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Region Kelheim
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Medizin

Mit Freibier Darmkrebs vorbeugen

Nach der Darmspiegelung eine Halbe Bier – mit der Kelheimer Aktion „Das Bier danach“ soll die Darmkrebsvorsorge bayernweit gesellschaftsfähig werden.
von Benjamin Neumaier, MZ

Dr. Michael Reng (r.) und Stephan Butz sorgen für Nachschub in der Goldberg-Klinik. Fotos: Neumaier

Kelheim.Wenn Dr. Michael Reng von der Goldberg-Klinik und Schneider Weisse Pressesprecher Stephan Butz ihr Projekt Kollegen näherbringen wollen, ernten sie erst zuerst einmal nur Gelächter – am Ende aber meist breite Zustimmung. Mit der Aktion „Das Bier danach“ wollen sie eine Lanze für ein Thema brechen, das in der Gesellschaft eher mit Ekel als mit medizinischem Nutzen behaftet ist – die Darmspiegelung zur Darmkrebsvorsorge.

Dr. Reng: „Bei uns, wie bei den anderen darmspiegelnden Ärzten im Kreis Kelheim, gibt es nach jeder ambulanten Darmkrebsvorsorgeuntersuchung ein Freibier, ein Alkoholfreies. Gerade weil die Aktion so ungewöhnlich ist, zaubert sie dem ein oder anderen ein Lächeln aufs Gesicht – und wir erreichen mehr Personen.“

Etwa 70 000 pro Jahr betroffen

Denn Darmkrebs ist geschlechtsübergreifend die häufigste Krebserkrankung in Deutschland – etwa 70 000 Personen erkranken pro Jahr daran, mehr als 26 000 von ihnen sterben. „Das sind so viele, als wenn jede Woche über Deutschland zwei voll besetzte Jumbojets abstürzen und alle Insassen umkommen“, sagt Reng. Dabei ist sei gerade Darmkrebs nicht nur heilbar, sondern wirklich per Vorsorge vermeidbar: „Bevor Darmkrebs ausbricht, entstehen Polypen, gutartige Tumore, die man entfernen kann, bevor sie bösartig werden. Rein statistisch betrachtet reicht es, wenn man sich ab 55 Jahren alle zehn Jahre untersuchen lässt – auch dann kann man zwar nicht jegliche Darmkrebserkrankung ausschließen, aber das Risiko minimieren.“ Nur wer Darmkrebsfälle in der unmittelbaren Verwandtschaft habe, müsse sich am besten schon mit 45 untersuchen lassen.

Von der Vorsorge per Stuhlbluttest hält Reng weniger, „weil sie nur in einem Viertel der Fälle anschlägt. Das ist, wie wenn sie beim Autofahren immer nur einen von vier Airbags einschalten – und nicht immer den Fahrerairbag. Dennoch ist sie besser, als gar nichts zu tun.“

Flüssigkeitsverlust ausgleichen

Und um dieses „gar nichts tun“ zu vermeiden, kam der Gastroenterologe ins Grübeln: „Ich suchte nach Ansatzpunkten, die Koloskopie (Darmspiegelung) gesellschaftsfähig zu machen. Nach Spielchen wie ,Donaudurchbruch statt Darmdurchbruch‘ kam ich auf Bier, besser gesagt Freibier. Damit kriegst du die Menschen in Bayern.“ Denn bei einer Koloskopie verlieren die Patienten Flüssigkeit, die nachher wieder ausgeglichen werden muss. Normalerweise durch Apfelschorle, Wasser oder Tee. Ein alkoholfreies Weißbier sei aber ebenso gut geeignet, erklärt Reng: „Weil es isotonisch ist und sogar weniger Alkoholgehalt hat, als etwa eine Apfelschorle.“ Er kontaktierte Georg Schneider, der erst mal lachte, sagt Reng: „Aber ich bin vermutlich kein normaler Chefarzt und Georg Schneider wohl ebenso ein schelmischer Querdenker, wie ich –deshalb war er auch schnell begeistert.“

Und deshalb läuft die Aktion schon seit knapp zwei Jahren in der Kelheimer Goldbergklinik – nun soll sie auf den Freistaat ausgeweitet und mit einer Studie begleitet werden. Das könne und wolle die Brauerei Schneider nicht alleine leisten – andere mussten ins Boot geholt werden.

Reng und Butz schreiben Krankenhäuser, Praxen und Brauereien an, um jeden Winkel Bayerns zu erreichen. Das sei mitunter nicht einfach, sagt Butz: „Wenn ich Brauer anrufe, warten einige auf die Pointe, weil sie glauben, ich mache einen Witz. Andere fühlen sich verarscht und stellen auf Lautsprecher – die glauben dann, sie wären im Radio. Letztlich finden es aber die meisten richtig gut.“

Ärzte kümmern sich um Nachschub

Mittlerweile sind etwa Wittmann aus Landshut, Riegele aus Augsburg oder auch Erdinger eingestiegen – insgesamt gut 25 Brauereien und knapp 60 Kliniken und Arztpraxen. „Und ein Limit haben wir uns nicht gesetzt“, sagt Butz. Einzige Bedingung für die Teilnahme ist, dass die Ärzte und Kliniken sich um die Beschaffung des Biers kümmern, das die Brauereien kostenlos zur Verfügung stellen. „Es soll für alle Teilnehmer einfach sein, das war eine Maxime“, sagt Butz. Verträge gibt es daher nicht. „Die Sache steht und fällt mit geeigneten Ansprechpartnern.“

Allerdings ließen die Akteure die Aktion „Das Bier danach“ schützen und halten auch das Papiertäschchen mit dem DÜV-Siegel – Darmkrebs-Überlebens-Versicherung – in dem das Bier dem Patienten mit nach Hause gegeben wird, zentral vor. Denn das Projekt solle zwar Eigendynamik entwickeln, aber niemand ungefragt auf den Zug aufspringen können, „um statt Gemeinnutz damit einen Reibach zu machen“, sagt Reng.

Und dass es funktioniert, merkt Dr. Reng nicht nur in der Goldberg-Klinik oder aus den Berichten der bereits teilnehmenden Ärzte im Kreis, sondern auch bei einem Gespräch, das er in einem Wirtshaus zufällig mitbekam: „Da erzählte ein Mann seinem Kumpel, er habe eine Darmspiegelung machen lassen. Der wandte sich erst angewidert ab, aber als der Vorsorgepatient ihm erzählte, dass er dafür ein Bier bekommen habe, war sein Kumpel plötzlich am Thema interessiert. Und wenn über das Thema gesprochen wird, haben wir schon sehr viel erreicht.“

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