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Region Kelheim
Sonntag, 19. November 2017 7

Tod

Urnen-Grab, Deckel drauf, fertig?!

Kelheims Friedhöfe verändern sich. Urnen boomen. Schlecht fürs Geschäft der Gärtner. Wir haben mit einigen gesprochen.
Von Beate Weigert

Urnenbestattungen boomen im Landkreis Kelheim. Als Deko bleibt oft nur ein „Blumerl im Vaserl“, klagen Floristen. Foto: Sophia Kembowski/dpa

Kelheim.Bald ist Allerheiligen. Dann scharen sich Verwandte und Freunde wieder um die Gräber der Verstorbenen. Zumindest für die ältere Generation ist der 1. November ein wichtiger Termin. In den Tagen zuvor werden die Ruhestätten auf den Friedhöfen geschmückt. Doch immer öfter stehen die Menschen im Kreis Kelheim nicht mehr vor einem Erdgrab, sondern vor Urnenwänden. Und von Schmuck ist da aus verschiedenerlei Gründen nichts bzw. immer weniger zu sehen. Einen Berufsstand trifft dieser Wandel besonders – Gärtner und Floristen. Denn vor Urnenwänden ist – wenn überhaupt – oft nur mehr Platz „für ein Blumerl im Vaserl“, bringt es eine Floristin aus dem Landkreis auf dem Punkt.

Acht von zehn Beerdigungen

Sebastian Alkofer ist in Abensberg und den dortigen Ortsteilen bei der Stadt für die Friedhöfe zuständig. Von den zehn jüngsten Beerdigungen waren acht Urnenbestattungen, zwei Verstorbene wurden so wie bislang üblich im Erdgrab beigesetzt. In den vergangenen vier Jahren ist die Quote der Urnenbestattungen sprunghaft angestiegen. Auf 65 Prozent, schätzt Alkofer. Davor lag diese weit unter 50 Prozent. Mit Ausnahme Offenstettens gebe es mittlerweile auch in den Ortsteilen sogenannte Urnenwände. In den Dörfern anderer Gemeinden sieht es meist genauso aus.

Urnenbestattungen boomen im Landkreis Kelheim. Als Deko bleibt oft nur ein „Blumerl im Vaserl“, klagen Floristen. Foto: Sophia Kembowski/dpa

Den Boom „Urnengrab“ beobachtet auch Verena Nierer im Kelheimer Rathaus. Vor allem, wer noch kein Familiengrab besitze, kaufe im Todesfall bevorzugt eine Ruhestätte in einer Urnenwand, gefolgt von der speziell am Kelheimer Waldfriedhof angebotenen letzten Ruhestätte unter einem Baum.

Am Dorf ist es noch anders

Doch Urnengrab ist nicht gleich Urnengrab. Vor allem in den kleineren Gemeinden wird die Asche der Angehörigen vielfach noch in den klassischen Familien-Erdgräbern bestattet. Da ist der Unterschied beim Blumenschmuck oder Gestecken nicht so groß, sagt David Dichtl, der Gärtnereien in Siegenburg und Hienheim betreibt. Derzeit verfolgt er den Trend daher relativ unaufgeregt. Doch in der Kreisstadt, wo er gelernt hat, sei das ganz anders. „Dort ist jede zweite Beerdigung eine Urnenbestattung.“

Ja, das Friedhofsgeschäft hat sich stark verändert, bestätigt Sebastian Schweiger von der gleichnamigen Gärtnerei aus Kelheim, der auch Geschäfte in Saal und Bad Abbach hat. Den Trend zur Urnenbeisetzung spüre er. Schon bei der Beerdigung falle da der Blumenschmuck viel kleiner aus. Und des Öfteren sei dann „auch Schluss“, so Schweiger.

In Abensberg gibt es statt Urnen- mittlerweile auch Stelenwände. Diese seien optisch nicht so massiv, sagt Sebastian Alkofer. Und so stark gefragt, dass im kommenden Jahr die vorhandenen Plätze wieder belegt sein könnten. Doch mehr Platz für Persönliches gibt es dort nicht. Es gehe auch gar nicht, dass jeder da groß Deko abstelle. Kerzen seien verboten.

„Boris Becker“ hat Gesellschaft bekommen

  • Urnenbestattungen

    sind laut Sebastian Alkofer von der Verwaltung der Stadt Abensberg nicht vollkommen neu. In den 1980er Jahren habe es bereits einmal einen leichten Trend zur Urnenbestattung gegeben. Der sei damals jedoch wieder verschwunden.

  • Erst ab 2006/07

    kam der Trend wieder zurück, beobachtet Alkofer. Seither klettert die Zahl der Urnenbestattungen stetig nach oben.

  • Wer sich für ein Urnengrab

    entscheidet, tue das oft ganz bewusst. Es gebe sogar den Fall, dass Verstorbene nicht von Angehörigen oder anderen „gefunden“ werden wollen, sagt Verena Nierer, die bei der Stadt Kelheim für das Friedhofswesen zuständig ist. Es habe schon Fälle gegeben, in denen jemand bewusst im anonymen Gräberfeld bestattet sein wollte, obwohl er sich ein anderes Grab hätte leisten können.

  • Die Gründe für Urnenbestattungen

    sind vielfältig. Die einen haben etwa keine Kinder, die sich um die Grabpflege kümmern könnten. Auch wer in einem Altenheim verstirbt, ohne eine Bindung an den Ort zu haben, werde oftmals so beerdigt, sagt Annemarie Ströbl.

  • Auch Allerheiligen

    an sich hat sich gewandelt, findet Sebastian Schweiger von Blumen Schweiger aus Kelheim. Die klassischen Gestecke und ihre Formen von früher gibt es so nicht mehr. Sie seien heute individueller und vielfältiger gestaltet.

  • Die klassische Allerheiligen-Blume

    war einmal nur die Chrysantheme. Sie heißt Boris Becker – ohne Witz, so Schweiger. Die gibt es in Gelb, Weiß oder in Lila. Sie gibt es heute zwar immer noch. Doch inzwischen gibt es auch Alternativen. Auch Deko-Chrysanthemen verlieren an Bedeutung.

  • Farblich

    seien die Allerheiligen-Dekorationen heute nicht mehr so monochrom wie früher. Sie seien zwar nicht bunt, aber farbiger und kreativer als früher. (re)

Die Gründe für ein Urnengrab sind vielfältig. Annemarie Ströbl vom gleichnamigen Blumengeschäft aus Bad Abbach kann deren Käufer verstehen. Oft lebten die Kinder heute nicht mehr am selben Ort wie die Eltern. Dass da die Grabpflege nicht so einfach sei, liege auf der Hand.

Doch der Trend zur Urne bringt auch Ströbl „ganz klar deutliche Einbußen“. In größeren Städten wie Regensburg – dort hatte die 68-Jährige früher ihr Geschäft – sei das schon länger so und noch wesentlich gravierender.

Im Landkreis Kelheim sei es von Ort zu Ort anders. Am exzessivsten würde nach Ströbls Beobachtung der „Friedhofskult“ noch in Abensberg gepflegt. Da wolle der eine den anderen mit schönem Schmuck gar noch ein wenig übertrumpfen. So lange sich die Älteren darum kümmern könnten, werde das so bleiben, schätzt Ströbl.

Irgendwas vom Billiganbieter

Die Jungen sehen das häufig anders. Da reiche es oft, dass Irgendetwas auf dem Grab sei. Allerheiligen-Gestecke gibt es seit einiger Zeit auch beim Discounter oder anderen Billiganbietern. Dass manch einer ihre Gestecke aus Vorjahren kopiert, hat Ströbl schon öfter bemerkt. Kaufen kann sie sich nichts davon.

Manches Mal liege es aber auch gar nicht an sparsamen oder weit entfernt lebenden Angehörigen, dass der Friedhofsschmuck immer kleiner ausfalle oder ganz ausbleibt. Sondern an der strengen Friedhofsordnung. Mancherorts darf man gar nichts aufstellen. Oder es ist schlicht kein Platz an einer Urnenwand. „Wer sich für ein Urnengrab entscheidet, weiß, worauf er sich einlässt“, kontern die zuständigen Verwaltungsmitarbeiter.

Am katholischen Feiertag Allerheiligen am 1. November besuchen viele die Gräber ihrer Angehörigen. Immer öfter ist das ein Urnengrab.

Ja, das Friedhofsgeschäft für Gärtner ist schwierig geworden. Während mancher dazu am liebsten gar nichts sagt, wollen Schweiger und Ströbl nicht jammern. Auch wenn in ihren Betrieben das Friedhofsgeschäft ein wichtiges sei. Sie haben Stammkunden, die wüssten, was sie an ihnen hätten. Und es liege auch an jedem Floristen oder Gärtner selbst. Es gehöre zum Beruf, sich durch Kreativität statt 08/15 hervorzutun. In allen floristischen Bereichen.

Die Entwicklung kam schleichend und wird sich so schnell nicht umkehren, da sind sich die Befragten einig. Annemarie Ströbl möchte heute nicht mehr ins Blumengeschäft einsteigen müssen. Die Einbußen aus dem Friedhofsgeschäft tragen zu der Meinung nur einen Mosaikstein bei. Es fange schon bei der Ausbildung des Nachwuchses an. Sebastian Schweiger nimmt den Trend zur Urne als Herausforderung. In seinem Beruf müsse man flexibel sein, den Wandel aktiv mitgestalten. Einbußen durch andere Geschäftsfelder wettmachen.

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