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Region Kelheim
Sonntag, 19. November 2017 3

Entwicklungshilfe

Ende der Steinzeit erwartet


Von Manfred Forster, MZ

Selten ist Hanns-Peter Kirchmann so beruhigt aus Burkina Faso zurückgekommen wie dieses Mal. Der Neubau der Gesundheitsstation am Centre Médical Maximilien Kolbe in Sabou, Burkina Faso, soll schon in den nächsten Wochen in Betrieb gehen, auch was die Personalfrage angeht, ist die Kirchmann-Stiftung auf einem guten Weg. „Die Arbeit wird nicht unbedingt weniger, vielleicht weniger spektakulär“, bilanziert Kirchmann. Doch diese Aussage bezieht sich allein auf das Vorhaben der Stiftung in Burkina Faso.

Denn Kirchmann ist jüngst mit einem weiteren Projekt aus Afrika zurückgekommen – dem Ausbau der Grundschule in Sina Gali in Nigeria. Das Ganze ist zwar kleiner, aber eine deutliche Nummer extremer als das Projekt in Sabou –das liegt immerhin an der gut ausgebauten Hauptverbindungsstraße zwischen den beiden größten Städten des Landes Ouagadougou und Bobo Dioulasso. Nach Sina Gali am Rand des Mandara-Gebirges im Grenzgebiet Nigerias zu Kamerun kommt man eigentlich nur zu Fuß.

Ein Baum spendet Schatten

Sie sitzen auf Steinfindlingen, ein Dach über dem Kopf haben sie nicht, nur vier mehr oder weniger marode Wände um sich herum. Die Rede ist von den Grundschülern an der Primary School in Sina Gali. „Das sieht aus, als hätten hier Granaten eingeschlagen!“, so Kirchmann. Ganz so war es offenbar nicht. Die Mauern der Schule wurden zwar vor Jahren schon errichtet, davon zeugt der mächtige Baum, der in einem Klassenzimmer wächst. Dann aber kam der Neubau im Zuge von Unruhen in der Region zum Erliegen. Und heute bilden die Blätter des Baumes das einzige Dach der Schule. Das will Kirchmann jetzt ändern.

Sina Gali liegt im Norden Nigerias, wenige Kilometer von der Grenze zu Kamerun entfernt, im Stammesgebiet der Kapsiki, einem offenbar vergessenen Landstrich – „zu weit von Lagos entfernt, um dort Interesse zu wecken, noch dazu, weil man nicht weiß, ob die Kapsiki nicht doch eher Kameruner sind“, sagt Rektor Adama Vandi Koulamandé.

Das Ende vom Lied: 523 Schüler und Schülerinnen der Klassen 1 bis 4 hausen – man kann es nicht anders bezeichnen, in Ruinen, keine Türen, Fensterlöcher, Lehmboden, Schulbänke aus Steinen, kein Dach, nichts.

Als Hanns-Peter und Felicitas Kirchmann vor fast zwei Jahren bei einer Expedition in Kamerun an dieser Schule eher zufällig vorbeikamen, war ihnen schnell klar: Das nächste Projekt wird diese Schule sein. Jetzt, nachdem das Projekt in Sabou so erfreulich läuft, hat Hanns-Peter Kirchmann es unternommen per Flugzeug von Ouagadougou über Lomé in Togo, Lagos in Nigeria, Douala in Kamerun und N’Djamena im Tschad in der Luft und dann auf für Europäer unvorstellbaren Pisten die letzte Etappe nach Sina Gali zurückzulegen

Nach 16 Stunden war er in Rhumsiki, dem letzten größeren noch in Kamerun gelegen Ort angekommen. Dann ging es im Prinzip drei Stunden weiter zu Fuß nach Sina Gali in Nigeria. Organisiert hat das Ganze Olivier Pouilly, ein Franzose und Freund von Kirchmanns, ehemaliger Rektor der französischen Schule in Maroua in Kamerun, der mit einer Kapsiki-Prinzessin verheiratet ist und deshalb gute Beziehungen zu diesem Stamm hat.

Er hat sich bereit erklärt, die Organisation und die Abrechnung für das Schulprojekt zu übernehmen. „Das ist“, so Hanns-Peter Kirchmann, „fast eine Voraussetzung, um das Vorhaben durchzuführen, da es, um Nebenkosten einer externen Koordination zu tragen, zu klein ist und auf der anderen Seite aber große Ortskenntnis erfordert.“

Diesmal ging Kirchmann aber nicht zu Fuß, der Schulleiter oder Head Master, wie er in Nigeria heißt, nahm ihn als Sozius auf dem Moped mit nach Sina Gali. Dort erwarteten Hanns-Peter Kirchmann unter dem großen Palaverbaum nicht nur der Rektor und sein fünfköpfiges Kollegium, sondern auch der Dorfchef mit seinen Beratern, die Vertreterin der Eltern, der Revisor für die Schule aus der Provinzhauptstadt und 523 neugierige, singende Kinder.

Sehr schnell stellte sich heraus, dass die bisherige Kostenschätzung für die Schule nicht ausreichend sein wird. So fehlen in der Schätzung noch Bänke und Stühle, die Kinder brauchen eine Toilette und auf der Südseite muss es einen Sonnenschutz geben, sonst kann man es auch als Afrikaner hier an heißen Tagen nicht aushalten. Mindestens 25 000 Euro schätzt Kirchmann, die genauen Zahlen schickt ihm Olivier Pouilly Mitte November.

Ein Brunnen muss sein

Die Schule und das Dorf haben in der Trockenzeit kein Wasser, es muss etliche Kilometer herangeschafft werden. Für Kirchmann ist klar: „Wenn man will, dass die Kinder regelmäßig zur Schule kommen, muss es einen Anreiz geben, die Kinder anstatt zum Brunnen, in die Schule zu schicken.“ Also muss ein Brunnen her – das Grundwasser ist hier auf einer Tiefe zwischen 18 und 25 Metern – da brauche man viele menschliche „Kompressoren“ wie Head Master Adama sagt.

„Und noch etwas ist wichtig“, sagt Kirchmann und zieht einen Vergleich zu Sabou, „bei einem Krankenhaus kann die Bevölkerung, weil es ein komplizierter Bau ist, nur bedingt mithelfen, bei einer Schule ist das anders und muss sogar anders sein. Was nichts kostet, ist nichts wert, das gilt nicht nur bei uns, sondern auch im tiefsten Afrika.“

Das Dorf und die Eltern haben bereits zugesagt, bei dem Bau dazuzuhelfen, man will einen Teil des Trampelpfades von Rhumsiki aus so ausbessern, damit man sieben Kilometer weiter das Material auf Lastwagen laden und hertransportieren kann. Tätigkeiten wie Sand sieben, Wasser schleppen, Säcke tragen werden von den Menschen vor Ort übernommen. Den technischen Teil übernimmt Olivier Pouilly.

Allein kann Main dans la Main das Projekt nicht stemmen, immerhin gibt es auch bei dem Bau der Maternité Mehraufwendungen, vor allem im medizinischen Bereich, die noch berappt werden müssen. Deshalb hat Hanns-Peter Kirchmann einen Partner aus dem Kölner Raum mit ins Boot geholt, die „Reiner Meutsch Stiftung Fly and Help“. Start des Projektes ist für die nächsten Sommerferien geplant, die zwischen Juni und September sind, man hofft, die Schule bis Oktober fertigzustellen.

Dass es dann doch noch einmal eine Nummer extremer geht, sieht Kirchmann ein paar Dörfer weiter. Dort steht neben einem Baum ein Verschlag aus Stroh, vermeintlich ein Unterstand für Ziegen. Doch er entpuppt sich als Schule – sogar mit einer Tafel und einem Baumstamm als Sitzgelegenheit.

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