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Region Kelheim
Donnerstag, 21. September 2017 19° 2

Unwetter

Zugunglück: 20 Menschen evakuiert

Ein Agilis-Zug raste bei Neustadt in einen Baum, der auf der Strecke lag. Eine Passagierin berichtet von ihrem Martyrium.
von Benjamin Neumaier

Ein Agilis-Zug rast bei Neustadt in einen Baum, der beim Unwetter auf die Schienen gestürzt war. Foto: Riedel

Neustadt.In der Nähe des Bahnübergangs beim Modellflugplatz in Neustadt kam es Freitagnacht, gegen 21 Uhr, zu einem schweren Unfall. Ein Agilis-Zug, der von Neustadt in Richtung Ingolstadt unterwegs war, rammte – wohl in voller Fahrt – einen kleinen Baum, der durch das Unwetter auf die Schienen gestürzt war. Ob der Baum nun unmittelbar bevor der Zug die Unfallstelle passierte, auf die Gleise stürzte, oder ob er schon dort lag, als der Zug heranbrauste, darauf wollten sich die Notfallmanager der Deutschen Bahn und Agilis nicht festlegen. Für den Lokführer sei „das liegende Hindernis bei Sturm und Dunkelheit nicht zu erkennen gewesen“, teilt die Bundespolizei Waldmünchen auf Nachfrage unseres Medienhauses mit.

„Ich dachte, wir entgleisen“

Für die Passagiere war der Unfall ebenso wenig vorherzusehen. Eine Frau aus Neuburg an der Donau, die ungenannt bleiben möchte, schildert die Situation: „Plötzlich gab es einen starken Aufprall, der Zug kam ins Ruckeln. Man hat gehört, dass die Bremsen quietschten, und es folgten weitere Aufschläge – der Zug ruckelte. Ich dachte: jetzt entgleisen wir!“ Die Szene dauerte etwa zehn Sekunden, „für mich fühlte es sich aber wie eine Ewigkeit an. Dann kam die Schaffnerin und sagte uns, dass wir entweder einen Baum gerammt haben oder etwas aufs Führerhaus gefallen ist.“

Die Front der Lok wurde bei dem Unfall stark demoliert, die Frontscheibe ging zu Bruch, und die Oberleitung wurde auf einer Länge von etwa 500 Metern heruntergerissen. Ob der Baum die Oberleitung aus der Verankerung riss, oder ob dies durch den Unfall passierte, ist noch unklar. Ein Einsatzteam der Agilis und die alarmierten Feuerwehren aus Neustadt und Schwaig evakuierten etwa 20 Menschen aus dem Zug – darunter auch kleine Kinder. Die Menschen wurden zum Gerätehaus der Feuerwehr Schwaig gebracht und versorgt. Bisher gibt es keine Hinweise auf mittlere oder schwere Verletzungen. „Bei der Aufnahme am Unfallort und in Schwaig waren alle Zuginsassen unverletzt“, teilt die Polizei Kelheim mit. Die Reisenden und das Personal wurden danach per Bus nach Ingolstadt zum Hauptbahnhof gebracht.

Bis es so weit war, glichen die Stunden nach dem Unfall aber einem Martyrium, beschreibt es die Passagierin aus Neuburg: „Nach einer Stunde fiel das Licht im Zug aus, wir saßen im Dunkeln. Die Getränke gingen uns aus, das WC funktionierte nicht.“ Zu diesem Zeitpunkt sei bereits ein Krisenmanager „entweder der Deutschen Bahn oder der Agilis“ vor Ort gewesen, beschreibt sie die Situation. „Aber der hat sich gefühlt mehr um den Zug als um die Passagiere gekümmert – nur die Schaffnerin, die selbst unter Schock stand, hat immer wieder bei uns nachgefragt, wie es den Leuten gehe. Getränke oder Decken hat man uns nicht angeboten. Ich bin enttäuscht. Gerade weil auch kleine Kinder – unsere Tochter ist vier, unser Sohn eineinhalb – im Zug waren.“

Unwetter: Zugunglück bei Neustadt

Laut der Neuburgerin alarmierte erst ein zweiter Krisenmanager, der später eintraf, die Feuerwehr. „Das war so gegen 23 Uhr. Die Feuerwehr kam dann auch schnell und hat Druck gemacht, die Leute zu evakuieren.“ Die Feuerwehrmänner schnitten eine Gasse durch das Gestrüpp am Bahndamm, holten eine Person nach der anderen aus dem Zug. „Dann wurden wir gegen 24 Uhr ins Feuerwehrhaus nach Schwaig gebracht. Dort wurden uns Getränke angeboten, wir wurden umsorgt – das war echt super. Aber so etwas hätte ich mir schon vorher von den Bahnbetreibern erwartet“, sagt die Neuburger Passagierin. Kurz vor ein Uhr nachts traf dann ein Bus in Schwaig ein, der die Fahrgäste und das Personal zum Ingolstädter Hauptbahnhof brachte: „Dort hat man uns um halb zwei nachts dann stehen lassen – wir mussten uns selbst um den Nachhauseweg kümmern. Allerdings hat man uns angeboten, die Taxikosten im Nachhinein zu übernehmen. Ich war – die Feuerwehren und die Schaffnerin ausgenommen – enttäuscht vom Krisenmanagement. Auch wenn letztlich alles gut ausging, fehlte dann doch die Menschlichkeit und das Gefühl, dass man sich um die Menschen im Zug sorgt“, sagt die Neuburgerin. „Ich bin seit vier Jahren wieder einmal mit dem Zug gefahren – so schnell werde ich wohl nicht mehr einsteigen.“

Strecke war bis Sonntag gesperrt

Die Bahnstrecke Neustadt - Ingolstadt war nach dem Unfall seit Freitag, 21.15 Uhr total gesperrt. Zur Bergung des havarierten Zuges wurde eine Diesel-Lok angefordert; die Einsatzteams von Betreibern und Feuerwehren kümmerten sich um das Hindernis auf den Schienen. Die heruntergerissene Oberleitung musste geerdet und dann wieder in Position gebracht werden. Die Sperrung der Strecke Neustadt - Ingolstadt dauerte den kompletten Samstag über an. Laut Nachfrage unseres Medienhauses beim Servicetelefon der Agilis wurde sie nach den Reparaturarbeiten am Sonntag, ab etwa 6 Uhr, wieder freigegeben. In der Zwischenzeit war ein Schienenersatzverkehr mit Bussen eingerichtet – das gab die Agilis über Facebook bekannt. Für eine Stellungnahme war bei der Pressestelle der Agilis niemand zu erreichen.

Der Unfall bei Neustadt war am Wochenende kein Einzelfall, wie ein Pressebericht der Deutschen Bahn vom Samstag zeigt: „Ein Unwetter mit Starkregen und Orkanböen ist vergangene Nacht über Teile Bayerns hinweggezogen. In den Gleisbereich gestürzte Äste und Bäume führen am Wochenende zu Beeinträchtigungen im Bahnverkehr in Nieder- und Oberbayern. Die Bahn arbeitet mit Hochdruck daran, betroffene Strecken wieder frei zu bekommen. Jedoch ist im Laufe des Wochenendes im S-, Nah- und Fernverkehr mit Einschränkungen zu rechnen.“

Ähnlicher Unfall knapp verhindert

  • Schrecksekunde um 19.45 Uhr:

    Ein ähnlicher Fall wie in Neustadt ereignete sich auch bei Donaueschingen, berichtet „Der Südkurier“: Ein Regionalzug war unterwegs nach Donaueschingen, als zwischen Allmendshofen und dem Hauptbahnhof plötzlich ein Baum auf den Gleisen lag. Dieser war nach einem Unwetter mit Starkregen und Sturm umgestürzt und hatte dabei auch die Oberleitung mitgerissen. Der Triebfahrzeugführer erkannte die Gefahr aber glücklicherweise rechtzeitig und konnte die drohende Kollision verhindern. Der mit knapp 50 Personen besetzte Zug kam knapp vor dem Stamm zum Stehen. Die Bahn sperrte daraufhin die Strecke.

  • Notfallmanager:

    Der alarmierte Notfallmanager ließ die Feuerwehr Donaueschingen an die Einsatzstelle rufen. Diese musste sich jedoch erst durch Gestrüpp und über einen Bach einen Zugang zur Einsatzstelle verschaffen. In Absprache mit dem Notfallmanager zerkleinerten die Einsatzkräfte den Baum und entfernten weitere Äste. Während des Einsatzes verblieben die Fahrgäste im Zug, dieser konnte nach rund einer Stunde seine Fahrt fortsetzen, als der Stamm von den Gleisen geschafft wurde. Nachdem kurz darauf der Ringzug die Einsatzstelle passiert hatte, kümmerten sich die Einsatzkräfte um die Beseitigung der Äste vom Gleisbett. (Quelle: www.suedkurier.de)

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