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Region Kelheim
Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Prozess

Enthemmte Wut, gehemmtes Erinnern

Zwei Männer und eine Frau rasteten in einer Kelheimer Bar aus. Vor Gericht aber erinnerten sich Angeklagte wie Zeugen kaum.
Von Martina Hutzler

Ordentlich gebechert hatten alle drei Angeklagten – wohl der Hauptgrund, warum in der Kelheimer Bar aus nichtigem Anlass Fäuste und Füße flogen. Fotos: dpa

Kelheim.Manches Detail versank im Alkoholdunst jener Novembernacht 2015. Aber wie sehr der Alkohol damals enthemmt, wurde jetzt klar, beim Prozess am Kelheimer Amtsgericht, der den Gewaltexzess in einer Kelheimer Bar ahnden sollte. Zwei Männer und eine junge Frau, alle aus dem Kreis Kelheim und alle drei in der Tatnacht „gut angetrunken“, mussten sich deswegen vor Richterin Claudia Nißl-Neumann verantworten. Sie mühte sich, so lange nach dem Geschehen, meist vergebens, den Angeklagten und Zeugen Details zum Streit zu entlocken, der aus einer Nichtigkeit explodierte.

In der beengten Bar stößt ein Mann beim Vorübergehen an einer Gruppe versehentlich eines ihrer Biergläser um – schon geht’s rund, so die Anklage. Als Quittung schubst ihn Mitglied eins der Gruppe, später als „Glatzkopf“ beschrieben, und schüttet ihm ein Getränk drüber. Der Mann revanchiert sich mit einer Ladung „Cuba Libre“, von hinten in die Hose von Gruppenmitglied eins gekippt. Damit bringt er aber Mitglied zwei, eine Frau, gegen sich auf: Sie packt ihn, wirft ihn auf eine Couch, schlägt und würgt ihn, bis er rot anläuft. Ein weiterer Barbesucher will helfen – den streckt nun Gruppenmitglied eins per Faustschlag zu Boden, verpasst ihm noch Fußtritte in den Unterleib.

Gegen Gäste und Bedienungen

Unterdessen will eine Bedienung die beim Streit zerbrochenen Gläser wegräumen. Das erregt den Zorn von Gruppenmitglied drei: Er packt die junge Frau am Hals und drückt sie auf eine Couch. Eine weitere Bedienung will helfen – und kassiert dafür eine saftige Ohrfeige von Mitglied zwei, der Frau. Die Bar-Chefin und die Polizei beenden schließlich den Tumult.

„Es is halt mehr oder weniger blöd g‘loffen an dem Abend“

Die Angeklagte

Ihn wertete die Staatsanwältin zunächst bei allen drei Gruppenmitgliedern als gefährliche, weil schmerzhafte und sogar potenziell lebensgefährliche Körperverletzung. Auf der Anklagebank sagten die drei – selbst oder via Anwalt – mehr oder weniger dasselbe aus: Da war schon irgendwie ein Streit in der Bar, und im Zweifelsfall tue es ihnen irgendwie leid – aber genauere Erinnerungen seien ertrunken im Alkohol („locker zehn Weizen und ein paar Jägermeister“ pro Mann). „Mehr oder weniger blöd g’loffen“ sei der Abend halt, bilanzierte die heute 25-jährige Angeklagte.

Sie „hat extrem fest zugedrückt und sich voll auf mich draufgeworfen“, sagte ihr Opfer als Zeuge aus: Er habe sich aus eigener Kraft nicht befreien können. Dass er damals – weder stocknüchtern noch betrunken – den Streit mittels Cuba libre-Aufguss selbst mitbefeuert hat, „war wohl keine gute Idee“, räumte er ein.

Etwa eine Minute lag er im Würgegriff der Angeklagten, mutmaßte seine Freundin im Zeugenstand. Sie und ihr Freund, der Atemnot erlitt, verließen bald den Schauplatz – durch den Hinterausgang. „Aus Angst vor der anderen Gruppe, die am Haupteingang wartete“, wie eine Bedienung damals der Polizei sagte.

„Es ist ja alles einigermaßen gut ausgegangen“.

Eines der Opfer

In der Bar wusste derweil Opfer zwei nicht, wie ihm geschah: Er, der dem ersten Opfer helfen wollte, bekam offenbar drei Faustschläge vom angeklagten „Glatzkopf“ (48) verpasst, und am Boden liegend dann Fußtritte. Ob auch vom 48-Jährigen, vermochte er schon kurz nach der Tat der Polizei nicht zu sagen. Jetzt, vor Gericht, stellte er zudem die Faust- und Fußschläge nur noch als etwas heftige Streicheleinheiten dar: Nein, keine Schmerzen, keine Schäden, kein Strafantrag, versicherte er der staunenden Richterin: „Ist ja alles einigermaßen gut ausgegangen“.

Sein Kumpel, ebenfalls Zeuge, war zumindest bei der Polizei mitteilsamer; seine damalige Aussagen deckte sich im Wesentlichen mit der Anklage. Damals habe er die Wahrheit gesagt, bestätigte er der Richterin – auch wenn er sich heute, nach zwei Jahren, nicht mehr genau erinnere. Auf Nachfrage eines Verteidigers räumte er indes ein, dass das Schummerlicht in der Bar seine Beobachtungen schon getrübt haben könnte.

Würgemale auf dem Hals

Ungetrübt, nämlich auf Krankenhaus-Fotos, waren die Verletzungen von Opfer drei dokumentiert. Die Hand vom 27-jährigen Angeklagten Nummer drei hinterließ deutliche Würgemale am Hals der Servicekraft, die ja nur Scherben zusammenkehren wollte. Während sie Anzeige erstattet hatte, hakte ihre damals zu Hilfe eilende Kollegin, die von der angeklagten Frau dann eine Ohrfeige bekam, den Vorfall ab: „Mir war das egal“.

Zwei weitere Zeugen waren nicht gekommen; es drohte eine Prozess-Zwangspause. Richterin, Staatsanwältin und die drei Verteidiger zogen sich aber zum „Verständigungsgespräch“ zurück. Bei der Frau und dem jüngeren Angeklagten einigte man sich auf eine Rückstufung der Anklage von „gefährlicher“ zu „vorsätzlicher Körperverletzung“ und auf Geldstrafen . Beim 48-Jährigen blieben Anklage und Verteidigung uneins. Er wurde schließlich zu einer halbjährigen Bewährungsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt.

Höchst unterschiedliche Sichtweisen

  • Die Staatsanwältin:

    Aus ihrer Sicht hat der Prozess die Anklage weitgehend bestätigt. Allen drei Missetätern warf sie vor, grundlos so ausgerastet zu sein. Der Frau und dem jüngeren Mann hielt sie „nur“ noch vorsätzliche Körperverletzung vor, dem 48-Jährigen weiter „gefährliche Körperverletzung“.

  • Die Verteidiger:

    „Eine Schnapsidee“ sei es, seinem Mandanten gefährliche Körperverletzung vorzuwerfen, wetterte der Anwalt des 48-Jährigen: Das Opfer selbst habe keine Schmerzen oder Schäden durch die Faust- und Fußattacke geltend gemacht. Und dass sein Mandant überhaupt der Angreifer war, sei vom Prozess nicht zweifelsfrei erwiesen. Er forderte Freispruch und kündigte nach dem Urteil umgehend Berufung an. Seine zwei Kollegen orientierten ihre Plädoyers an den Absprachen im „Verständigungsgespräch“ und forderten Verurteilungen zu Geldstrafen wegen Körperverletzung.

  • Die Richterin:

    S ie bewertete den „anlasslosen brutalen Gewaltausbruch“ wie die Staatsanwältin und verurteilte die Frau zu 3600, den jüngeren Mann zu 4500 Euro Geldstrafe. Der 48-Jährige erhielt eine Bewährungsstrafe von sechs Monaten und 1800 Euro Geldauflage, an den VKKK zu zahlen. (hu)

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