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Alternative

Weg von Gitter und Gurt im Pflegeheim

Das „Fixieren“ von Pflegebedürftigen muss meist nicht sein. Das Amtsgericht Kelheim gibt Heimen und Betreuern Rückendeckung, um Alternativen zu wagen.
Von Martina Hutzler, MZ

Das „Fixieren“ von pflegebedürftigen Menschen ist meist überflüssig. Davon ist Richter Dr. Sebastian Kirsch überzeugt. Seine Alternative, den Werdenfelser Weg, führt jetzt das Amtsgericht Kelheim ein. Foto: dpa

Kelheim.Ob ein pflegebedürftiger Mensch mit Bettgitter, Bauchgurt oder Vorsatztisch „fixiert“ wird, hängt keinesweg nur davon ab, ob ihm Stürze oder Unfälle drohen. Entscheidend ist auch, in welchem Amtsgerichtsbezirk der alte oder kranke Mensch wohnt. Das Kelheimer Gericht will sich, wie 130 bundesweit, jetzt auf den „Werdenfelser Weg“ machen: einen Weg, der „freiheitsentziehende Maßnahmen“ wie Gurt und Gitter aufs Allernötigste beschränken will.

Laut Experten sind sie sogar ungeeignet, Unfälle zu verhindern. Sie lassen Betroffene körperlich und seelisch leiden und zusehends verfallen, vereinzelt gar daran sterben. Aus dem Werdenfelser Land kommt eine Alternative. Ihr „Erfinder“, der Garmischer Amtsgerichtsdirektor Dr. Sebastian Kirsch, stellte sie im Kelheimer Landratsamt rund 80 Vertretern aus dem Gesundheits- und Pflegebereich vor.

Ein Richter bekennt sich schuldig

Zur Eröffnung sprach sich der Richter Kirsch selbst „schuldig“. Nämlich früherer Unwissenheit über die Realität in Heimen. Dass bundesweit 240- bis 400 000 Menschen pro Jahr auf Anordnung des Betreuungsrichters unter „freiheitsentziehenden Maßnahmen“ leiden; dass 300 von ihnen – Insider schätzen sogar: 3000 – sich dabei jährlich zu Tode strangulieren; dass Gurte und Gitter zu Muskelabbau und deshalb erst recht zu Stürzen führen: All das habe er nicht gewusst, „und trotzdem habe ich acht Jahre lang als Betreuungsrichter über solche Maßnahmen entschieden!“

Vor etwa sieben Jahren entwickelte er deshalb den „Werdenfelser Weg“, dem mittlerweile bundesweit schon 130 Amtsgerichte folgen. Zentral dabei ist der „Verfahrenspfleger“, den das Gericht bei einem Antrag auf freiheitsentziehende Maßnahmen sowieso beauftragen muss.

Bei Kirschs Weg ist der Verfahrenspfleger aber nicht mehr ein Jurist ohne Erfahrung in der Pflege, sondern eine Pflegefachkraft mit juristischer Zusatzkenntnis. Diese Fachkraft soll, als Fürsprecherin des Betroffenen, individuelle Alternativen zur Fixierung vorschlagen. Gibt es diese Alternativen, kann der Betreuungsrichter die Fixierung von Rechts wegen untersagen. Und damit gleichzeitig die Pflegekräfte in Heimen und Einrichtungen „aus der Schusslinie“ nehmen.

Denn sie, die Praktiker, hat Richter Kirsch als zweite Gruppe Leidtragender identifiziert: Sie wollen sich bestmöglich um Pflegebedürftige kümmern – fühlen sich aber bislang oft gezwungen, „freiheitsentziehende Maßnahmen“ anzuregen. Denn die Pfleger sind gegenüber Heim und Angehörigen in der Pflicht, dass dem alten Menschen keine Stürze oder ähnliches drohen; sie werden von Betreuungsrichtern und Verfahrenspflegern befragt, ob Fixierungen nötig sind. Verneinen sie, und es passiert etwas, drohen unangenehme Fragen – oder gar Regressforderungen von Krankenkassen für Behandlungskosten, fürchten viele Pflegekräfte und Heime.

Höchstes Gericht schützt Pflegende

Dieser Angst kann Dr. Kirsch zwei Grundsatzentscheidungen des Bundesgerichtshofs entgegenhalten: Zum einen habe nun eine Krankenkasse die Beweislast, falls sie eine Einrichtung für „schuld“ hält an einem Sturz. „Seither ist die Zahl der Klagen von Krankenkassen verschwindend gering…“ Der BGH habe zum anderen klargestellt, dass Fixieren, Ruhigstellen mit Medikamenten oder gar dauernde Überwachung eine „absolute Ausnahme“ sein müssten. Zwar seien Heime für die Obhut der Bewohner verantwortlich, und dazu gehöre die Sturzprophylaxe. „Aber eben nicht das Fixieren“, das erwiesenermaßen das Sturzrisiko noch erhöhe.

In der Praxis startet der „Werdenfelser Weg“ beim Eingang eines Fixierungsantrags: Der Betreuungsrichter beauftragt einen – freiberuflich tätigen, unabhängigen – Verfahrenspfleger mit dem konkreten Einzelfall. Wenn nötig, so Kirsch, könne der Richter kurzfristig, aber eben auch auf kurze Zeit beschränkt, die Fixierung vorläufig erlauben, damit Zeit bleibt, nach Alternativen zu suchen. Diese Suche, vor Ort und über mehrere Wochen, betreibt der Verfahrenspfleger gemeinsam mit Pflegekräften und Angehörigen.

„Es gibt zum Beispiel technische Möglichkeiten“, schilderte Verfahrenspflegerin Rita Nerl: Sturzprotektoren für Beine, Hüften, Gehhilfen, Betten, die sich bis zum Boden absenken lassen. Auch Muskelaufbau mit Bewegungstraining oder eine geänderte Tagesstruktur können helfen. Ob all das erprobt wird, entscheidet der Betreuer. Funktionieren die Alternativen, kann der Betreuungsrichter die Fixierungen förmlich verbieten. Damit schütze das Gericht alle vorgelagerten Beteiligten vor haftungsrechtlichen Folgen, erklärte Kirsch.

Seine Beobachtung bundesweit: Allein, dass ein Gericht den „Werdenfelser Weg“ einführt, senke schlagartig die Zahl eingehender Fixierungsanträge, oft um zwei Drittel bis drei Viertel. Vielleicht auch deshalb, so Kirsch, weil es dieser Weg den Einrichtungen erlaube, ihre „Pflegekultur“ zu ändern: weg von vermeintlich „alternativlosen“ freiheitsentziehenden Maßnahmen; hin zu einer menschenwürdigen und zugleich sicheren Betreuung ihrer Bewohner.

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