mz_logo

Region Kelheim
Montag, 11. Dezember 2017 5

Theater

Viel Lob nach Abend voller Emotionen

Das TheaterSAAL lässt Lokalgeschichte ebendig werden. Dabei geht es um mehr als Geschichte, sondern auch um Haltung.
Von Emily Buchner

  • Kommandant Weingartner (Konrad Götz) macht seine Aufwartung. Lore (Sandra Götz) und Anni (Lisa Engelbrecht) versuchen, sich ihre Angst bei seinem Besuch nicht anmerken zu lassen.Foto: Martin Lohner
  • Lore (Sandra Götz) ist erschüttert, sie hat etwas Furchtbares beobachtet.Foto: Konrad Götz
  • Was die Schauspieler kurz vor dem Auftritt tun, variiert: Sandra Götz geht noch einmal in Ruhe ihren Text durch. Eine Gruppe startet eine „Assoziationsrunde“: Ein Wort wird genannt, der nächste sagt das erste Wort, das ihm dazu einfällt. Dabei entsteht eine Kette. Foto: Emily Buchner
  • Knapp eine Stunde vor der Premiere sitzen die Schauspieler zusammen, reden, essen Brezen oder Chips und nehmen sich gegenseitig die Nervosität. Die größte Angst – sind sich alle einig – ist nicht vor dem Publikum zu stehen, sondern einen Texthänger zu haben. Foto: Emily Buchner
  • Im Lauf der Jahre hat sich bei der Saaler Theatergruppe ein besonderes Ritual herausgebildet: Jeder umarmt jeden und man wünscht sich gegenseitig viel Glück. Dabei lässt es sich Regisseurin Christine Stark auch nicht nehmen, jeden in den Arm zu nehmen. Foto: Emily Buchner
  • Die Schauspieler sind sich einig: Die wichtigste Person an diesem Abend ist Souffleuse Annika Engelbrecht. Sie hilft der Besetzung bei Texthängern und improvisiert, falls im Text gesprungen wird. Auch sie ist überzeugt: „Das Stück ist der Wahnsinn.“ Foto: Emily Buchner

Saal. Beim Läuten verstecken sich alle in den Häusern und drehen sich weg von den Fenstern. Die Zuschauer im TheaterSAAL sehen durch projizierte Schatten, dass eine Reihe von Menschen an den Fenstern vorbeizieht, gebückt und geschwächt. Es sind Häftlinge aus dem Arbeitslager in Saal, welches eine Außenstelle des Konzentrationslagers Flossenbürg war. Jeden Tag wurden sie durch das Dorf getrieben, um unterirdische Produktionsstätten für die Messerschmitt-Werke zu bauen.

Am Stammtisch wird über die Lagerinsassen spekuliert (von links: Martin Lohner, Bernhard Schöfer und Wolfgang Kugler). Foto: Konrad Götz

An einem Abend schafft es Kathi nicht mehr rechtzeitig vor dem Läuten nach Hause und muss mit ansehen, wie einer der Arbeiter erschossen wird, weil er sich nach Essen auf der Straße bückt. Kathi hat selbst ihre vier Söhne im Krieg verloren, so dass sie das Schicksal des jungen Mannes stark trifft. Sie beschließt mit weiteren Frauen aus dem Dorf, nicht mehr länger wegzusehen und den Gefangenen zu helfen. War zuvor noch die Meinung im Dorf verbreitet, dass es schon einen Grund hätte, dass diese Menschen eingesperrt wären und die harte Arbeit vermutlich eine gerechte Strafe, erkennen einige im Lauf des Stücks, dass „schuldig sein“ vom Verbot abhängt.

Die Stammgäste (Bernhard Schöfer, links, und Wolfgang Kugler) wenden sich entsetzt von Wirtin Kathi (Gerti Fahrnholz) ab. Foto: Konrad Götz

Sie beginnen den ausgehungerten Arbeitern Kartoffeln zuzustecken. Der stille Dank der Gefangenen bestärkt die Frauen. Sie widersetzen sich den Kommandanten und Kathi droht sogar: „Der erste, der mich aufhalten will – den stech‘ ich ab!“. Bald stellt Kathi fest: „Da geht’s um mehr als um Kartoffeln, da geht’s ums Prinzip.“

Tochter soll ins Lager

Im zweiten Akt geht der Blick über Saal hinaus: Eine Frau erzählt Kathi, dass ihre Tochter in einem Gefangenenlager war und Kathis Sohn, ein Soldat, ihr und anderen Gefangenen die Flucht ermöglichen wollte. Er schmiedete Fluchtpläne – und schenkte so 18 Gefangenen die Freiheit. Er selbst starb dabei. Die Frau will nun zusammen mit Kathi den Gefangenen in Saal die Flucht ermöglichen. Kathi ist hin- und hergerissen, ob sie helfen soll, oder nicht. Gegen Ende des Stücks spitzt sich die Handlung zu und Kathi muss entscheiden, was das „Richtige“ ist…

Kommandant Weingartner (Konrad Götz) redet Kathi (Gerti Fahrnholz) ins Gewissen.Foto: Konrad Götz

Eine Rolle, wie die der Kartoffelkathi, lebt von einer Person, die die Figur nicht nur imitiert, sondern auf der Bühne die Rolle lebt. Gerti Fahrnholz gelingt das hervorragend, sie lässt den Zuschauer an einer Achterbahn von Gefühlen teilhaben. Wenn sie von ihrer Rolle spricht, wird klar: Sie kann sich damit identifizieren und wirkt deshalb so echt auf der Bühne. „Ich bin selbst Mama von zwei Kindern und für eine Mutter könnte es nichts Schlimmeres geben, als der Tod der eigenen Kinder.“ Auch die Botschaft des Stückes ist ihr ein persönliches Anliegen: „Hinschauen, Position beziehen, Mut haben – das ist wichtig und das transportiert das Stück sehr gut.“

Seit die Plakate für das Stück aushängen, wurde sie schon des Öfteren auf die Geschichte angesprochen: „Ganz genau so war das“, haben sich viele erinnert. Die positive Resonanz in der Saaler Bevölkerung war schon vor der Premiere groß – und danach noch viel größer.

„Sehr starkes Stück“, „wichtige Thematik“, „super gespielt“ schwärmen die Besucher nach dem Stück. Robert und Karin Raith: „Das war ganz, ganz toll gespielt und eine gute Thematik.“

Saals Bürgermeister Christian Nerb findet ebenfalls nur lobende Worte: „Ich bin tief beeindruckt, die Schauspieler sind sensationell und es ist ein sehr emotionales Stück. Meine Tante hat auch in der Straße gewohnt und hat ebenfalls erzählt, dass damals Kartoffeln für die Gefangenen auf die Gartenmauer gestellt wurden.“

Nach dem Stück gibt es großen Applaus für die Theatergruppe Saal und das Publikum steht nach und nach auf, um die Begeisterung zu zeigen. Das Theater Saal war voll besetzt und auch für die nächsten Termine sind schon viele Tickets verkauft. Foto: Emily Buchner

Auch Regisseurin Christine Stark war „unglaublich zufrieden und total stolz“. Wie unser Medienhaus bereits berichtete, ist die Rolle der „Kartoffelkathi“ an ihre Urgroßmutter angelehnt. Stark hat in ihrem Stück das richtige Timing und bewegende Worte gefunden, was die Schauspieler grandios umsetzten.

Regionale Vergangenheit

„Kartoffelkathi“ Gerti Farnholz ist sichtlich zufrieden: „Es war super. Wir waren richtig im Flow. Ich hatte nichts mehr im Kopf, außer meine Rolle. Das ist ein richtiges Glücksgefühl, wenn man dann auch noch Standing Ovations bekommt.“

„Kartoffelkathi“ ist ein Stück über die regionale Vergangenheit. Ein Stück, das Geschichte aufbereitet und in eine Welt eintauchen lässt, der man nie in echt begegnen will. Ein Stück, das Mut und gleichzeitig Angst macht und dabei die Emotionen in eine harmonische Balance bringt, dass man nur froh sein kann, die Aufführung besucht zu haben. Nach dem Stück gab es großen Applaus und das stand Publikum auf, um die Begeisterung zu zeigen. Das TheaterSAAL war voll besetzt und auch für die nächsten Termine sind schon viele Tickets verkauft.

Weitere Aufführungen sind am 17./18./19./25. und 26. November sowie am 1. und 2. Dezember.

Weitere Berichte aus Saal

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht