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Justiz

Lange Gefängnisstrafe für Räuber

Nur die Regensburger Tat wertete das Gericht als Raub. Der „Überfall“ auf die Bad Abbacher Spielhalle war wohl fingiert
Von Marion von Boeselager, MZ

Ein Häftling blickt durch die Gitterstäbe einer Gefängniszelle ins Freie – fünf Jahre und neun Monate muss auch der 35-Jährige in Haft, der unter anderem wegen des wohl fingierten Überfalls auf ein Spielcasino in Bad Abbach verurteilt wurde. Foto: Patrick Seeger/dpa

Bad Abbach.Im Prozess um einen angeblichen Überfall auf eine Spielhalle in Bad Abbach und einen weiteren Raub in Regensburg ist der 35-jährige Angeklagte vor dem Landgericht Regensburg zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von fünf Jahren und neun Monaten verurteilt worden.

Dabei ging die Kammer unter Vorsitz von Richter Georg Kimmerl jedoch nicht mehr, wie ursprünglich angeklagt, von zwei Fällen des schweren Raubes aus. Stattdessen schenkte das Gericht hier dem Angeklagten Glauben: Dieser hatte zu Prozessauftakt überraschend erklärt, er habe den „Überfall“ auf das Spielcasino gemeinsam mit dessen Mitbetreiber ausgeheckt. „Der Tatnachweis kann hier nicht geführt werden“, sagte Kimmerl.

War Geschäftsführer Komplize?

Der Mitgeschäftsführer hatte sich vor Gericht nämlich in Widersprüche verstrickt. Daher fällte das Gericht das Urteil zum ersten Tatkomplex nach dem Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“. Der 35-Jährige wurde für den wohl fingierten Bad Abbacher Überfall nurmehr wegen besonders schweren Diebstahls und Sachbeschädigung verurteilt.

In seiner Urteilsbegründung skizzierte der Vorsitzende Richter folgenden Sachverhalt der Tat vom 2. Februar letzten Jahres: Der Angeklagte und der Mitgeschäftsführer vereinbarten, dass ersterer vermummt das Casino betreten sollte. Danach räumten beide Männer gemeinsam die Spielautomaten aus. Der Mitbetreiber wurde zum Schein gefesselt. Dann wollten beide Täter auf den Eigentümer des Casinos warten, der angeblich weitere fünf- bis zehntausend Euro in bar dabei haben sollte, um ihm auch diese abzunehmen. Die Beute sollte geteilt werden. Da der Mann jedoch nicht auftauchte, flüchtete der Angeklagte vorher und verbrauchte die Beute von rund 2000 Euro allein für seinen Lebensunterhalt sowie Alkohol und Drogen.

Das sagte die Staatsanwältin

  • Die Staatsanwältin

    forderte in ihrem Plädoyer für den Angeklagten eine Gesamtfreiheitsstrafe von acht Jahren und acht Monaten.

  • Sie sah seine Schuld wegen besonders schweren Raubes in zwei Fällen, Freiheitsberaubung, Sachbeschädigung, vorsätzlicher Körperverletzung sowie Betrugs und Urkundenfälschung in drei Fällen als erwiesen an.

  • Anders

    als das Gericht ging die Anklagevertreterin davon aus, dass der Angeklagte am 2. Februar letzten Jahres mit Strupfmaske, Tuch, Baseballkappe und Handschuhen maskiert, die Spielhalle in der Bad Abbacher Kaiser-Karl-V.-Allee betrat. Er hielt dem Mitbetreiber ein spitzes Küchenmesser an den Hals und forderte: „Schlüssel her.“

  • Nach dem

    Aufschließen der Spielautomaten fesselte er das Opfer und flüchtete mit über 2000 Euro Beute.

  • Im Urteil ging das Gericht jedoch davon aus, dass dieser Tatnachweise nicht geführt werden kann.

  • Viel spreche dafür, dass der Mitbetreiber mit dem Angeklagten gemeinsame Sache machte.

  • Der Verteidiger

    Norman Jacob hatte vier Jahre und drei Monate Haft und Unterbringung beantragt..

Anders als die Staatsanwältin schenkte die Kammer dem Mitbetreiber der Spielhalle, der sich als Opfer darstellte, keinen Glauben. Der Zeuge habe in wichtigen Punkten – zur Tatzeit, zur Tat und deren Vorgeschichte, zum Inhalt von Telefonaten mit dem Casino-Eigentümer, zur Beute, zum Sachschaden und zu seiner eigenen, gar nicht so rosigen finanziellen Situation – unterschiedliche Angaben gemacht. „Darauf kann man eine Verurteilung nicht stützen“, so Kimmerl.

Wenige Tage nach der Bad Abbacher Tat hatte der Angeklagte im Regensburger Donau-Einkaufszentrum einen Mann kennengelernt und hatte ihn in seiner Wohnung besucht. Doch der drogen- und alkoholabhängige Angeklagte missbrauchte das Vertrauen des Gastgebers. Er hielt ihm plötzlich eine Messer an die Kehle und forderte Geld. Der Geschädigte konnte auf den Balkon fliehen und um Hilfe rufen. Der Angeklagte nahm Bargeld, Ausweis und ec-Karte des Opfers an sich und entfernte sich. Mit den Papieren des Geschädigten schloss er am Folgetag mehrere Handy-Verträge in Regensburger Geschäften sowie einen Kaufvertrag über ein AppleMacBook Pro ab. Die so erschwindelten Geräte im Wert von mehreren tausend Euro machte er anschließend in einem Laden zu Geld. Diese Taten hatte der Angeklagte gestanden und sich dafür entschuldigt. Für den Regensburger Tatkomplex wurde er des besonders schweren Raubes, des gewerbsmäßigen Betrugs und der Urkundenfälschung in drei Fällen schuldig gesprochen.

Opfer leidet noch an Folgen

Zugunsten des Angeklagten wertete die Kammer unter anderem sein Geständnis, seine Entschuldigung und die finanzielle Notlage, in der er sich befand.

Zu seinen Lasten fielen aber die psychischen Folgen für das Regensburger Opfer ins Gewicht. Der Regensburger sei bis heute schwer beeinträchtig. Er fühle sich nicht mehr sicher, sagte Kimmerl. Zudem hat der Angeklagte bereits erhebliche Vorstrafen angesammelt. Er ist hafterfahren und befand sich zur Tatzeit auf der Flucht vor einer Inhaftierung. Die Kammer ging bei dem Raub von verminderter Schuldfähigkeit nach reichlich Drogen- und Alkoholkonsum des Angeklagten aus. Daher wertete sie die Tat als „minderschweren Fall.“ Eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt lehnte das Gericht wegen mangelnder Erfolgsaussichten ab: Der Angeklagte hatte gerade fünf Jahre in stationärer Therapie hinter sich, als er die neuen Taten beging.

In seinem Schlusswort berichtete der Angeklagte, er sei wegen einer Blut-Gerinnungsstörung immer Außenseiter gewesen. Auch vom Vater habe es oft Schläge gegeben. Daher habe er sich in Drogen und Alkohol geflüchtet. Für die Taten schäme er sich: „Es tut mir alles sehr leid. Ich bin 35 und habe nichts im Leben erreicht, auf das ich stolz bin.“ Er wolle künftig keine Drogen mehr nehmen und neu anfangen, beteuerte er.

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