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Region Kelheim
Donnerstag, 23. Februar 2017 14° 5

Musikaktion

Kelheimer Kunst beflügelt Münchner Piano

An Münchens Isar-Ufern stehen ab 8. Oktober Pianos zum Bestaunen und Bespielen. Eines steuert ein Kelheimer Künstler bei.
Von Martina Hutzler

„Aufsteigende Träume“ heißt das Kunst-Klavier von Michael Buchner. Hier sind noch die Träume mit blauen Zetteln nummeriert – damit in München dann jeder Traum am richtigen Platz landet… Fotos: Hutzler

Kelheim. Nanu, aus dem Klavier wächst ja was ’raus?! Wenn sich in diesen Tagen mancher Spaziergänger an der Münchner Isar verwundert die Augen reibt und fragt, ,träum’ ich??’ – ja: dann liegt er oder sie damit gar nicht so falsch. Das Klavier, das ab Donnerstag, 8. Oktober am Eisbach neben dem Haus der Kunst steht, ist zwar kein Traum, sondern sehr real und funktionstüchtig. Aber der Kelheimer Schreiner Michael Buchner hat es zu einem Kunstwerk ausgestaltet, mit dem Namen „Aufsteigende Träume“. Es ist eines von über einem Dutzend Klavieren, die bis zum 25. Oktober in der Münchner Innenstadt zu sehen, frei zugänglich und von jedem zu bespielen sind.

„Spiel mit mir, ich gehör’ Dir“, so heißt, frei übersetzt, die internationale Aktion „Play me, I’m Yours“, an der sich Michael Buchner beteiligt. Von den Vereinen „Isarlust“ und „Musik mit Kindern München“ sowie den „urbanauten“ wurde die Idee aus London nach München geholt, nach dem Motto: Wenn schon so wenige Menschen den Weg zu klassischer Klaviermusik finden, dann sollen eben die Klaviere zu den Menschen finden. Firmen und Privatleute stiften Instrumente dafür; junge Künstlerinnen und Künstler, Kinder, Jugendliche und weitere kreative Köpfe gestalten sie bunt und vielsagend.

Einladung von Handwerkskammer

Auch die Handwerkskammer (HWK) ließ sich heuer von dieser Idee anstecken und forderte Handwerker auf, fünf der Pianos künstlerisch-kreativ zu gestalten. „Warum nicht“, dachte sich Michael Buchner, als er die E-Mail der HWK las. Er bewarb sich – und wurde genommen.

Der gelernte Schreiner ist schon seit längerem auf der Suche nach Wegen, wie er sein berufliches Rüstzeug (auch) künstlerisch-kreativ anwenden kann. Als Schreiner arbeiten, in der Freizeit Fußball spielen – das alleine kann’s doch nicht gewesen sein, hat er vor einigen Jahren gemerkt und sich gefragt, „wohin will ich eigentlich?“ Die Antwort gab er sich selbst: Mit dem Schreinern will er nicht mehr nur sein täglich Brot verdienen. „Ich will auch meine Gedanken in Gestaltung umsetzen.“ So belegte der damals 33-Jährige vor zwei Jahren einen 15-monatigen Vollzeitkurs an der Akademie für Gestaltung und Design der HWK München, speziell ausgelegt auf gestaltungsinteressierte Handwerker. Maler, Sattler, eine Kostümbildnerin – bunt gemischt war die Teilnehmerschar, und breit gefächert auch die Kunsttechniken, die die „Gestaltungs-Azubis“ vermittelt bekamen.

Als Abschlussarbeit an der Gestaltungsakademie entwarf Michael Buchner diese „Kirchenleuchte“, speziell für die Kelheimer Pius-Kirche. Noch wartet sie auf ihre Premiere dort. Foto: Buchner

Seit knapp einem Jahr hat Buchner den Abschluss nun in der Tasche. Und nicht zuletzt, weil er nicht wieder „in den Alltagstrott zurückfallen“ wollte, bewarb er sich für die Klavierkunst. Musikalisch? „Nein, bin ich nicht“. Bei der Bewerbung fürs Projekt musste er angeben, was für ihn die Herausforderung daran sei. „Musik in Gestaltung umzusetzen“, so seine Antwort. Er, der ansonsten eher mal Konstantin Wecker oder „Unheilig“ einlegt, kaufte eine CD mit dem Pianisten Vladimir Horowitz, um ein Gefühl für Klaviermusik zu entwickeln. Und ließ seinen Gedanken freien Lauf.

Erste Idee – wieder verworfen

„Meine erste Idee war ,ein Klavier, das ein Flügel sein wollte’“. Aber die verwarf er: „Ich hab’ gemerkt, dass ein Klavier viel zu stolz ist, als dass es ein Flügel sein möchte.“ Dann kam ihm die Idee, dem Klavier Träume entwachsen zu lassen. „Es heißt ja, dass man sich Träume aufschreiben soll, um sie nicht zu vergessen“, dass man sie einrahmen und an die Wand hängen soll. So entstanden erste Skizzen von viereckigen Rahmen, die aus dem Klavier aufsteigen.

Mit Worten und Skizzen hat Michael Buchner in einem Buch die Entstehung des Kunstklaviers festgehalten.

Er spann die Idee weiter: Ihm kamen die Luftballons in den Sinn, an deren Schnüren man Karten befestiget, ehe man sie steigen lässt – ja, das wäre eine Möglichkeit, den Traum-Rechtecken Leichtigkeit zu verleihen. Von Gräsern, die sich im Wind biegen, schaute sich Buchner die Dynamik für sein Kunstwerk ab. Irgendwann war auch der gedankliche Brückenschlag zum Klavier geschafft: „Musik berührt das Innerste des Menschen – mit der richtigen Musik steigen vielleicht auch die Träume wieder aus dem Unterbewusstsein auf“. Das Auf und Ab der Rechtecke über dem Gehäuse erinnert an eine Melodie, und die Rechteck-Form an die mittelalterliche Schreibweise von Musiknoten.

All diese Überlegungen überzeugten die Organisatoren bei der Handwerkskammer, und so erhielt Michael Buchner vor etwa sechs Wochen die Zusage. Eine Woche später stand das Klavier auch schon da!

Die Tücken im technischen Detail

Wer ein Kunstwerk entwirft, darf „die Umsetzung anfangs nicht in den Vordergrund stellen“, weiß Buchner. Aber als er seine Idee dann vom Miniatur-Modell auf Original-Größe übertrug, steckte so mancher technische Teufel im Detail. Wie befestigt man eigentlich die Rundstäbe aus Edelstahl auf dem Klavierdeckel – ohne das darunter liegende Innenleben zu beschädigen? Eine Gewinde-Verschraubung brachte die Lösung, und ein eigens befragter Klavierbauer gab Entwarnung: Nein, die Akustik des Instruments wird nicht gestört, wenn aus ihm metallene Träume herauswachsen.

Manche Tücke steckt im Detail: Wie befestigt man eigentlich Träume auf einem hölzernen Klaviergehäuse? Ein spezielles Gewinde half…

Weitere Feinheiten ergaben sich nach und nach: In fünf Reihen sind die Edelstahl-Stäbe angeordnet, so wie im heutigen Notenlinien-System. Jeder der 22 Stäbe sitzt mittig über einer Taste, „denn durch den Tastendruck kommt ja der Traum heraus“.

Ausprobieren war auch beim Durchmesser der Rundstäbe angesagt. „Mit drei Millimetern wird der Traum zum Alptraum“, so die Erkenntnis: Da bekamen die Vierecke obenauf nämlich Schlagseite… Fünf Millimeter wären schon zu wuchtig – vier erwiesen sich als optimal. Gebogen hat sie Buchner „frei Schnauze“ – schließlich legt bei Gräsern im Wind ja auch niemand den Zirkel an – und zwar von links nach rechts, so wie man auch Noten liest. Für die Rechteck-Form holte er sich bei seinem Altstadt-Nachbarn Eberl die nötige Biegevorrichtung.

Vorige Woche war das Werk dann vollendet, diese Woche trat die künstlerisch-musikalische Botschaft aus Niederbayern ihre Reise in die Landeshauptstadt an. Und ab Donnerstag, 8. Oktober, können dort die Münchner und ihre Gäste mit dem Kelheimer Kunstklavier ihre Träume aus dem Unterbewusstsein erwecken. Tags darauf, am Freitag um 18 Uhr, ist am Vater-Rhein-Brunnen die offizielle Vernissage zur Aktion, bis zum 23. Oktober finden viele weitere Veranstaltungen statt.

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