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Region Kelheim
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Aktionstag

Landkomfort löst das Bauernhof-Idyll ab

Beim Urlaub auf dem Bauernhof steigen die Ansprüche stetig. Das erlebt Familie Stark auf ihrem Ferienhof in Kelheim.
Von Martina Hutzler

  • Mit dem Neubau eines komfortablen Holzhauses mit drei großen Ferienwohnungen haben Karin und Wolfgang Stark den Landurlaub endgültig zum Haupt-Erwerbszweig ihres Betriebs gemacht. Fotos: Hutzler
  • Digital hin oder her: Esel Fridolin tritt noch ganz analog in Kontakt mit Besuchern. Vor allem, wenn die im Idealfall ein Stückchen Brot dabei haben… Foto: Hutzler
  • Zum „Tag des offenen Ferienhofs“ besuchten auch (v.li.) Kathrin Weidl und Andreas Seyller (Tourismusverband Ostbayern) sowie (v.re.) Florian Best (Kreis-Tourismusverband), Roswitha Heiß-Brenninger und Beate Peter (beide AELF Abensberg) den Ferienhof Stark. Wolfgang Stark (Mitte) stellte ihn vor. Foto: Hutzler

Kelheim.Den Bauernhof aus dem Bilderbuch gibt es so nicht mehr – kein Wunder, dass sich auch der „Urlaub auf dem Bauernhof“ gründlich gewandelt hat. Das weiß Familie Stark, die in Kelheimwinzer „Landurlaub“ anbietet. Die Starks waren am Freitag Gastgeber für den „Niederbayerischen Tag der offenen Ferienhöfe“, der im Kreis Kelheim erstmals stattfand. Er richtet sich vor allem an die Branche selbst: an Touristiker, an Betreiber von Land- und Bauernhof-Unterkünften, die schauen wollen, was sich Kollegen so alles einfallen lassen.

Karin und Wolfgang Stark haben bei früheren „Tagen der offenen Tür“ selbst schon Anregungen gesammelt. Denn ihr „Ferienhof Stark“ ist mittlerweile ihr Haupt-Standbein. Die Vollerwerbs-Landwirtschaft, die Starks Eltern noch führten, „würde hier, mitten im Ort kaum mehr funktionieren: Mit den großen Maschinen heute käme man zum Beispiel gar nicht mehr auf die Straße raus“, schildert Wolfgang Stark. 25 Hektar Flächen bewirtschaftet er noch, aber die Bullenmast gaben die Starks vor fünf Jahren auf.

Der gute alte Deutz, mit Lederpolstern aufgepeppt, dient heute als ungewöhnliche „Gästekutsche“.

Am geräumigen Hof können jetzt Urlauber-Kinder herumtoben, mit dem in Ehren gealterten Deutz-Traktor kutschiert Wolfgang Stark Gäste herum, den weiteren „Fuhrpark“ beherrschen Kettcar und Co. Und Statt Nutzvieh steht ein Streichelzoo am Hof: „Das interessiert Urlauber viel mehr als Bullen“.

Mehr noch als das tierische Personal hat sich die Arbeitsweise am Hof gewandelt. „Online hat sich innerhalb von einigen Jahren komplett durchgesetzt. Gefunden wird unser Angebot fast zu 100 Prozent online“, schildert Karin Stark. Und zwar weltweit: Gäste aus Südafrika, China, Japan, den USA haben schon digital gebucht.

„Wer bei Online nicht mitzieht, hat irgendwann keine Buchungen mehr.“

Karin Stark, Betreiberin eines Ferienhofs in Kelheimwinzer

Ein weiterer Online-Effekt: Das Geschäft wird sehr oft sehr kurzfristig. Radtouristen etwa schätzen nachmittags ab, wie weit sie noch kommen, danach suchen und buchen sie am Smartphone über Portale wie „booking.com“ eine Wohnung – und stehen zwei Stunden später vor der Tür. Oder auch nur zwei Minuten – solche Blitzbucher hatten die Starks schon.

Was noch an einen Bauernhof erinnert

  • Bunt statt Bulle:

    Eine bunte Truppe hat bei den Starks die Bullenhaltung ersetzt: Ponydame Mona Lisa, die (für alle überraschend) beim Einzug ihre Tochter Gypsy schon im „Bauchgepäck“ hatte; neugierige Zwergziegen, Schafe, Hasen – und Esel Fridolin als unangefochtener Star der Truppe.

  • Schäferstündchen:

    In „Winterarbeit“ hat Wolfgang Stark einen Schäferwagen gebaut. Er wollte ihn eigentlich als „wanderndes Domizil“ den Gästen hinterherherbefördern. Bürokratisch aber viel zu aufwendig. Jetzt steht der Wagen am Hof und wird von romantisch-rustikal veranlagen Gästen gebucht. (hu)

„Online hat sich durchgesetzt“

Verschwindend gering sei dagegen der Anteil z.B. an Radlern, die das Hinweisschild am Donaudamm sehen und „analog“ am Hof anfragen; selbst telefonisch reservieren nur noch wenige. Karin Stark ist daher sicher: „Wer bei Online nicht mitzieht, hat irgendwann keine Buchungen mehr.“

Ähnliches lässt sich wohl beim Thema Qualität schlussfolgern. Denn die Ansprüche an Komfort steigen zunehmend, beobachten die Starks. Als sie 1996 ihr Landurlaub-Angebot, brachten sie als erstes die bestehenden sechs Ferienwohnungen auf Drei- bis Vier-Sterne-Niveau. Nach der Klassifizierung (via Deutscher Tourismusverband) selbst fragen zwar nicht allzu viele Gäste. Wohl aber nach den damit verbundenen Standards wie Geschirrspüler oder Raumgröße.

„Das ist ja größer als meine eigene Wohnung“, bekommen die Starks mitunter zu hören, wenn sie Großstadt-Gäste in ihr neues Ferienhaus führen. Foto: Hutzler

Eine noch größere Rolle spielte das Thema Komfort bei der jüngsten Investitionsentscheidung: das Ferienhaus, das sie 2016 zwei Straßen weiter gebaut haben. Fassade und Innenausstattung aus unbehandeltem Holz, die drei Ferienwohnungen mit 70 bis 90 Quadratmeter sehr groß geschnitten; eine barrierefrei eingerichtet. Uriger Holzhaus-Flair ist das eine – das andere ist, dass Gäste trotzdem nicht verzichten wollen auf Annehmlichkeiten wie große Badewanne und Küchenzeile, Waschmaschine, WLan oder den morgendlichen Semmel- respektive „Brötchen-Service“ (bei der Wortwahl schwanken die Starks noch zwischen bundesweiter Verständlichkeit und bajuwarischem Stolz).

Immer neugierig auf neue Gäste: die Zwergziegen Foto: Hutzler

Eher im eigenen Interesse hat Wolfgang Stark digitalen Zahlencode-Schlösser eingebaut statt klassischer Wohnungsschlüssel. Letztere gibt’s im Haupthaus noch – und werden von Gästen regelmäßig versehentlich eingepackt, seufzt Karin Stark: „Einer ist jetzt irgendwo in Russland…“

Hohe Standards, viel Ausstattung: Das erspart den Starks einerseits, ihr Angebot billig verramschen zu müssen. Es verlangt andererseits von ihnen, mit Ausbessern, Erneuern, Modernisieren stets am Ball zu bleiben. Für beide ist ihr Betrieb längst Fulltime-Job, zumal die Wohnungen außerhalb der Urlauber-Saison, im Winterhalbjahr, auch mit Handwerkern, Monteuren belegt sind.

Das Rüstzeug fürs Vermieter-Dasein haben sich die beiden selbst angeeignet: anfangs mit hauswirtschaftlichen Abendkursen am Amt für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten; jetzt mit Fortbildungen und vor allem „learning by doing“. Eines aber muss man von Haus aus mitbringen, will man als familiärer Ferienhof Erfolg haben, ist Karin Stark überzeugt: „Freude im Umgang mit Menschen!“

Trend geht zu Komfort und Geräumigkeit

Den Trend zu Komfort, Geräumigkeit und Professionalität beim „Urlaub auf dem Bauernhof“ bestätigt im Gespräch mit unserem Medienhaus auch Beate Peter. Sie ist für diesen landwirtschaftlichen Erwerbszweig die Beraterin am Amt für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten in Abensberg.

Beate Peter. Sie ist Beraterin für „Urlaub auf dem Bauernhof“ am Amt für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten in Abensberg. Foto: Hutzler

Frau Peter, hat „Urlaub auf dem Bauernhof“ heutzutage überhaupt noch etwas mit Landwirtschaft zu tun?


Der Bezug zur Natur ist schon noch da und auch ein Alleinstellungsmerkmal. Aber den Bauernhof wie im Bilderbuch gibt es heute ja nicht mehr, das sind in der Regel spezialisierte Unternehmen. In so einem Vollerwerbsbetrieb ist es oft eine Zeitfrage, ob zusätzlich Ferienangebote möglich sind. Auf der anderen Seite verlagert mancher Betrieb, der mit „Urlaub am Bauernhof“ nebenher angefangen hat, seinen Schwerpunkt ganz darauf, wenn er damit Erfolg hat.

Verändert sich die Zahl der Betriebe, die Urlaub auf dem Bauernhof beziehungsweise „Landurlaub“ anbieten?

Hier im Landkreis liegt die Zahl seit Jahren konstant um die 30 Betriebe, die Kontakt zu uns am Amt für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten Abensberg halten. Aber es gibt Fluktuation. Bei den einen gibt die junge Generation das Beherbergungsangebot auf. Andere entwickeln ihren Betrieb intensiv weiter, so wie Familie Stark.

Wohin geht generell der Trend?

Wer in seinen Betrieb investiert, wird in der Vermarktung versuchen, sich den hochpreisigen Sektor zu erschließen, um rentabel zu wirtschaften. In der Beratung predigen wir das seit Jahren: Weg vom Billig-Image – das Angebot muss nicht preiswert sein, aber es muss seinen Preis wert sein. Entsprechend geht der Trend zu qualitativ hochwertigen Angeboten, zu größeren Zimmer- und Wohnungsgrößen. Das soll der bayernweite „Tag des offenen Ferienhofs“ auch vermitteln.

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