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Region Kelheim
Montag, 26. Juni 2017 30° 3

Podiumsdiskussion

Inklusion: mal mühsam, mal kinderleicht

Wie wird Bayern barrierefrei? Der Weg führt zu Bauten und in die Köpfe der Menschen. Das zeigte eine Diskussion in Offenstetten mit Ministerin Müller.
Von Martina Hutzler, MZ

  • Am leichtesten vergessen Kinder den Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Foto: dpa
  • „Barrierefreies Bayern“ – wie geht das vor Ort? Darüber diskutierte Sozialministerin Emilia Müller (Mitte) zusammen mit (v. li.) Marion Huber-Schallner, Christian Bonjean, Jonathan Böhm, Benedikt Lika und Michael Eibl. Foto: hu

Abensberg.Jeder Mensch hat Talente, und jeder hat Einschränkungen – wenn jeder Mensch seinen Platz in der Gesellschaft findet, heißt das „Inklusion“. Doch da türmen sich viele Hindernisse auf: bei Bauwerken, in der Bürokratie und in den Köpfen vieler Menschen. Wie räumt man sie weg? Das war Thema einer Podiumsdiskussion im „Cabrizio“ in Offenstetten.

Die „Jungen Listen“ Abensberg und Kelheim sowie das Cabrini-Zentrum Offenstetten hatten dazu Bayerns neue Sozialministerin Emilia Müller eingeladen. Sie ist vorrangig zuständig für ein Ziel, das laut Ministerpräsident Seehofer bis zum Jahr 2023 erreicht sein soll: den Freistaat in der Fläche barrierefrei zu machen. Mit Müller diskutierten Michael Eibl, Direktor der Katholische Jugendfürsorge (KJF) Regensburg und der „Inklusions-Aktivist“ Benedikt Lika, außerdem aus Abensberg die städtische Integrationsbeauftragte und Stadträtin Marion Huber-Schallner, Junge-Liste-Kandidat Christian Bonjean und Jonathan Böhm, Auszubildender am Berufsbildungswerk Abensberg. Die Moderation übernahm der Leiter des Cabrini-Zentrums, Dr. Bernhard Resch.

Was die Politik in Berlin und München zu tun hat

„Bayern barrierefrei in zehn Jahren“ – ein anspruchsvolles Ziel, griff Ministerin Müller auf, was Simon Steber in seiner Begrüßung angeschnitten hatte: „Viele Ministerien, viele Handlungsbereiche und viel Geld sind dafür nötig.“ Benedikt Lika sieht die Bundespolitik in der Pflicht: Menschen mit Behinderung sollten nicht länger automatisch zu „Hartz-Vier-Niveau verdonnert sein“, forderte er. Denn wer „Eingliederungshilfe“ erhält, zum Beispiel für einen Assistenten, muss dafür fast alles an eigenem Verdienst oder Vermögen drangeben. Selbst wer sich einen gut bezahlten Job erarbeitet, ist deshalb nahezu mittellos.

Wie es in den Städten und Gemeinden vorwärts geht

Nicht nur kritisieren, auch mal loben, meinten Marion Huber-Schallner und Christian Bonjean: „Viele bauliche Hürden sind in den letzten Jahren beseitigt worden“, waren sie sich einig. „In Abensberg achten wir seit 1999 darauf“, sagte die Stadträtin und zählte etliche rollstuhltaugliche Gebäude und Einrichtungen auf. So etwas gelinge, wenn Betroffene wie sie ihr Wissen in die Kommunalpolitik einbringen. Das ermutigt andere Menschen mit Behinderung, hofft Christian Bonjean: „Versteckt Euch nicht, sondern macht Eure Rechte und Bedürfnisse geltend!“ Denn die Errungenschaften „sind ein Komfortgewinn für alle“, sagte Benedikt Lika mit Blick auf Lifte, breite Türen, abgesenkte Gehwegkanten.

KJF-Chef Michael Eibl ermunterte die Kommunen: „Inklusion muss keine Einbahnstraße sein.“ Eine „Inklusionsklasse“ zum Beispiel könnte man auch an der Cabrini-Förderschule einrichten, so dass dort dann auch Kinder ohne Behinderung zur Schule gehen, schlug Bernhard Resch vor.

Was die Inklusion für Verbände wie Jugendfürsorge bedeutet

Macht Inklusion die KJF und ähnliche Verbände überflüssig? Das glaubt Michael Eibl nicht. Wohl aber, dass solche Träger ihr Angebot stetig prüfen müssen. „Wir wollen den Menschen mit Behinderung die Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen. Dafür müssen wir jeden in der für ihn persönlich richtigen ,Dosis’ unterstützen.“ Mut zu Neuem forderte der KJF-Chef für den Bereich „Wohnen“. Hinderlich sei aber die bürokratische Spaltung in „ambulante“ und „stationäre Wohnform“. Emilia Müller warb für genossenschaftliche Modelle, „bei denen jeder etwas einbringen kann“ – vom eigenen Grundstück bis zum Einsatz als Babysitten oder beim Rasenmähen. „Wir unterstützen Sozial- und Senioren-Genossenschaften, die sich gründen, mit 30 000 Euro“, gab sie bekannt.

Wo die Gesellschaft

einen Beitrag leisten kann

„Eltern sind die ersten, die Inklusion leben: Sie müssen schauen, wie sie ein behindertes Kind in die Familie integrieren“, weiß Susanne Wöhrl als betroffene Mutter. Umso schlimmer findet sie „die größte Barriere für Familien: Dieser unendliche Kampf mit der Bürokratie, zum Beispiel bei den Krankenkassen. Mütter und Väter fühlen sich selbst regelrecht behindert und erschöpft, wenn sie um jedes Hilfsmittel, jeden Antrag kämpfen müssen!“

Eine große Baustelle ist die Inklusion noch in der Arbeitswelt, berichtete Johannes Magin von der KJF. Eher die Ausnahme seien „Arbeitgeber, die sich sehr engagieren.“ Die Mutter einer geistig behinderten Tochter mahnte aber, „nicht jeden ,mit Gewalt’ auf den ersten Arbeitsmarkt zu drängen“. Es werde immer Menschen geben, die dort überfordert wären, stimmte Michael Eibl zu. „Werkstätten für Menschen mit Behinderung haben weiter ihre Berechtigung“, erweitert um neue Formen: Außenarbeitsplätze oder Integrationsfirmen etwa.

Elfriede Meier, Leiterin der Cabrini-Schule Offenstetten, bedauert, „dass unsere Kinder in der Freizeit leider oft durch ihre Behinderung ausgegrenzt sind.“ Aber sie und Bernhard Resch kennen auch Beispiele, die Mut machen: eine Cabrini-Schülerin, die ministriert, ein Schüler, der bei im Verein Fahnenträger ist. Meier bat Vereine, Kirchen und andere Gruppen: Mehr Mut, alle Menschen einzubinden!

Wie die Inklusion bei

jedem Einzelnen beginnt

„Menschen mit nicht-sichtbarer Behinderung bekommen vor allem die Barrieren in den Köpfen zu spüren“, erklärte Jonathan Böhm. Die Gesellschaft müsse lernen, „auf Behinderte so zugehen wie auf Nichtbehinderte.“ Am schnellsten wird das für Kinder selbstverständlich, berichtete Albert Steber. Dagegen stecken Erwachsene gerne Menschen mit Behinderung in Schubladen, amüsiert sich Jonathan Böhm: „Viele glauben zum Beispiel, wir Autisten sind automatisch immer ein Zahlen- oder sonstiges Genie“.

Was Menschen mit Behinderung und ihre Familien einbringen

„Gerade in der Politik sind zu wenig Menschen mit Behinderung sichtbar aktiv“, ärgert sich Benedikt Lika: „Wir müssen uns schon selbst auf den Weg machen für die eigene Sache!“, fordert er. Doch nicht jeder kann das, gab die Mutter eine geistig behinderten Tochter zu bedenken: „Dann müssen einfach wir Eltern und Mitarbeiter von Einrichtungen das Sprachrohr sein!“ Welch große Aufgabe das ist, „weiß ich aus meiner Familie“, erzählte Emilia Müller, deren Bruder an Epilepsie erkrankt ist. „ Eltern müssen aber auch lernen, loslassen zu können.“ Das falle umso leichter, je selbstverständlicher es für die ganze Gesellschaft ist, „dass Behinderte einfach dazu gehören.“

Abschließend dankte Daniel Ritz den Teilnehmern am Podium und übergab mit Niklas Neumeyer namens der Jungen Liste einen Scheck über 500 Euro ans Cabrinizentrum.

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