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Region Kelheim
Sonntag, 21. Januar 2018 10

Medizin

Gibt‘s bald zu wenig Ärzte im Landkreis?

Niedergelassene Ärzte im Landkreis Kelheim sind im Schnitt 58 Jahre alt. Es droht eine große Versorgungslücke.
von Benjamin Neumaier

  • „Bis 2023 wird es im Landkreis Kelheim um ein Drittel weniger Hausärzte geben“, prophezeit Dr. Alfons Stiegler aus Kelheim. Foto: Patrick Pleul/dpa
  • Dr. Wolfgang Hoppenthaller Foto: Neumaier

Kelheim.Bis 2020 gehen rund 50 000 niedergelassene Ärzte in Deutschland in den Ruhestand. Gerade auf dem Land fehlen dann Allgemeinmediziner – wohl auch Landkreis Kelheim. Schon 2013 prophezeite Dr. Alfons Stiegler, 2. Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes: „Das Verhältnis von Allgemeinärzten auf dem Land im Gegensatz zur Großstadt ist etwa eins zu zweieinhalb. Wenn es so weitergeht, dann werden es im Landkreis 2023 ein Drittel Hausärzte weniger sein.“

Das wurde nun auch an oberster Stelle registriert. Am Dienstag hat das Bundesverfassungsgericht das Urteil verkündet, wonach das Auswahlverfahren im Medizinstudium die Chancengleichheit der Studierenden verletzt und teilweise mit dem Grundgesetz unvereinbar ist. „Der Gesetzgeber ist nun gefordert, das Verfahren für die Zulassung zum Medizinstudium neu zu regeln“, reagierte Bundesbildungsministerin Johann Wanka (CDU).

Für Stiegler ein Anfang: „Der Umschwung muss eingeleitet werden, denn bis Veränderungen greifen, dauert es zehn bis 15 Jahre“, sagt Stiegler mit Blick auf den Landkreis: Derzeit sind rund 70 Allgemeinmediziner hier niedergelassen –Durchschnittsalter 58 Jahre.

Rechnerisch überversorgt

Laut der Bedarfsrichtlinie der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) ist der Landkreis damit mehr als im Soll. Die Teilbereiche Kelheim sowie Neustadt/Abensberg seien mit bis zu 139 Prozent über-, der Bereich Mainburg mit 100 Prozent regelversorgt. Um den Stand „der ambulanten Versorgung einzuschätzen, wird die Anzahl der Ärzte im Planungsbereich ins Verhältnis mit Anzahl der Einwohner gesetzt und der Versorgungsgrad berechnet. Dieser liegt bei 100 Prozent, wenn genauso viele Ärzte vorhanden sind, wie vorgesehen. Ab 110 Prozent Versorgungsgrad sind keine Neu-Niederlassungen mehr möglich“, teilt die KVB mit und verweist auf eine „Entspannung der Situation in Niederbayern“.

Dr. Alfons Stiegler Foto: Weigert

Für Stiegler geht das an der Realität vorbei: „Die Situation rechnerisch zu betrachten, ist ein Schmarrn. Die Bedarfszahlen wurden 1983 festgelegt, die Situation hat sich aber geändert.“ Stationäre Aufenthalte seien heute weit kürzer, Nachsorge weitgehend ambulant. „Die Leistungen ballen sich bei den Allgemeinärzten“, sagt er. „Realistisch betrachtet ist der Landkreis nicht über-, sondern unterversorgt. Das betrifft nicht nur Allgemeinärzte, sondern alle Fachrichtungen.“ Auch Dr. Wolfgang Hoppenthaller, lange Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, teilt Stieglers Eindruck: „Wir mussten in unserer Praxis in Siegenburg die Notbremse ziehen und einen Aufnahmestopp für Patienten verhängen. Die Arbeit war für die Mitarbeiter nicht mehr zu bewältigen.“

Dr. Johannes Haid aus Mainburg sieht die Situation entspannter: „Die Versorgung ist in Mainburg und anderen Städten im Landkreis noch relativ gut. Auf dem Land ist es aber dünn.“ Dennoch betont er: „Die Situation hat sich gewandelt. Die Patienten werden älter, jeder Einzelne hat mehr Krankheitsbilder, die mehr Arbeit einfordern.“ Das fangen die Allgemeinärzte unterschiedlich auf, sagt Stiegler: „Wir regeln es über Wartezeiten unserer Patienten – und dadurch längere Arbeitszeiten für uns. Andere Kollegen nehmen weniger Patienten an oder überweisen schneller zu Spezialisten. Wir wurschteln uns durch – und das wird auch noch einige Jahre gut gehen.“

Versorgungslücke in den kommenden Jahren

  • Richtlinie:

    Laut der Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses, des höchsten Gremiums im Gesundheitswesen, sollte ein Hausarzt 1671 Einwohner versorgen. Jede der 17 Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) darf jedoch eigenständig von diesem Verhältnis abweichen, zum Beispiel wenn in einer Region viele chronisch Kranke wohnen. Eine bundesweite Übersicht, wo welches Verhältnis von Einwohnern zu Hausärzten angestrebt wird, gibt es allerdings nicht.

  • Versorgungsgrad:

    Der Versorgungsbedarf liegt bei 100 Prozent, wenn genauso viele Ärzte vorhanden sind, wie vorgesehen. Ab 110 Prozent Versorgungsgrad sind keine Neu-Niederlassungen mehr möglich. Ein Anhalt auf Unterversorgung liegt vor, wenn in den Planungsblättern für einen Bereich der Versorgungsgrad mit weniger als 75 Prozent für Hausärzte oder weniger als 50 Prozent für fachärztliche Arztgruppen ausgewiesen ist.

  • Gesetz:

    Mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz (Inkrafttreten: 23. Juli 2015) ist dem Gemeinsamen Bundesausschuss der Auftrag erteilt worden, eine umfassende Überarbeitung der Bedarfsplanung vorzunehmen. Die neue Fassung sollte mit Wirkung zum 1. Januar 2017 in Kraft treten. Beteiligte hatten bereits frühzeitig deutlich gemacht, dass eine umfassende, grundlegende Reform der Bedarfsplanung in der vorgegebenen Frist kaum wird umzusetzen sein.

  • Versorgungslücke:

    Wie die Altersstatistik der niedergelassenen Ärzte in Bayern zeigt, ist eine Versorgungslücke in den kommenden Jahren zu erwarten. Derzeit sind rund 35 Prozent der niedergelassenen Hausärzte in Bayern älter als 60 Jahre. Bei den Fachärzten sind es 24 Prozent. (Quelle: KVB)

  • Infos:

    Zahlen und Infos zu Förderungen gibt es unter www.kvb.de

Dass es mit dem Durchwurschteln noch klappt, das hängt auch an zahlreichen Ärzten im Landkreis, die trotz Rentenalters noch immer praktizieren. So wie der 76-jährige Dr. Hossein Ghafari in Kelheim: „Ich möchte nicht schließen. Mir macht die Arbeit immer noch Spaß, meine Patienten mögen mich und ich mag sie. Aber ich habe mehr Arbeit, als ich mir wünsche.“

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Länger als gedacht arbeitet auch Dr. Rupert Hanrieder aus Abensberg. „Als Allgemeinarzt hat man viele persönliche Bezüge, da kann man nicht einfach aufhören und die Jalousien runterlassen“, sagt der 69-Jährige. „Aber es geht nicht ewig so weiter. In fünf bis zehn Jahren könnten wir im Landkreis ein Problem bekommen, dass die offenen Stellen quantitativ und qualitativ weiter voll besetzt werden“.

Keine Besserung in Sicht

Dass sich die Situation im Landkreis in den kommenden Jahren verbessert, das bezweifelt auch Stiegler. „Jeder Allgemeinarzt tut sich schwer, für seine Praxis Nachfolger zu finden. Erst kürzlich musste ein Kollege in Ihrlerstein schließen. Der Beruf des niedergelassenen Arztes ist in ländlichen Gegenden unattraktiv geworden.“ Das liege an den unvorteilhaften Arbeitszeiten, zu wenigen Studienplätzen, fehlenden Weiterbildungsmöglichkeiten auf dem Land. Auch der Fakt, dass zwei Drittel der Medizinstudenten weiblich und damit deutlich familienbezogener seien, spiele eine Rolle.

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„Die gut gemeinte Lenkung und Förderung durch Staat oder KVB packen das Problem nicht grundsätzlich an, sondern verlagert die Probleme. Die Bedarfszahlen sind Kunstprodukte.“ Aber auch Stiegler selbst habe „kein Patentrezept“. Auch Hoppenthaller blickt sorgenvoll in die Zukunft: „Die Praxisstruktur, wie wir sie jetzt haben, wird nicht zu halten sein“.

Ob Telemedizin oder von Investoren geführte Großpraxen, wie andernorts schon praktiziert, die entstehenden Lücken bestmöglich auffangen, das bezweifeln die beiden Mediziner. Nicht ganz so schwarz malt Haid das Bild: „Auch dem Römischen Reich wurde der Untergang sehr oft prognostiziert. Und auch wenn es letztlich unterging, hat es noch Hunderte Jahre durchgehalten.“

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