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Region Kelheim
Mittwoch, 17. Januar 2018 11

Jahresrückblick

Gewehr gegen Pinsel getauscht

Mohammad floh aus Afghanistan – aus Todesangst. In Abensberg fand er Arbeit und Sicherheit. Vorerst aber nur für drei Jahre.
von Benjamin Neumaier

Haqiar Yar Mohammad hat bei Anita Brunner eine Maler-Lehre begonnen – zumindest für die Lehrzeit wird er nun in Deutschland geduldet. Fotos: Neumaier

Abensberg.„Ich werde sterben. Wenn ich zurück nach Afghanistan muss, dann werde ich sterben.“ So drastisch die Aussage von Haqiar Yar Mohammad klingt, ein Blick in sein Gesicht lässt keinen Zweifel zu, dass er es genauso meint. „Ich bin aus meiner Heimat geflohen, weil ich Todesangst hatte.“ Mohammad war Soldat in der regulären afghanischen Armee, bis 2013 die Taliban vor seiner Haustür standen: „Sie haben mich vor die Wahl gestellt, entweder für sie zu kämpfen und zu leben oder mich zu töten.“

Über ein Praktikum in den Beruf

Hals über Kopf floh der heute 25-Jährige aus dem Süden Afghanistans über den Iran, die Türkei entlang der Balkanroute nach Deutschland. In München stellte er einen Asylantrag, kam kurz darauf in eine Erstaufnahmeeinrichtung nach Mainburg. Über das staatliche Programm „Integration durch Arbeit und Ausbildung“ durch das Berufliche Fortbildungszentrum der Bayerischen Wirtschaft fand der Afghane im Frühsommer 2015 einen Praktikumsplatz bei Anita Brunner. „Er stellte sich gut an, war fleißig und teamfähig“, sagt die Malermeisterin aus Abensberg. Deswegen wurde er im Herbst 2015 als Hilfsarbeiter eingestellt, zog nach monatelangem Schriftverkehr und „zahlreichen bürokratischen Hürden“ aus der Gemeinschaftsunterkunft in Mainburg aus, bezog eine eigene Wohnung in Bad Gögging. Eine Lehre scheiterte damals an den noch rudimentären Deutschkenntnissen. Die hat sich Mohammad mittlerweile aber in mehreren Deutsch- und Integrationskursen angeeignet – und seit Mitte September auch einen Ausbildungsvertrag bei Brunner. Eine langfristige Bleibeperspektive beschert ihm das aber scheinbar immer noch nicht.

„Mohammad ist in Deutschland nur geduldet – für die Dauer seiner Ausbildung“, sagt Anita Brunner. „Nach seiner Lehre will das Bundesamt seine Situation neu bewerten. Ich bin nicht zufrieden damit, aber es ist allemal besser als vorher. Denn alleine den Duldungsstatus zu erreichen, war ein bürokratischer Marathon.“

Abschiebung war beschlossen

Nicht nur das: Haqiar Yar Mohammads Abschiebung in sein Heimatland war im Februar 2016 bereits beschlossene Sache. Mitte Dezember 2015 wurde sein Ausweis im Landratsamt Kelheim verlängert, dazu Lohn- und Wohnortnachweise angefordert. „Gleichzeitig wurde ihm aber, ohne meine Kenntnis, die Arbeitserlaubnis entzogen. Und das alles, weil er zu einer Anhörung nicht erschienen war“, sagt Brunner. Diese persönliche Anhörung bei sogenannten Entscheidern beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ist essenzieller Bestandteil des Asylverfahrens. Bei Nichterscheinen kann das Asylverfahren eingestellt werden. Genau das passierte bei Mohammad.

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„Abschiebung trotz Arbeitsstelle“

Dann ergriff die Malermeisterin aus Abensberg die Initiative: „Ich habe Mohammad einen Ausbildungsvertrag gegeben, ihn bei der Berufsschule angemeldet, ihm einen Nachholtermin für die Anhörung organisiert. Alle Unterlagen habe ich dem BAMF zukommen lassen. Ich habe mich richtig reingebissen.“ So sehr, dass sie am BAMF „teilweise nicht mehr zu den Sachbearbeitern durchgestellt wurde“, sagt sie selbst. Doch die Hartnäckigkeit trug Früchte: „Zwei Tage vor Ausbildungsbeginn habe ich die Antwort erhalten, dass Mohammad seine Stelle antreten darf“, sagt Brunner. „Allerdings verbunden mit dem Hinweis, dass ich Glück gehabt habe, dass der Antrag überhaupt noch bearbeitet wurde.“ Was allerdings nach der Ausbildung kommt, das „liegt noch im Dunklen“, sagt Brunner, die auf ein Einwanderungsgesetz hofft. „Es kann doch nicht sein, dass wir Geld in Integration und Ausbildung von Flüchtlingen stecken und die dann abschieben. Warum soll sich ein Arbeitgeber um Asylbewerber bemühen, wenn er keine Sicherheit, aber Bürokratie ohne Ende hat.“

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Diese Hindernisse sind es auch, die Brunner hin und wieder entmutigen: „Besonders dann, wenn ich wieder einen arbeitssuchenden Asylbewerber an meiner Haustür ablehnen muss. Weil ich es mir, als Geschäftsfrau gesprochen, nicht leisten kann, so viel Zeit und Nerven in die Hürden der Bürokratie zu stecken. Es klingt hart, aber ich muss meine Arbeit planen können.“

Planen, zumindest für drei Jahre, kann Haqiar Yar Mohammad, der „sogar verstanden hätte, wenn Anita irgendwann aufgegeben hätte. Ich musste schließlich alle zwei Monate nach Deggendorf zur Außenstelle des Bundesamtes. Ich wusste nie, ob mein Pass dort verlängert wird oder ich abgeschoben werde. Diese Unsicherheit war nicht nur für mich schwer auszuhalten. Ich bin Anita unendlich dankbar, dass ich jetzt erstmal in Deutschland bleiben und bei ihr arbeiten darf. Sie hat für mich gekämpft und mir damit das Leben gerettet – das werde ich ihr nie vergessen.“

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Aus dem Asylverfahren

  • § 25 Abs. 1 Asyl-Gesetz:

    Auf Basis der persönlichen Anhörung und der Überprüfung von Dokumenten und Beweismitteln entscheidet das Bundesamt über den Asylantrag. Das Einzelschicksal gilt als maßgeblich.

  • Ziel der Anhörung:

    Die persönliche Anhörung ist der wichtigste Termin des Asylverfahrens. Ziel ist es, die individuellen Fluchtgründe zu erfahren, tiefere Erkenntnisse zu erhalten sowie Widersprüche aufzuklären.

  • Einstellung:

    Ein Asylverfahren kann dabei auch eingestellt werden. Dies ist der Fall, wenn der Asylantrag zurückgezogen wird oder die betroffene Person zur Anhörung nicht erscheint. (Quelle: BAMF)

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