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Region Kelheim
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Vorstoß

Manege zu für Giraffe und Co?

Kelheims Jusos fordern Städte und Gemeinden auf, Zirkussen mit Wildtieren keine Plätze zu vermieten. Das ist umstritten.
Von Martina Hutzler

Für viele Besucher gehören Elefant, Giraffe und Co. zum Zirkus dazu. Für andere ist diese Tierhaltung Quälerei. Foto: dpa

Kelheim.Der SPD-Nachwuchs im Landkreis will Zirkusse mit Wildtier-Haltung von öffentlichen Flächen verbannen. Per Pressemitteilung fordern die Jusos die 24 Städte und Gemeinden im Landkreis auf, ihre öffentlichen Plätze und Flächen nicht mehr an Zirkussen zu vermieten, die Löwe, Zebra, Elefant und Co. dabei haben. Die Kommunen sollen „endlich ein Zeichen gegen Gewalt an Tiere setzen“, begründet Juso-Kreisvorsitzender Michael Pöppl die Forderung, die sich mit der von Deutschem Tierschutzbund und anderen Verbänden deckt. Rechtlich würden Rathäuser damit wohl dünnes Eis begehen.

Die Rechtslage

  • Kommunen:

    Einige Städte wie z.B. Burglengenfeld (Kreis Schwandorf) haben beschlossen, ihre kommunalen Flächen nur für Zirkusse ohne „Wildtiere“ zu vermieten.

  • Gerichte:

    Ein „Wildtierverbot“ der Stadt Hameln hat das niedersächsische Oberverwaltungsgericht heuer im März gekippt: In einem Eilbeschluss befand das OVG, dass die Stadt weder per allgemeiner Regelung noch mittels Vergabe-Regeln für ihre öffentlichen Plätze den Wildtier-Zirkus aussperren darf: Zum einen verfüge er über die (Bundes-) tierschutzrechtliche Erlaubnis für die Wildtierhaltung, zum anderen würde ein Verbot unzulässig in seine Berufsfreiheit eingreifen. Der Gerichtsbeschluss – kein Urteil – hat keine Bindungswirkung für andere Gerichte, kann von diesen aber in vergleichbaren Fällen herangezogen werden, erklärt eine Gerichtssprecherin.

  • Bundespolitik:

    Berlin nimmt das Thema „Wildtier-Verbot“ in Zirkussen und reisenden Tierschauen alle paar Jahre auf die Tagesordnung. Im März 2016 hat der Bundesrat die Bundesregierung aufgefordert, so ein Verbot zu erlassen, „insbesondere für Affen, Elefanten, Großbären, Giraffen, Nashörner und Flusspferde“. Die Aufforderung liegt auf Eis: Die Regierung gab „eine auf wissenschaftlichen Grundlagen basierende Stellungnahme zu einem eventuellen Haltungsverbot“ in Auftrag, an der noch gearbeitet wird.

  • Angesichts dessen beantragte heuer die Linken-Fraktion im Bundestag, die Haltung von Wildtieren in Zirkussen zu verbieten. Dieser Antrag wurde im Juni mit den Stimmen der Koalition abgelehnt: CDU/CSU wollen das noch ausstehende wissenschaftliche Gutachten der Bundesregierung abwarten; die SPD erklärte, zwar für ein Verbot zu sein; jedoch gehe ihr der Antrag der Linken zu weit.

  • Europa:

    Im Verbotsantrag der Linken heißt es, in 18 EU-Staaten sei die Wildtier-Haltung in Zirkussen mittlerweile „verboten bzw. deutlich eingeschränkt“. (hu)

Ein Zirkus-Gastspiel im Landkreis war für die Jusos Kelheim Anlass, das Thema aufzugreifen. Für Tiere, die an sich in freier Wildbahn leben, bedeute Zirkus unweigerlich Dressur unter Zwang und nicht-artgerechtes Herum-Reisen. Das sei inakzeptabel, argumentieren Pöppl und Bezirksvorsitzende Luisa Haag. Auch der Tierschutzbund urteilt, „Wildtiere leiden im Zirkus“, etwa weil sie „oft mit Gewalt dressiert werden“, bis zu 50 Mal im Jahr den Auftrittsort wechseln und ihre Unterbringung beengt sei, ohne Möglichkeit zu artgemäßem und sozialem Verhalten.

„Überholte Klischees“

Für Dieter Seeger sind das völlig veraltete Klischees von der Tierhaltung in Zirkussen. „Die Zeiten, in denen man versucht hat, Tiger mit der Eisenstange zu dressieren, sind seit über 100 Jahren vorbei“, sagt der Vorstandsvorsitzende des „Verbands deutscher Circusunternehmen“ (VDCU). „Wir haben gelernt, was humane Tierdressur bedeutet“, nämlich mit Belohnung statt mit Gewalt zu arbeiten. Er verweist darauf, dass es echte „Wildtiere“ in deutschen Zirkussen fast nicht mehr gebe: „Bis auf einige alte Elefanten“ stammten sämtliche Tiere nur noch aus Nachzuchten und seien längst „auf Menschen geprägt“, so Seeger. Dass diese Tiere im Zirkus und auf Reisen gut leben können, hätten wissenschaftliche Studien gezeigt.

Für viele Besucher gehören Elefant, Giraffe und Co. zum Zirkus dazu. Für andere ist diese Tierhaltung Quälerei. Foto: dpa

Das jedoch sei im Einzelfall zumindest kaum überprüfbar, kritisieren die Jusos weiter: Es „ändert sich durch die Standortwechsel auch die zuständige Behörde ständig, was effektive Kontrollen enorm erschwert“. Dem hält Dieter Seeger entgegen, dass nahezu an jedem Auftrittsort das zuständige Veterinäramt Unterbringung, Fütterung, Transport der Tiere prüfe. „Und das wird in den Tierbestandsbüchern dokumentiert, die jeder Halter mit sich führt. So kann der Amtsveterinär am nächsten Standort überprüfen, was sein vorheriger Kollege geschrieben hat.“

Stimmt – theoretisch. „Die Zirkusse haben die Auflage, sich bei der örtlichen Verwaltung anzumelden“ – nicht jeder aber tue das, teilt das Kelheimer Veterinäramt auf Anfrage mit. Es erfährt dann allenfalls durch Hinweise vom Gastspiel. Ob man den Zirkus tatsächlich kontrolliere, entscheide man anhand des Zirkuszentralregisters, das Kontrollen anderer Landkreise registriert und etwaige Mängel dokumentiert, so das Veterinäramt. Seit 2015 sei ein Zirkus, „mit geringen Mängeln“, kontrolliert worden.

VDCU-Chef Seeger rät seinen Mitgliedern zum „gläsernen Zirkus“: also z.B. zur Dressurarbeit Zuschauer zuzulassen: So könne man „Vorurteile von radikalen, fanatischen Tierrechts-Organisationen“ widerlegen. Er verweist auf die verbandsinternen Leitlinien zur Tierhaltung, die mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium abgestimmt seien. Für die 43 VDCU-Mitglieder – sofern tierhaltend – seien sie verbindlich. Seeger räumt indes ein, dass einige der etwa 300 Zirkusse bundesweit diese artgerechte Haltung nicht erfüllen. Bis hin zu „einigen wenigen, die sich Zirkus nennen, aber ihren Unterhalt eher mit Betteln finanzieren“.

Entscheidend sind die Zuschauer

Generell sinkt nach Seegers Einschätzung die Zahl der Zirkusse mit Wildtieren hierzulande tendenziell. Ob Löwe, Tiger und Dromedar in Zukunft noch „Stars in der Manege“ sind, hänge davon ab, wie sich die Gesetzeslage entwickelt – und: das Interesse. „Wenn uns die Zuschauer signalisieren, dass sie keine Tiere mehr sehen wollen, werden sich die Zirkusse umstellen“.

Juso-Kreisvorsitzender Michael Pöppl hat im Kreis Kelheim eine Debatte um Zirkusse mit Wildtieren angestoßen. Foto: hu

So lange wollen die Jusos Kelheim freilich nicht warten. Sie hoffen, dass in den Rathäusern ihr Aufruf aufgegriffen wird – so wie es in anderen Landkreisen auch schon manche Kommunen getan haben, in Burglengenfeld (Kreis Schwandorf) zum Beispiel. Dort gilt ein sehr weit gefasstes „Wildtier-Verbot“, das in einem Fall für Ärger sorgte.

Die Kelheimer SPD-Nachwuchsorganisation hat ihre Aufforderung in direkter Form bislang nur an die SPD-Bürgermeister im Landkreis geschickt. Das Kelheimer Stadtoberhaupt Horst Hartmann, einer der Empfänger, hält zwar in der Tat die Tierhaltung gerade bei kleinen Zirkussen für fragwürdig. Regelungsbedarf sieht er für Kelheim aber nicht. Den Volksfestplatz – als einzigen in Frage kommenden Stellplatz – vergebe die Stadtverwaltung „seit Jahren nur noch sehr restriktiv an Zirkusse“. Auch, weil der schlichterdings oft belegt und selten für längere Gastspiele frei sei. „Da sehe ich einfach keinen Regelungsbedarf“, so Hartmann.

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