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Kelheim
Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Abenteuer

Ein Gringo sucht den Urwald-Bäcker

Der Abensberger Florian Gabelsberger lernt Bäckerinnen auf einem Archipel im Nicaraguasee an – und muss bei Null anfangen.
von Benjamin Neumaier

  • Die Freude über die Hilfe von Bäcker Gabelsberger – und außerdem schmecken die neuen Produkte auch noch gut. Foto: Gabelsberger
  • Die angehenden Bäckerinnen mit ihren ersten Weißbroten. Foto: Gabelsberger
  • Gekocht wird auf San Fernando mit Lehmöfen –natürlich ohne Strom. Foto: Gabelsberger
  • Sogar die Papaya-Muffins gelangen im Ziegelofen. Foto: Gabelsberger
  • Mit dem Mehlsack durch den Dschungel. Foto: Gabelsberger
  • Brotbacken für Anfänger und mit Dometscher. Foto: Gabelsberger
  • Die Regierung stiftete die Backöfen 2007 –sie wurden nie benutzt. Foto: Gabelsberger

Abensberg. Bäcker Florian Gabelsberger arbeitet ehrenamtlich drei Monate in Nicaragua: Dort traf der Abensberger unter anderem schon auf Bekannte aus der Heimat, wie den ehemaligen Langquaider Bürgermeister Sepp Bergmann, kämpfte mit Starkregen, Stromausfällen oder war kurzzeitig im Urwald verschollen. Sein bisher wohl spannendstes Abenteuer erlebte er auch im Urwald – allerdings mehr oder weniger geplant.

Mit seiner deutsch-chilenischen Kollegin Heidi Weiß wollte er gegen Ende seiner Arbeit in Nicaragua Solentiname zu besuchen – ein kleines Archipel im Nicaraguasee. „Zwei der Inseln sind touristisch erschlossen. Die restlichen Inseln sind entweder unbewohnt oder nur von Einheimischen besiedelt, die ohne Strom und fließend Wasser leben“, sagt Gabelsberger.

Nur weg von den Touristen

Geplant war auf Solentiname ein freies Wochenende, die Beine baumeln lassen. „Da ich in der Zwischenzeit gelernt habe, dass es Vorteile hat, wenn man in Nicaragua jemanden kennt und alle hier über zig Ecken verwandt sind, bin ich zu meiner Vorgesetzten Lidieth Bergmann und habe mich über das Archipel erkundigt.“ Die erzählte: Die große Insel heiße Macaron und sei die Heimat von Nicaraguas Ex-Kulturminister Ernesto Cardenal (er besuchte im November Regensburg, die MZ berichtete) und die Insel sei für Kunst aus Balsaholz bekannt. Dadurch seien dort viele Touristen. Die kleinere, erschlossene Insel heiße San Fernando und habe zwei Hotels – „eines davon gehört zufällig Lidieths Cousine – die Wahl fiel also auf San Fernando“, sagt Gabelsberger.

Kurz entschlossen ging es per Boot zur Insel und dort vom Bootsanleger in zehn Minuten Fußmarsch zum Hotel von Maria Gueara, Lidieth Bergmanns Cousine. Für Unternehmungen war es da schon zu spät, doch am kommenden Tag sollte die Insel erkundet werden. „Dann kam aber wieder mal alles anders“, sagt Gabelsberger. Marias Mann Daniel stellte der Gruppe nach dem Frühstück Randal vor, einen Zwölfährigen, der jeden Morgen den Weg vor dem Hotel fegt und von Unrat befreit – er sollte die zwei Bäcker über die Insel führen. „Wir fanden Randal sympathisch und haben uns auf das Abenteuer eingelassen. Mit kurzen Hosen und falschem Schuhwerk ging es wieder einmal durch den Dschungel, über Wiesen und Äcker, Berge und Täler – fünf Stunden lang“, sagt der Abensberger.

Öfen sieben Jahre kaum benutzt

Auf dieser Tour brachte Randal die beiden auch bei seinem Elternhaus vorbei – einer Bretterbude mit einem selbst gebauten Lehmofen. „Wir wurden freundlich aufgenommen und Heidi kam mit der Familie ins Gespräch – dabei fiel natürlich auch das Wort Bäcker. Und dann nahmen die Dinge ihren Lauf“, sagt Gabelsberger. Randals Vater Juan erzählte, dass es auf der Insel vier Lehm- oder Ziegelöfen gebe – ein Geschenk der Regierung vor sieben Jahren.

„Leider habe man nur niemandem gezeigt, wie man Brot macht und deshalb stehen die Öfen seitdem ungenutzt herum“, sagt der Abensberger und hatte einen Plan im Kopf: „Ich zeige ihnen, wie man backt.“

Gedacht, getan: Es ging unter der Führung von Randal wieder durch den Dschungel und zwei Stunden später stand Gabelsberger in einer kleinen Siedlung mit drei windschiefen Bretterbuden – und einem Backofen. „Die Besitzerin Lilliam kam sofort auf uns zu und nach Randals Erklärung, zu meinen Plänen, sicherte sie mir begeistert einen Backtag zu. Da mich die ärmliche Situation, in der ihre Familie lebte, traurig machte, habe ich ihr zugesichert, dass ich alle nötigen Rohstoffe auf meine Kosten mitbringe.“

Mit dem Mehlsack über Stock und Stein

Es wurde ein Termin abgesprochen –in drei Wochen sollte man sich wiedersehen. Zurück in San Carlos flogen die Tage dahin und der 31-jährige Bäcker machte sich an die Einkäufe. „Mehl, Eier, Salz oder Hefe hatten wir in der Bäckerei, die musste ich nur im Büro bezahlen.“ Zusammen mit den restlichen Zutaten vom Markt ging es vollbepackt zum Bootsanleger – dort warteten zu Gabelsbergers Überraschung Randal und sein Vater Juan, um beim Tragen zu helfen. Zusammen ging es nach San Fernando – wo Gabelsberger und seine Kollegin Heidi ins Hotel eingeladen wurden – „als Dankeschön, weil wir der Insel helfen, endlich frisches Brot zu haben. Denn das Brot, das es auf der Insel gibt, ist eine Art Toastbrot, das einmal im Monat in San Carlos im Supermarkt gekauft wird. „Das Zeug ist trocken wie Zwieback und voll mit Konservierungsstoffen. Hauptsache es füllt den Magen.“

Nach einmal schlafen war es soweit – Randal wurde wieder als Führer engagiert und führte die Truppe, beladen mit Mehlsäcken, über eine Abkürzung zum Ofen – quer durch Bananenfelder oder unter Weidezäunen hindurch. „Es war anstrengend und alle waren froh, als wir nach gut einer Stunde die Siedlung erreichten“, sagt Gabelsberger. „Ofenbesitzerin Lilliam wartete schon – aber wie in Nicaragua üblich, ließ der Rest der angehenden Bäckerinnen auf sich warten. Nach einer Stunde ging es dann zur Sache.“

Zusammen entschied man, Weißbrote, Baguettes und etwas Süßes zu backen. Für die Frauen Neuland – es ging bei Null los. „Ich erklärte, wie ein Weißbrotteig hergestellt und geknetet wird – von Hand, denn ohne Strom keine Knetmaschine. Auch eine Waage gab es nicht, deshalb habe ich in San Carlos Plastikbecher zugeschnitten und mit Mehl und Wasser gefüllt abgewogen – damit konnten wir ungefähr nach Gramm abmessen.“ Zutaten, die in geringen Mengen gebraucht werden, wog der Abensberger ebenfalls ab, löffelte sie in eine Schüssel und notierte die Anzahl der Löffel – so wurden die Rezepte urwaldtauglich.

Backen nur nach Gefühl

Nach dem der Teig fertig war und etwas ruhte, ging es an die Aufarbeitung. „Bei den ersten Versuchen sahen Baguette und Weißbrote nicht unbedingt gut aus, es wurde aber schnell besser“, sagt Gabelsberger. Dann wurden die Rohlinge zugedeckt und gewartet, bis die Brote die richtige Gare zum Backen hatten. „Ich habe mit Heidis Hilfe versucht, den Frauen zu erklären, warum man einen Teig so bearbeiten muss, wieso die Brote mit Plastik abgedeckt werden oder warum es dauert, bis die Hefe die Brote auf die richtige Gare bringt. Dabei verging die Zeit recht schnell und wir mussten uns schon auf den Weg zum Ofen machen – Temperatur und Backzeit waren hier dem Gefühl überlassen. Aber es klappte.“ Als die Brote aus dem Ofen kamen, war das Staunen groß und nach einer Geschmacksprobe waren die letzten Zweifel am „Können des Gringos aus dem Weg geräumt“.

Nun wollten die Frauen noch etwas Süßes backen. Da von der Regierung mit den Backöfen nur zwei Formen von Backblechen geliefert wurden, war die Auswahl klein. „Hefeteig hatten wir schon und neben den normalen Backblechen gab es – warum auch immer – Muffinformen.“ Gabelsberger erklärte wiederum und machte vor. Als Füllung der Muffins schlug er Früchte vor – je nach Saison: Bananen, Papaya, Ananas oder Kokos. Beim Testversuch sollten es Papayas sein. „Für die Muffins habe ich ein Rezept meiner Großmutter verwendet – einen Tassenkuchen. Dabei werden die Zutaten mit Tassen portioniert und man braucht keine Waage.“ Daran hatte Gabelsberger gedacht – aber nicht an Backpapier. Dazu wurden kurzerhand Bananenblätter umfunktioniert, die Bleche damit ausgelegt, der Teig in die Formen gefüllt und in den Ofen geschoben – „die Muffins wurden richtig gut“, sagt der 31-Jährige.

Frisuren-Nachhilfe

„Anschließend wollte ich aufräumen, als eine der Frauen mit der Bitte kam, ob ich ihnen süße Hefezöpfe zeigen könnte – die hätten sie in unserer Bäckerei in San Carlos gesehen, wüssten aber nicht, wie man diese Form hinbekomme.“ Während Heidi Weiß den Zopfteig vorbereitete, übte Gabelsberger mit den Frauen flechten – da der Teig noch nicht fertig war, mit deren Haaren. „Erst da fiel mir auf, dass alle Frauen zwar lange Haare hatten, aber keine einen Zopf trug.“ Nach der Frisurenpflege ging es ans Backwerk.

Dann hieß es Abschied nehmen. Gabelsberger kaufte drei Brote für das Frühstück im Hotel und durch den stockdunklen Dschungel ging es zurück – wohlbehalten, Randal sei Dank. „Ich fühlte mich einfach nur noch wunderbar“, sagt Gabelsberger, der auf San Fernando nicht nur ein paar Frauen als Bäckerinnen angelernt hat, sondern eventuell auch die kommende Trendfrisur gesetzt hat.

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