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Region Kelheim
Freitag, 19. Januar 2018 4

Vorbild

„Wir brauchen Menschen mit Zivilcourage“

Weil eine Tür klapperte, wurde Stefan Wagner zum Lebensretter. Dafür wurde er vom Ministerpräsidenten ausgezeichnet.
Von Jochen Dannenberg

  • Ministerpräsident Horst Seehofer überreichte Stefan Wagner am Mittwoch die Christophorus-Medaille. Foto: Staatskanzlei
  • Auch das ist Stefan Wagner: Hier erklärt er Kindern Rettungseinrichtungen. Foto: Archiv
  • Stefan Wagner sagt: „Immer daran denken, wie es ist, wenn man selber Hilfe braucht und die anderen schauen weg.“ Foto: Dannenberg

Bad Gögging. Stefan Wagner ahnte nichts böses. Er freute sich einfach auf seinen Urlaub, dachte an ein paar Tage am Gardasee im Sommer vor zwei Jahren. Wochen der Erholung und Entspannung würden vor ihm liegen, glaubte er. Doch es kam alles ganz anders. Noch am ersten Urlaubstag wurde der Bereitschaftsleiter vom BRK in Neustadt jäh aus seinen Träumen gerissen.

Gegen drei Uhr wurde Wagner durch Lärm aus dem Hinterhof des Mehrfamilienhauses, in dem er im Kurort wohnt, wach. Einmal wach wollte Wagner natürlich nachsehen, woher der Krach kam. Er sah aus dem Fenster und entdeckte, dass die Tür zum Mülltonnenraum offenstand. Vermutlich hatte wieder jemand vergessen, die Tür zuzusperren und jetzt schlug sie der Wind hin und her, dachte sich der Bereitschaftsleiter, ging in den dunklen Hof und sperrte die Tür zu, um in Ruhe weiter schlafen zu können.

Als Wagner zum Haus zurückging, bemerkte er aus dem Augenwinkel eine dunkle Gestalt im Carport neben dem Haus. Wagner wollte nachsehen, was die Person machte, da reagierte der Bewegungsmelder, das Licht im Hof ging an und die Person, die Stefan Wagner zuerst nur schemenhaft gesehen hatte, ließ sich genau in diesem Moment von einer Trittleiter fallen. Einen Strick um den Hals!

Mann wehrte sich

Stefan Wagner stürzte auf den Mann zu, schlang beide Arme um dessen Hüfte und hob ihn hoch. Wie lange das dauerte, weiß er nicht mehr. „Zehn, fünfzehn Minuten waren das gewiss“, sagt er. Dabei war der Mann, der sich das Leben hatte nehmen wollen, viel schwerer als er. Außerdem wehrte sich der Mann. Woher Stefan Wagner in dieser Nacht die Kraft nahm, den Mann zu bändigen und zu halten, weiß er bis heute nicht.

Damit nicht genug. Während der Lebensmüde um sich schlug, zog Wagner die Leiter heran, von der sich der Mann gerade gestürzt hatte. Außerdem versuchte er den Mann zu beruhigen. Er redete auf ihn ein, spulte das ab, was er in den vielen Schulungen beim BRK gelernt hatte. „Souverän auftreten, die Leute ’runter holen‘, die Kontrolle über die Situation gewinnen“, hatte man ihm und anderen Rettungsdienstlern eingebläut. Unzählige Male hatte er dieses Wissen angewendet. Doch nie war er so auf sich allein gestellt.

Wagners Hilferufe verhallten ungehört in der Sommernacht. Lange würde er den Mann, der deutlich schwerer war, als er selbst nicht mehr halten können. Sein Handy hatte er nicht dabei. Damit hätte er problemlos die Kollegen alarmieren können. Würde er es riskieren können, den Lebensmüden für einen Moment allein lassen zu können, um das Handy zu holen? Stefan Wagner dachte nach. Er wusste, die Situation konnte ihm in genau dem Moment entgleiten, in dem er das Handy holte. Auf der anderen Seite wusste er nicht, was er sonst tun sollte. Der Mann hatte immer noch den Strick um den Hals und der Strick war fest verknotet an einem dicken Holzbalken in drei Metern Höhe.

Schließlich nahm Wagner allen Mut zusammen, bläute dem Mann ein, sich an dem Balken festzuhalten, um den der Strick geschlungen war. Dann lief er los, holte das Handy und rief die Kollegen. Völlig erschöpft übergab er denen Minuten später den Mann.

„Die Sache ist gut ausgegangen“, sagt Stefan Wagner. Was er im Sommer vor zwei Jahren erlebt hat, war eine Ausnahmesituation, auch für einen Profi. Für gewöhnlich hat er zumindest einen ungefähren Überblick von dem, was ihn erwartet, wenn er zu einem Unfall oder einem anderen Notfall gerufen wird. Aber hier war er völlig unvorbereitet. „Ich habe mit der Situation überhaupt nicht gerechnet“, sagt er.

Hilfe für Helfer

Wagner weiß, dass die Geschichte anders hätte ausgehen können. Dass sie hätte daneben können. Darüber will er nicht nachdenken. Wenn er aber trotzdem über jene Nacht nachdenkt, wird ihm immer wieder bewusst, dass er zwar von seiner Berufserfahrung profitiert hat, aber sagt er: „Glück gehört auch dazu.“

Nicht immer hat man dieses Glück. Zum Alltag von Lebensrettern gehört auch, dass nicht alles gelingt. Dass man vielleicht zu spät kommt, dass die Verletzungen des Opfers zu schwer sind. „Das sind die Momente, die auch zu unserem Beruf gehören“, sagt Stefan Wagner. „Wenn sich schlimme Einsätze häufen, reden wir im Team darüber, um mit den Erlebnissen umzugehen.“

Wenn das nicht reiche, helfe „Mona“ weiter. Mona ist die Mobile Organisation Notfallseelsorge und Anschlussdienste, eine Privatinitiative von ehrenamtlichen Mitarbeitern des BRK-Kreisverbandes Kelheim gemeinsam mit den Religionsgemeinschaften unter der Schirmherrschaft des BRK Kelheim. „Da gibt es professionelle Hilfe“, lobt Wagner.

„Besonders schwierig“

Eine Hilfe sind manchmal auch Ehrungen, Auszeichnungen. Wagner hat an diesem Mittwoch eine bekommen. In der Bayerischen Staatskanzlei hat ihm der bayerische Ministerpräsident die Christophorus-Medaille überreicht. Die öffentliche Belobigung ist eine große Ausnahme. Normalerweise werden professionelle Rettungskräfte nämlich nicht ausgezeichnet. Aber es gibt Ausnahmen, zum Beispiel wenn eine Rettungstat „unter besonders schwierigen Umständen ausgeführt wurde“, wie es im Gesetz über staatliche Auszeichnungen für die Rettung von Menschen aus Lebensgefahr heißt.

„Wir brauchen Vorbilder, wir brauchen Menschen mit Zivilcourage und mehr Eigeninitiative“, sagt Stefan Wagner. „Erste Hilfe ist leichter, als man denkt.“ Wagners Credo: „Immer daran denken, wie es ist, wenn man selber Hilfe braucht und die anderen schauen weg.“

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Drei Geehrte aus dem Landkreis

  • Auszeichnung:

    Ministerpräsident Horst Seehofer hat am Mittwoch neben Stefan Wagner noch zwei weitere Bürger aus dem Landkreis Kelheim geehrt – Georg Aukofer aus Rohr und Hermann Obermeier aus Kelheim.

  • Gerettet:

    Georg Aukofer aus Rohr hat in Regensburg eine Frau mit ihrer Tochter aus ihrem brennenden Pkw gerettet. Er versuchte mit seinem Feuerlöscher den entstandenen Brand im Motorbereich zu löschen, obwohl er selbst einer lebensgefährlichen Rauchwolke ausgesetzt war.

  • Bewaffnet:

    Hermann Obermeier aus Kelheim, dem dem bereits im Jahre 1999 die „Christophorus-Medaille“ verliehen wurde, hinderte in Kelheim einen mit einem großen Messer bewaffneten Mann daran, sich weiter selbst zu verletzen, obwohl ihn dieser mit dem Messer bedrohte.

  • Lob:

    „Retter geben Kraft und machen Mut – den Geretteten und uns als Gesellschaft insgesamt. Denn Heldentaten wie ihre bilden das Fundament für unser Zusammenleben. Mit der Auszeichnung heute sagt Bayern Dank und Anerkennung für Rettung von Mitmenschen aus höchster Not“, sagt Horst Seehofer.

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