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Region Kelheim
Samstag, 18. November 2017 5

Hilfe

Wenn man von 2,50 Euro am Tag leben muss

Afrikanische Missionare, die aus Bad Abbach unterstützt werden, sprechen über dortige Probleme – auch Genitalverstümmelung.
von Gabi Hueber-Lutz

Lebensmittelverteilung – hier gibt es Mais für die Armen. Foto: Hueber-Lutz

Bad Abbach.Pater Ivor Chebwa ist seit zehn Jahren Priester und seit dieser Zeit in Juja Farm/Kenia tätig. Juja Farm ist eine Gemeinde mit rund 17 000 Einwohnern. So genau weiß man das aber nicht. Hier und in drei Ortsteilen von Juja Farm betreuen die Mariannhiller Missionare Gemeinden. Der Bad Abbacher Förderkreis der Mariannhiller Mission unterstützt die Tätigkeiten der Missionare dort seit langer Zeit. Kürzlich war Pater Thomas Winzenhörlein auf Heimatbesuch in Bad Abbach und hatte Pater Ivor dabei. In einem Interview mit MZ-Reporterin Gabi Hueber-Lutz berichteten sie aus Afrika.

Wie sind die Lebensbedingungen in Juja Farm?

Pater Ivor: In Juja Farm gibt es in der Regel nicht genügend Regen. Damit steht die Region vor einer großen Herausforderung. Die Menschen betreiben Landwirtschaft, wegen des fehlenden Wassers fehlt aber der Ertrag und sie sind gezwungen, sich andere Arbeit zu suchen. Die Menschen sind willig zu arbeiten, finden in dem Land mit seiner hohen Arbeitslosenquote aber zumeist nichts. Der Ausbildungsstand steigt insgesamt, ist aber oft noch viel zu niedrig. Viele Leute leben von Kleingeschäften, wie dem Verkauf von Gemüse am Straßenrand, oder von Tagesjobs. Dabei verdienen sie umgerechnet vielleicht 2,50 Euro am Tag.

Pater Ivor Chebwa Foto: Hueber-Lutz

Wie reagiert der Staat auf diese Situation?

Pater Ivor: Das politische System funktioniert nicht, auch wenn es auf dem Papier Strukturen gibt. Vor Wahlen wird versprochen, versprochen, versprochen … das Gleiche wie fünf Jahre vorher. (Pater Thomas schmunzelt) Wir haben zum Beispiel eine Straße nach Jujafarm, die ist neun Kilometer lang. Man braucht dafür 50 Minuten, vor etlichen Jahren konnte man das noch in 20 Minuten fahren. Die Straße wird immer schlechter und man hat uns schon lange versprochen, sie zu reparieren.

Was bieten Sie als Hilfe?

Pater Ivor: Bildung ist das Allerwichtigste. Mit einer guten Ausbildung können die Kinder in den größeren Städten gute Jobs finden und dazu beitragen ihre Familien zu ernähren. Wir bauen Schulen auf. Eine betreiben wir in Athi selbst, eine weitere entsteht.

Pater Thomas: Wir sind aber ökonomisch nicht blind. Es ist wichtig, dass sich die Schulen selbst tragen. Nur dann funktioniert das nachhaltig. Wir bauen nichts mehr auf, das tot ist, sobald du nichts mehr zuschießt. Das bedeutet, dass sich die Schulen über das Schulgeld tragen müssen. Und sie müssen in der Lage sein, gute Lehrer zu bezahlen. Bei uns verdient ein Lehrer 80 Euro im Monat. Das ist noch zu wenig. Unser Ziel liegt bei 120 Euro im Monat. Finanziert wird das dann ausschließlich über das Schulgeld von 15 Euro für vier Monate.

Werden auch Mädchen in Ihre Schulen geschickt?

Pater Ivor: Sogar mehr als Jungen. Der Perspektivenwechsel ist da. Es ist mittlerweile fast wichtiger, dass die Mädchen eine gute Ausbildung bekommen, als dass sie schnell heiraten. Auch wenn die Familie bei einer Heirat den Brautpreis bekommt. Aber noch funktioniert das nicht immer. In Isiolo, eine unserer Gemeinden, kommen nach den Ferien manchmal nur mehr die Hälfte der Mädchen zurück. Die anderen wurden dann als dritte oder vierte Frau verheiratet, um den Brautpreis zu kassieren. Das ist eine große Herausforderung für uns.

Wie sieht es beim Thema Beschneidungen von Mädchen aus?

Pater Ivor: Von den 43 Stämmen bei uns praktizieren nur mehr zwei die Beschneidung. Das sind zwei zu viel, aber das braucht Zeit und Bildung, Bildung, Bildung.

Pater Thomas: Es gibt Dinge, da sollten wir Europäer uns nicht einmischen, aber bei diesem Punkt muss man den Mund aufmachen. Und Bildung ist auch hier der Schlüssel.

Können sich die Menschen das Schulgeld leisten?

Pater Ivor: Eigentlich nicht. Aber da bezahlt die ganze Familie zusammen, und die jungen Menschen wissen, dass sie verpflichtet sind, später etwas an ihre Familien zurückzugeben.

Pater Thomas: Es ist beeindruckend für uns Europäer zu sehen, wie da alles mithilft, Eltern, Großeltern, Onkeln, Tanten. Sie wissen alle, dass sie in Bildung investieren müssen.

Pater Ivor: Und dann haben wir noch das System der Kleinkredite, für das wir auch sehr oft Unterstützung vom Bad Abbacher Förderkreis bekommen. Die werden ausschließlich an Frauen vergeben, denn die Frauen sind zuverlässig. Das funktioniert wie eine Bank. Bei einer Bank würden die Frauen mangels Sicherheiten aber nichts bekommen. Wenn das Schulgeld fällig wird und sie haben es nicht, bekommen sie es als Kleinkredit.

Sind Kleinkredite nicht dazu da, dass Frauen sich und ihren Kindern eine kleine Lebensgrundlage aufbauen?

Pater Ivor: Viele Frauen kaufen und verkaufen Waren oder kaufen sich eine Ziege. Eine unserer Frauen hat es durch gutes Wirtschaften kürzlich geschafft, sich eine Kuh anzuschaffen und verkauft nun deren Milch, um ihre Familie damit zu ernähren.

Pater Thomas beim Bau eines Schulhauses Foto: Hueber Lutz

Gibt es da eine Art Bank?

Pater Ivor: Einmal im Monat werden nach dem Gottesdienst am Sonntag die Geschäfte getätigt. Wer einen Kleinkredit braucht, kann ihn bekommen, wer etwas übrig hat, zahlt einen Kredit zurück. Das wird von den Frauen völlig selbstständig gemacht. Und sie passen sehr genau auf, dass ausstehende Beträge auch wieder zurückgezahlt werden, sonst funktioniert das System für alle nicht mehr. Momentan haben wir in zwei unserer vier Gemeinden in Juja Farm ein gut funktionierendes System, von dem 300 Frauen profitieren. In den anderen muss es erst aufgebaut werden.

Funktioniert die Hilfe zur Selbsthilfe insgesamt gut?

Pater Thomas: Nicht immer, wir erleiden auch Rückschläge, aber oft funktioniert es. Das macht uns dann stolz. Ein anderes Selbsthilfeprojekt ist der zum Bus umgebaute Lkw, an dem auch der Bad Abbacher Förderkreis mitbezahlt hat. Mit dem Bus können wir 60 Leute transportieren. Wir vermieten ihn und haben im Lauf der Jahre Geld damit erwirtschaftet.

Pater Ivor: In zwei Jahren werden wir wohl so weit sein, dass wir von dem Gewinn noch einen Bus kaufen können.

Pater Thomas: So soll es sein, dass sich eines aus dem andern ergibt und ein Projekt nicht mehr auf Zuschuss angewiesen ist. Denn es gibt genügend Dinge, wo Hilfe notwendig ist. Im Augenblick zum Beispiel bei der Hungerhilfe wegen der anhaltenden Trockenheit.

Was unternehmen Ihre Missionare?

Pater Thomas: Auch in der Pfarrei der Mariannhiller Missionare setzt die Dürre den Menschen enorm zu. Da die Situation bedrohlich wurde, habe wir uns entschieden, sofort zu helfen. Von der Spende des Mariannhiller Fördervereins wurde Mais angeschafft und auch die Mariannhiller Missionare aus Würzburg unterstützten, so dass insgesamt 20 Tonnen Mais in der am meisten betroffenen Region Isiolos verteilt wurden.

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