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Region Kelheim
Montag, 22. Januar 2018 10

Arbeit

Wenn ein Job zum Leben nicht mehr reicht

Trotz „Vollbeschäftigung“ im Kreis Kelheim treten immer öfter Bürger nach Feierabend einen Zweitjob an. Aktuell sind’s 4327.
Von Beate Weigert

Der größte Teil der Zweitjobber im Landkreis Kelheim ist im Gastgewerbe tätig. Foto: Philipp Schulze/dpa

Kelheim.Für immer mehr Menschen im Landkreis Kelheim heißt es: „Nach dem Feierabend ist vor dem Feierabend.“ Trotz historisch niedriger Arbeitslosenzahlen haben viele Landkreisbürger noch einen zweiten Job, damit sie finanziell über die Runden kommen. Ein Blick auf die Statistik der Bundesagentur für Arbeit bestätigt den Trend. Zuletzt hatten 4327 Männer und Frauen im Landkreis neben ihrer Haupttätigkeit noch einen geringfügig entlohnten Nebenjob.

Der Haupterwerb muss zum Leben reichen, kritisierte kürzlich die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, kurz NGG. Laut NGG haben allein in ihrem Zuständigkeitsbereich aktuell 87 Prozent mehr einen Nebenjob als noch vor zehn Jahren. Laut den Zahlen der Bundesagentur haben sich allein von März 2016 auf März 2017 205 weitere Landkreisbürger einen Zusatzjob nach Feierabend zugelegt.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Zweitjobber im Kreis Kelheim mehr als verdoppelt. Konkret sind es 87 Prozent mehr, kritisiert die Gewerkschaft NGG. Foto: Axel Heimken/dpa

Gastgewerbe oder Sozialsektor

Eine Datenauswertung der Arbeitsagentur für die Region ergibt, dass der größte Teil der Zweitjobber, nämlich 743 Männer und Frauen, im Gastgewerbe tätig ist. 573 Landkreisbürger haben Zusatzjobs im Gesundheits- und Sozialsektor. 563 Männer und Frauen arbeiten im Handel oder reparieren Kraftfahrzeuge. 458 erbringen sonstige Dienstleistungen, 325 Zweitjobber sind im Baugewerbe tätig.

Bestimmte Leistungen schließen einander aus. Doch gegebenenfalls können Betroffene, z.B. für ihre Kinder Wohngeld beantragen. Foto: Stefan Sauer/dpa

Nachgefragt beim Jobcenter

  • Spielen „Zweitjobber“ im Alltag des Jobcenters eine größere Rolle?

    Michael Sturm, der Geschäftsleiter des Jobcenters im Landkreis sagt: „ Bei Leistungsbeziehern nach Sozialgesetzbuch (SGB) II hat das Thema Zweitjobber kaum Relevanz. Ursache für die Hilfebedürftigkeit ist aus unterschiedlichsten Gründen ja gerade das Fehlen eines ,Erstjobs’. Vielfach stehen einer Arbeitsaufnahme bzw. einer Ausweitung von Beschäftigungsmöglichkeit durch einen Zweitjob persönliche und häusliche Umstände entgegen, wie Familienpflichten/fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten, fehlende Mobilität, Krankheit, Suchtproblematik, fehlende Ausbildung oder Berufserfahrung.“

  • Sind Zweitjobs Thema bei Jobcenter-Terminen im Landkreis?

    Sturm: „Tangiert wird das Thema bei Leistungsbeziehern SGB II, die ergänzend zum Erwerbseinkommen noch bedarfsdeckend (ergänzend) Leistungen erhalten. Von den ca. 1900 erwerbsfähigen Leistungsberechtigten im Kreis sind 367 Menschen abhängig erwerbstätig. Davon sind 166 geringfügig (bis 450 Euro), 97 mit Erwerbseinkommen im Midijob (450 bis 850 Euro), 48 mit Erwerbseinkommen von 850 bis 1200 Euro und 45 Personen mit Erwerbseinkommen über 1200 Einkommen im Leistungsbezug. In der Beratung wird versucht, individuelle Möglichkeiten für eine Ausweitung der Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen. Hierzu plant das Jobcenter mit dem Landratsamt im Frühjahr eine Veranstaltung zur Sensibilisierung von Arbeitgebern zur Umwandlung geringfügiger Beschäftigungen in Midi- oder Vollzeitstellen.“

  • Welche Unterstützung gibt’s für Betroffene vom Jobcenter bzw. welche Zuschläge können diese beantragen?

    Sturm: „Das Jobcenter unterstützt hilfebedürftige, erwerbsfähige Menschen durch a) Sicherstellung des notwendigen Lebensunterhalts und ggf. deren Angehörigen (passive Leistungen) sowie b) durch Beratung und Förderung hin zur Aufnahme einer existenzsichernden Arbeit (aktive Leistungen). Der laufende Bezug von SGB II-Leistungen schließt aber grundsätzlich Wohngeld nach WoGG oder Kinderzuschlag durch die Familienkasse aus.

  • Soweit Kinder in SGB II-Haushalten ihren individuellen Bedarf z.B. durch Kindergeld und Unterhalt decken können, könnte sog. Kinderwohngeld in Betracht kommen. Wenn Eltern bzw. Elternteile zwar ihren eigenen sozialrechtlichen Bedarf zwar decken können, aber das Einkommen nicht den Bedarf einschließlich der Kinder deckt, kann als Ergänzung zum Kindergeld ein Kinderzuschlag in Betracht kommen. Voraussetzung ist dabei, dass mit der Gewährung von Kinderzuschuss kein ungedeckter Bedarf nach SGB II mehr verbleibt.

  • Neben der passiven Leistung kommen für erwerbsfähige Leistungsberechtigte unter Berücksichtigung der Gesamtsituation der Bedarfsgemeinschaft individuelle Eingliederungsleistungen und Eingliederungsmaßnahmen in Betracht. (Beratung, Qualifizierungsmaßnahmen bei Trägern und Arbeitgebern, Hilfen zur Anbahnung und Aufnahme einer Tätigkeit).“

NGG-Geschäftsführer Rainer Reißfelder spricht von einem „alarmierenden Trend“. Es könne nicht sein, dass „immer mehr Menschen mit einem normalen Arbeitsverhältnis nicht über die Runden kommen.“ Auf den ersten Blick verzeichne der Arbeitsmarkt im Kreis Kelheim steigende Beschäftigungsquoten. „Doch die hohe Zahl der Zweitjobber zeigt, dass nicht alles Gold ist, was auf dem Arbeitsmarkt glänzt.“

Mit Blick auf das Gastgewerbe kritisiert der Gewerkschafter, die Branche dürfe nicht zur bloßen Minijobber-Domäne werden. „In Hotels, Pensionen und Restaurants brauchen wir mehr gelernte Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte. Aushilfen können auf Dauer keine Fachkräfte ersetzen.“ Schon heute seien die Klagen über fehlende Köche und Oberkellner groß. Doch die gewinne man nur, indem man gute Löhne zahle. Auch in Bäckereien sind Minijobs laut Gewerkschaft insbesondere im Verkauf stark verbreitet.

Dringenden Handlungsbedarf sieht die NGG daher auch bei der Politik. „Wenn laut Arbeitsagentur im Kreis Kelheim mittlerweile jeder neunte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte einen Nebenjob hat, dann ist hier etwas aus dem Ruder gelaufen“, sagt Reißfelder. Der gesetzliche Mindestlohn sei zwar ein erster wichtiger Schritt gewesen, um extreme Niedriglöhne abzuschaffen. Doch mit derzeit 8,84 Euro pro Stunde liege die Untergrenze zu niedrig, um davon allein als Vollzeit-Beschäftigter vielerorts eine bezahlbare Wohnung zu finden.

Immer mehr junge Frauen gehen nebenbei putzen, beobachtet Raimund Fries von der Kelheimer Tafel. Auch dort sind immer mehr junge Familien Kunden. Foto: Franziska Kraufmann/dpa

Heidi Kuffer von der Allgemeinen Sozialberatung der Caritas in Kelheim stellt bei ihrer Arbeit fest, dass es „immer mehr junge Familien gibt, wo der Mann meist so wenig verdient, dass das Geld nicht ausreicht“. Dann müsse oft mit Leistungen vom Jobcenter aufgestockt werden. Das sei ihr Schlaglicht oder Ausschnitt auf die Situation. „Denn, die, wo beide Partner arbeiten und wo es gerade so rund geht“, bekommt sie nicht zu Gesicht.

Viele Familien gehen zur Tafel

Auffällig sei jedoch, dass inzwischen auch viele Familien zur Tafel gehen, obwohl der Mann Vollzeit arbeitet. Raimund Fries von der Kelheimer Tafel, die neben der Kreisstadt einen Großteil des nördlichen Landkreises abdeckt, kann das bestätigen. Er nimmt verstärkt jüngere Frauen mit Kindern als Tafel-Kundinnen wahr – „und zwar nicht aus dem Bereich Asyl oder Flüchtlinge“. Fries weiß aus Gesprächen, dass mehrere jüngere Frauen etwa putzen gehen, privat wie gewerblich. Wer jedoch über die Einkommensgrenze kommt, sei die Bezugsberechtigung bei der Tafel wieder los.

Nach Heidi Kuffers Erfahrung kommen vor allem Beschäftigte von Zeitarbeitsunternehmen schwer über die Runden. Bei anderen Arbeitsverhältnissen sei die Entlohnung meist so hoch, „dass es doch irgendwie reicht. Aber das ist nur der Ausschnitt, den ich mitkriege.“

In die finanzielle Bredouille geraten nach Kuffers Erfahrung vor allem auch jüngere Arbeitnehmer, die keine Ausbildung haben oder in anderen schwierigen Verhältnissen leben. EU-Zuwanderer, die meist über Zeitarbeitsfirmen beschäftigt sind, kämpften mit ähnlichen Problemen. Vor allem, wenn die Familie nachkomme.

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