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Region Kelheim
Sonntag, 19. November 2017 7

Tipp-Fehler

Gefährlich abgelenkt vom Lenken

Immer öfter ertappt die Polizei Fahrer, die am Smartphone kleben. Bei Kontrollen kann das teuer enden – bei Unfällen tödlich.
Von Martina Hutzler

Nur mal kurz eine Nachricht tippen? Zwei Sekunden aufs Smartphone schauen – das sind fast 30 Meter „Blindflug“ bei Tempo 50 und sogar 72 Meter bei Tempo 130. Foto: dpa

Kelheim.„Das Auto kam aus ungeklärter Ursache von der Fahrbahn ab“. Oft rätseln Betroffene und Polizei über die Ursache von Unfällen, aber immer öfter hegen sie einen Verdacht: dass der Unfallverursacher von seinem Smartphone abgelenkt war. Ein berechtigter Verdacht, wie jüngst eine Aktion der Polizei zeigte.

Mitte Mai hat das Polizeipräsidium Niederbayern eine Woche „Schwerpunkt-Kontrollen“ durchgezogen. 1056 Beanstandungen wurden insgesamt festgestellt; immerhin ein Drittel der „Sünden“ bestand aus einer „Ablenkung im Straßenverkehr“ – dazu zählt eben zuvorderst die verbotswidrige Benutzung des Handys. Niedriger war die Quote im Bereich der Kelheimer Polizeiinspektion (PI): Von 93 Fahrern, die in der Kontrollwoche gestoppt wurden, hatten acht zuvor das Handy am Ohr. Die Mehrheit übrigens wurde jeweils als Gurt-Muffel ertappt; allein auf PI-Ebene waren 65 Wageninsassen „oben ohne“.

Fast alle Altersgruppen „sündigen“

Bei Handy und Co. bestätigte die Schwerpunkt-Woche laut Kelheimer Polizeihauptkommissar Gerald Halbritter nur, was im Streifendienst längst zum Alltagsgeschäft gehört: Allein heuer von Januar bis Mai ahndete die Kelheimer Polizei schon 50 Handy-Verstöße – übrigens bei Fahrern fast aller Altersgruppen. Erst die Fahrer „Ü70“ lassen üblicherweise die Finger vom Smartphone.

Nachweisen lässt sich unerlaubtes Tippen, Wischen und Telefonieren nur mithilfe ziviler Fahnder: Die registrieren unbemerkt die abgelenkten Lenker und ihre Fahrzeuge und informieren Kollegen in Uniform, die in kurzer Entfernung dann das entsprechende Auto stoppen. Dann, so Halbritter, ist die Beweislage ausreichend, um 60 Euro Bußgeld und einen Punkt in Flensburg aufzubrummen.

Denn mittlerweile seien auch die Richter rigoroser, beobachtet Halbritter, Verkehrssachbearbeiter der Kelheimer Polizei. Anders als früher komme man vor Gericht nicht mehr durch mit Ausreden wie „das war kein Handy, sondern ein Rasierer“ oder „ich wollte nur mein Ohr wärmen“. Verstöße werden auch nicht mehr als „Kavaliersdelikt“ gesehen – wohl auch, weil die multimediale Ablenkung immer öfter im Verdacht steht, Auslöser von teils schwersten Unfällen zu sein. Denn gerade die Kombination aus Handy und Lenkrad überfordert uns Menschen grundsätzlich, wie der Psychologe Dr. Christian Purucker im MZ-Interview erklärt.

Keine Statistiken

Statistisch erfasst wird dies nicht, allerdings ziehen Polizisten dies vor Ort immer in Erwägung, wenn – wie jüngst bei Unfällen mit Toten und Verletzten im Gebiet der Mainburger Polizei – Autos scheinbar ohne Grund von der Fahrbahn abkamen. „Aber nachweisbar ist das in der Regel halt nicht“, sagt Mainburgs Inspektionsleiter Johann Stanglmair. Außer, ein Unfallverursacher gibt direkt zu, dass er aufs Display statt auf die Straße geschaut hat, oder er erlaubt den Polizisten, bei der Unfallaufnahme einen Blick sein Handy werfen. Andernfalls bleibe im Verdachtsfall nur, in Absprache mit der Staatsanwaltschaft eine richterliche Anordnung zu erwirken, um an Handydaten zu kommen, erklärt Gerald Halbritter.

Nicht nur motorisierte Handynutzer sind ein Sicherheitsrisiko. Auch Radler und Fußgänger, die aufs Display starren, nehmen ihre Umgebung, den Verkehr nicht mehr wahr. Das Phänomen „Smombie“ (aus „Smartphone“ und „Zombie“) ist Thema der diesjährigen Sicherheitsoffensive des Automobilclubs Europa (ACE). Der Kelheimer ACE-Kreisvorsitzender Werner Katschke hat sich am Pfingstsamstag anderthalb Stunden an den Zebrastreifen zwischen Kelheimer Donautor und Wöhrdplatz gestellt und unauffällig Strichliste geführt.

Werner Katschke hat für den ACE „Smombies“ gezählt. Foto: Hutzler

Katschkes Zählergebnis: Von fast 200 querenden Fußgängern hatten vier Frauen und drei Männer ihr Smartphone in Händen; eine war so vertieft, dass sie ohne zu schauen über die Straße ging, schildert Katschke. Die Gesamtbilanz hält er aber für erfreulich niedrig. Und: Von den 15 Kindern und Jugendlichen, die er am Zebrastreifen beobachtete, war keiner vom Smartphone abgelenkt.

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