Christkönig:

    „Wir sind heute dabei, um unseren Glauben zu zeigen, öffentlich auf der Straße.“

  • Dieter Schwarzfischer:

    „Ich gehöre zur Gruppe der Oberpfälzer Fußwallfahrer. wir kommen aus Laaber, Hemau, Parsberg oder Lupburg. Im Mai kommen wir auf unserem Weg nach Altötting immer in Saal vorbei. Irgendwann hat uns Peter Buberger zur Prozession eingeladen.“

  • Ursula Wagner:

    Ende der 1990er Jahre spielte die Saalerin bei den Passionsspielen die Mutter Gottes. Am Sonntag war sie mit anderen Mitgliedern der Saaler Pilgergruppe mit Palmwedeln ganz vorne im Zug dabei. (re)

Wenig zuvor hatte Buberger, hier Gruppen begrüßt, dort Nummern zugeteilt, und zur Not noch spontan „Träger“ umdirigiert. Eilig ließ der Fahrer eines grauen Opels die Fensterscheibe herunter: „Hallo, Feuerwehr, wo können wir noch parken!?“

Aus der alten Turnhalle holten die Träger barocke Prozessionsstangen. „Die hat uns das Diözesanmuseum in Regensburg geliehen“, erklärte Buberger. Eine Gruppe mit Saaler Pfadfindern hatte sich um die Figur „Jesus trägt das Kreuz“ versammelt. Noch stand sie im Schatten unter den Bäumen. In die Arme werde das Tragen gleich weniger gehen, „eher auf die Schulter“, verrät einer, der schon öfter dabei war.

Mehr Impressionen sehen Sie hier in unserer Bildergalerie:

Passionsprozession Saal 2017

Zum ersten Mal waren zehn THW-Mitglieder aus Kelheim dabei. Peter Buberger hat durchgeklingelt und um Unterstützung gebeten. „Klar, dass wir da mitmachen“, sagt Zugführer Markus Hofer.

Verteilt auf zwei Gruppen packten die THWler mit an. Sie griffen sprichwörtlich Florian Dillinger und seinen Kollegen von der Landjugend Einmuß-Schambach unter die Arme. Dillinger war schon oft dabei. Früher als Taferlbub. Heute als Mann mit Muckis. Die braucht es auch auf der gut zwei Kilometer langen Strecke durch den Ort. Nein, der Vorsitzende ist er nicht, sagt Dillinger. Der lässt seine Muckis heute woanders spielen. Auf dem Fußballplatz.

Der Zug setzt sich in Bewegung.

Als Peter Buberger auf dem Weg die Lindenstraße hinunter an der Gruppe, die gleich die Pieta tragen soll vorbei kommt, stutzt er. „Ihr braucht noch Leute, sonst kommt ihr da nicht runter.“ Fußballer vom SV Saal werden die Grablegung tragen. Erich Zepf hat die Trägeraufgabe von seinem Vater „geerbt“, sagt er. Zu zwölft wollen er und die anderen die 250 bis 300 Kilo schwere Holzfigur stemmen. Einzige Erleichterung: kleine mit Quarzsand gefüllt Säckchen. Die werden sie zwischen Holzstangen und Schulter legen, damit es nicht so schmerzt.

Auf der anderen Straßenseite fühlen sich Fritz Krebler und Ilse Rüsing aus Großmuß irgendwie „überflüssig“. Aber nicht lange. Dann hat ihnen Josef Rummel, er ist für den letzten der drei Zugteile verantwortlich, ihren Platz zugeteilt. Ganz am Ende des Zuges. Sie nehmen es mit Humor. „Die Letzten werden die Ersten sein“, meint Krebler. Und so war es dann gut eine Stunde später bei der Ankunft an der Christkönigskirche auch.

Auf einmal waren Krebler und Rüsing „mittendrin“, weil sich die Zuschauer der Prozession geschlossen hatten. Den Trägern, von denen viele schwarze Anzüge trugen, rann der Schweiß von der Stirn. Das „biblische Schweißtuch“ hätte mancher sicher brauchen können. Wie der Andrang vor der Christkönigs-Kirche am Ende zeigte, waren viele Generationen vertreten. Nicht nur die „Ü65“.

Bei Kaffee, Kuchen und Brotzeit konnten die Männer, Frauen und Kinder erst einmal verschnaufen. Nur das „Freibier“ von dem mancher Träger vor Beginn träumte, hat es wohl nicht gegeben.

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