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Region Kelheim
Montag, 20. November 2017 11

Interview

„Gedeihen lassen, aber ohne Kunstdünger“

Rektor Heiner Bruckmüller erklärt, warum er an der Mittelschule Bad Abbach lieber die Kinder als die guten Noten fördert.
Von Gabi Hueber-Lutz

Rektor Heiner Bruckmüller Foto: Hueber-Lutz

Bad Abbach. Herr Bruckmüller, Sie haben bei der diesjährigen Entlassfeier darauf verzichtet, Jahrgangsbeste und Notendurchschnitte zu nennen. Warum das?

Heiner Bruckmüller: Es ist nicht so, dass wir uns mit unseren Noten hätten verstecken müssen. Uns ging es aber um etwas anderes, und die Idee dazu wurde eigentlich schon beim Gottesdienst zu Schuljahresbeginn geboren. Damals waren Wünsche der einzelnen Klassen vorgetragen worden. Unsere Schülerinnen und Schüler wünschten sich beispielsweise, dass ihre guten Eigenschaften entdeckt werden und dass Schule mehr bedeutet als nur Noten.

Rektor Heiner Bruckmüller Foto: Hueber-Lutz

Sollte die Entlassfeier ohne Noten also dieses Mehr ausdrücken?

Ja, genau. Denn man muss sich sehr vor einer fatalen Gleichung hüten, die da lautet schlechte Noten = schlechter Mensch. Die Wertschätzung eines Menschen muss jenseits der Noten liegen. Auch die Einteilung und Selektierung nach Noten ist eigentlich schon unmenschlich.

Spitzenleistungen werden aber überall gerne genannt.

Das stimmt schon, aber eine Note sagt nicht unbedingt etwas darüber aus, ob der- oder diejenige wirklich eine Spitzenleistung gebracht hat. Jemand, der sich leicht tut, muss unter Umständen nicht so besonders viel investieren, um einen Einser zu haben. Ein anderer, der sich hart tut, muss sein Bestes geben, um eine Drei zu erreichen. Es geht nicht um den besten Schnitt, sondern darum, sein Bestes zu geben. Wir freuen uns natürlich darüber, wenn gute Leistungen erzielt werden, so haben wir bei den Jahrgangsstufenarbeiten in den 6. Klassen in Mathematik einen Schnitt von 2,2, der Bayernschnitt lag bei 2,85.

Wonach soll man dann einteilen?

Nach den Fähigkeiten. Und damit sind eben nicht nur kognitive Fähigkeiten gemeint. In diesem Zusammenhang wäre es zum Beispiel viel besser, wenn Kinder deutlich länger gemeinsam unterrichtet würden und nicht nach der vierten Klasse schon diese Separierung nach Noten stattfinden würde.

Aus dem Schulalltag

  • Jubiläum:

    Bei der Feier zum 40-Jährigen der Schule gestalteten die Kinder und Jugendlichen ein buntes, vielseitiges Programm und zeigten, was sie neben dem normalen Unterricht noch lernen.

  • Identität:

    Zum MZ-Kinderbürgerfest hatten die Jugendlichen eigene T-Shirts gestaltete und dafür viel Lob geerntet. Stolz zeigten sie sich damit bei den vielen Angeboten der Schule für die Kids.

  • Die kürzlich verabschiedete Lehrerin Gertrud Evrard machte sehr viel im musischen Bereich mit ihren Schülern. Der Brief eines Mädchens zeigt die hohe Wertschätzung der Kinder. (Text/Fotos: lhl)

Fallen dann die Besseren unter den Tisch?

Nein, an der Grundschule funktioniert das doch auch – und da werden auch Leistungsstärkere und Leistungsschwächere gemeinsam unterrichtet.

Sie sind ein Verfechter des längeren gemeinsamen Lernens?
Viele Länder in Europa lassen die SchülerInnen bis zur 9. oder 10. Jahrgangsstufe zusammen. Es profitieren dabei sowohl schwächere als auch bessere SchülerInnen davon – man denke nur an das Tutorensystem oder den Bereich des sozialen Lernens. Die Dreigliedrigkeit unseres Schulsystems ist bei uns seit der Weimarer Zeit trotzdem manifestiert und das Kultusministerium macht keine Anstalten, daran zu rütteln. Aber auch das G8 schien festzementiert…

Wenn die Jugendlichen sich bewerben, werden Noten aber wichtig.

Ja, natürlich spielen sie eine große Rolle, aber auch die Betriebe schauen nicht nur auf Noten. Sondern auch, ob der Charakter passt, ob ihre zukünftigen Azubis freundlich, hilfsbereit sind. Dieses sogenannten Softskills bekommen immer größere Bedeutung. Die Betriebe haben gemerkt, wie wichtig das zum Beispiel für Teamarbeit ist.

Bunt war die 40-Jahr-Feier der Schule. Foto: Hueber-Lutz

Sind Sie dagegen, Leistung zu fordern?

Keinesfalls. Wir wollen die Kinder auf den Weg bringen, ihr Potenzial zu nutzen. Der Rahmen ist immer die Frage: Was ist ein Kind, ein Jugendlicher in der Lage zu erreichen? Wir verengen uns dabei nicht auf die reine Erreichung von Noten. Förderung der Talente ja, aber nicht mit Zwang. Wachsen und gedeihen lassen, aber nicht mit Kunstdünger. Ein Problem dabei ist die Auslese. Die wird immer extremer. Umso wichtiger ist es, Selbstwertgefühl aufzubauen. Wir erleben sehr oft, dass Kinder vom Gymnasium zurückkommen und psychisch am Boden sind. Sie brauchen dann zum Teil sehr lange, bis sie wieder zu sich selbst finden. Wenn so ein Kind einfach mal wieder zur Ruhe kommt, ist es wieder ein ganz anderer Mensch, hat wieder Spaß, der ständige Frust ist weg. Auch die Eltern sind dann zum Teil sehr dankbar, wenn sie sehen, dass es ihrem Kind wieder gut geht.

Haben Sie nicht auch die schwierigen Kinder; die, bei denen man sich schwer tut mit dem Wertschätzen?

Sicher haben wir auch schwierige Fälle. Da haben wir gelernt mit dem Jugendamt zusammenzuarbeiten oder auch mit der Polizei. Das haben wir aber in allen Schularten.

Dankbrief einer Schülerin Foto: Hueber-Lutz

Was machen Sie konkret an Ihrer Schule, um Selbstwertgefühl jenseits von Noten aufzubauen?

Da hilft uns die Offene Ganztagsschule sehr. Weil sehr viele Kinder sie besuchen, hat sich das Image der Betreuung gewandelt. Heute geht da quasi jeder hin, das Angebot wird als Bereicherung empfunden. Sie bietet sehr viele Möglichkeiten, sich positiv mit den Kindern zu beschäftigen. Die Kinder können Angebote auswählen. Viele genießen es, einfach mit den Betreuerinnen ein Spiel zu spielen oder zu reden. Außerdem haben wir Angebote wie die Bläsergruppe, wo die Kinder ein Instrument gestellt bekommen und den Unterricht dazu. Oder die Tanzangebote. Kürzlich waren unsere Kinder damit in Berlin, konnten auftreten und haben sich riesig darüber gefreut.

Beim MZ-Kinderbürgerfest 2017 in Bad Abbach steuerten die Angrüner-Mittelschüler etliche Angebote bei. Foto: Hueber-Lutz

Welche Rolle spielt die Umbenennung der Hauptschule in Mittelschule?

Das war wichtig, aber es war nicht nur eine Umbenennung, es war eine Systemänderung. Man hat verstanden, dass man mehr auf die Fähigkeiten der Kinder eingehen muss. Das ist im Schulalltag angekommen, zeigt sich aber auch bei besonderen Aktionen wie dem Berufscamp in der siebten Klasse. Der M-Zug ist natürlich auch sehr gut. Für viele Eltern ist er eine Kompromisslösung. Heuer sind die ersten FOS-Absolventen unseres M-Zugs fertig geworden. Wir haben uns sehr gefreut, als sie dann zu uns kamen und uns von ihrem Erfolg erzählt haben. Unsere Kinder sind mittlerweile stolz darauf, unsere Schule zu besuchen. Sie tragen die T-Shirts gern. Beim Kinderbürgerfest sind sie sehr positiv damit aufgefallen, und etliche Schüler haben welche nachbestellt.

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