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Region Kelheim
Sonntag, 19. November 2017 7

Einsatz

Tafel-Teams: „Wir sind am Limit“

Die Einrichtungen im Raum Kelheim kommen gerade über die Runden: Vor allem der Arbeitsanfall für die Ehrenamtler ist riesig.
Von Martina Hutzler

Dutzende ehrenamtliche Helfer halten Woche für Woche die Lebensmittel-Ausgabe in den „Tafeln“ aufrecht. Mehr geht nicht mehr, heißt es fast allerorten im Landkreis. Foto: dpa

Kelheim.Mit der Schließung der privat geführten Hilfseinrichtung „Tisch für Bad Abbach“ wird deutlich: Allerorten in der Region sind die Lebensmittel-Verteilstellen für bedürftige Menschen aus- bis überlastet. „Wir sind am Limit dessen, was man mit Ehrenamtlichen schaffen kann“, fasst es Heidi Kuffer vom Caritasverband mit einem Seufzer zusammen. Und dabei schwant allen Engagierten, dass die Nachfrage weiter steigen wird – allein schon mit Blick auf die Altersarmut. „Ein Armutszeugnis für Deutschland“, findet der Abensberger Rudi Bucher.

Abensberg:
Am Limit, aber ohne Warteliste

Die „Abensberger Tafel e.V.“ war im Landkreis die erste solche Einrichtung, für die Ehrenamtliche beim Handel „überschüssige“ Lebensmittel einsammeln und an Menschen ausgeben, die staatliche Unterstützung beziehen. Aktuell hat Abensberg rund 70 Abholer – hinter denen im Durchschnitt eine dreiköpfige Familie steht. Die Waren erhält Vereinsvorsitzender und „Chef-Logistiker“ Rudi Bucher nicht nur von regionalen Märkten und den örtlichen Großhändlern Goeritz und Heigl, sondern bis aus Zentralen in Weiden oder Nürnberg. Unterm Strich arbeiten er und rund 65 Ehrenamtler am Limit, aber zum Glück noch ohne Warteliste: „Das wäre der allerletzte Ausweg!“

Dutzende ehrenamtliche Helfer halten Woche für Woche die Lebensmittel-Ausgabe in den „Tafeln“ aufrecht. Mehr geht nicht mehr, heißt es fast allerorten im Landkreis. Foto: dpa

Heuer zu Jahresbeginn schien das fast nötig, weil der Kundenkreis zeitweise stark anwuchs. Auch wegen der hohen Zahl von Flüchtlingen, die in Abensberg leben. Die Herkunft der Menschen spiele keine Rolle, sagt Bucher energisch – was zählt, sei die (per Berechtigungsschein nachgewiesene) Bedürftigkeit. Das stelle man in der „Tafel“ auch sofort klar, wenn mal Neiddebatten aufkämen.

Neustadt:
Konstante Zahlen

Eine konstante Auslastung mit 45 bis 50 Abholern verzeichnet die Neustädter Zweigstelle der Abensberger Tafel: „viele Ältere und Alleinstehende, aber auch Familien, einige Asylsuchende“, schildert Helga Beck, 2. Vereinsvorsitzende und Neustädter Organisatorin. Wer neu kommt, kann ohne Warteliste aufgenommen werden; bislang reichen Waren, vor allem aber das Ehrenamtler-Team, „um die Kunden gut zu bedienen“. Dazu gehört für Helga Beck nämlich nicht nur die bloße Warenabgabe, sondern auch der Kontakt zu, das Bemühen um die Kunden. Denn sie weiß zu gut, wie viel Überwindung es kostet, zur „Tafel“ zu gehen: „Diesen Schritt geht man nur, wenn man dringend Hilfe braucht.“

Kelheim:
„Wirklich ausgelastet“

Dieser soziale Kontakt ist auch für Sebastian Hobmaier ein wichtiger Aspekt, den die Kelheimer „Tafel“ erfüllen soll. Eine „Schnell-Abfertigung“ solle es nicht geben. Aber nicht nur deshalb könne die Einrichtung keine weiteren Kunden aufnehmen: „Wir sind wirklich ausgelastet“ sagt Hobmaier namens der rund 25 ehrenamtlichen Helfer, die Waren einsammeln, herrichten und abgeben.

Dabei wären an die 100 Menschen aus Kelheim und umliegenden Gemeinden auf der Warteliste, berichtet Heidi Kuffer vom Caritas-Verband. Er ist Träger der Kelheimer Tafel, die zugleich dem Tafel-Bundesverband angehört. Bei Einheimischen ist nach Einschätzung von Sebastian Hobmaier der Bedarf für die „Tafel“ bislang noch konstant – was sich, etwa wegen der Altersarmut, aber ändern könne. Asylbewerber nahm man zunächst kaum in den Kundenkreis auf, weil sie staatliche Unterstützung und Hilfe von Helferkreisen erhalten. Mittlerweile seien einige Flüchtlinge, zum Beispiel kinderreiche Familien, auf der Warteliste.

Dass mitunter Neiddebatten innerhalb der Kundenkreise aufkommen, bereitet Heidi Kuffer Sorgen. Zumal solche Debatten an der Wurzel des Problems vorbeigingen: „Seit Jahren – weit vor der Flüchtlingsthematik – fordern Caritas und andere Wohlfahrtsverbände, dass die Hartz-IV-Regelsätze steigen müssen. Davon sollte man in Deutschland doch leben können – auch ohne ,Tafeln’“. Die sind, so Kuffer seit Einführung der „Hartz IV“-Gesetzgebung regelrecht aus dem Boden geschossen, um – wohl oder übel – die mangelhafte staatliche Unterstützung abzufedern. „Mittlerweile arbeiten alle am Limit. Umso frustrierende, dass es trotzdem nicht reicht und man Bedürftige abweisen muss“.

Mainburg:
Viele Ehrenamtler

Die Mainburger Tafel verzeichnete vor zwei Jahren einen sprunghaften, aber vorübergehenden Kunden-Anstieg. „Jetzt hat sich es sich bei etwa 60 Kunden eingependelt“, schildert Organisatorin Rosemarie Gaffal. Damit komme man gut klar, weil sich in Mainburg über 35 Mitarbeiter tatkräftig engagieren.

Regensburg:
Voller Einsatz und trotzdem Not

Christine Gansbühler von der Regensburger „Tafel“ hält das Fernziel „überflüssig werden“ einerseits für dringend geboten – andererseits für völlig illusorisch. Im Gegenteil werde der Bedarf immer weiter steigen, weil immer mehr Menschen trotz jahrzehntelanger Arbeit die Rente nicht reiche. Regensburgs Tafel bedient fünf Mal die Woche im Schnitt 250 Kunden pro Tag, versorgt also etwa 600 Menschen. Trotzdem „erreichen wir nicht alle“, seufzt Gansbühler: Rund 100 stehen auf der Warteliste, Ältere und Gehbehinderte können eh kaum kommen. Aber auch ihr Ehrenamtler-Team sei an der Grenze der Belastbarkeit.

Vor diesem allerorten ähnlichen Hintergrund sind die Vertreter umliegender Tafeln nach Schließung des Abbacher „Tisch“ besorgt um die dortigen Kunden. Und fordern, vor Ort eine Lösung zu finden.

Selbstverständnis und Wahrnehmung

  • Anspruch:

    Zweierlei Übel bekämpfen die „Tafeln“: das tonnenweise Wegwerfen von Ware, die qualitativ einwandfrei, aber trotzdem aus den Regalen fliegen; und die Not von Langzeitarbeitslosen, Rentnern, Familien, die mit staatlicher Hilfe gerade über die Runden kommen.

  • Kritik:

    Mit ihrer zwar ehrenamtlichen, aber hochgradig professionellen Arbeit kaschieren die Tafeln, dass staatliche Transferleistungen kaum zum Leben reichen, wird mitunter kritisiert. Dem begegnet der Verband, indem er auch (sozial-)politisch Stellung bezieht. (hu)

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