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Mittwoch, 20. September 2017 17° 3

MZ-Ausbildungsserie

Helfer für den Hürdenlauf des Lebens

Heilerziehungspfleger/innen sind nach zweijähriger Ausbildung die Experten in der Arbeit mit und für behinderte Menschen.
Von Martina Hutzler

Ruhe und Geduld sind gefragt in der Heilerziehungspflege: „Vieles haut nicht gleich beim ersten Mal hin“, weiß Christian Fichte, der hier mit Anna übt. Foto: Hutzler

Abensberg. Eine Woche Schule, eine Woche Praxis, zwei Jahre lang – das zeigt: In der Heilerziehungspflege braucht es Praktiker, die aber auch genau wissen, wie und was sie tun. Wie zum Beispiel dem kleinen Sascha am besten geholfen ist, wenn er beim Lesen über Wortungetüme stößt: Leise liest Christian Fichte die sperrigen Dinger mit dem Cabrini-Schüler gemeinsam – zu zweit geht es besser.

Arbeiten mit einzelnen Schülern, während die Lehrkraft die restliche Klasse betreut: Das könnte auch künftig eine Aufgabe von Christian Fichte sein, an einer Förderschule oder an einer Regelschule mit „Inklusions-Kindern“. Dem 24-Jährigen öffnen sich aber noch viele andere Berufswege, wenn er 2016 die zweijährige Schule für Heilerziehungspflege (HEP) in Abensberg beendet. Heime wie das Cabrinihaus in Offenstetten, Werkstätten für Menschen mit Behinderung, das Abensberger Berufsbildungswerk St. Franziskus, die Kinder- und Jugendpsychiatrie, Flüchtlingsbetreuung, Assistenz für Menschen mit Handicap, Frühförderung und andere ambulante Dienste: Lang ist die Liste möglicher Arbeitgeber, die Schulleiterin Angela Petschel aufzählt. Wenn die Schule im Sommer jährlich etwa 18 bis 20 „staatlich anerkannte Heilpraktiker/innen“ entlässt, stehen Einrichtungen schon Schlange.

Die Absolventen der Abensberger Schule sind begehrt: Davon zeugen auch Stellenangebote vor dem Klassenzimmer. Foto: Hutzler

Die Fachkräfte für die Behindertenarbeit sind gesucht, weil zu rar.

Sicherlich auch, weil der Weg in den Beruf durchaus steinig ist. Im Gegensatz zu klassischen dualen Ausbildungen erhalten die HEP-Schüler in den zwei Jahren kein Geld; sie können froh sein, dass der Freistaat derzeit das Schulgeld erstattet. Zwei Jahre ohne Einkommen – das ist der Nachteil der im Gegenzug sehr kompakten Ausbildung in Abensberg. Andere Schulen führen berufsbegleitend in drei Jahren zum Abschluss; die eigene Arbeits- ist gleich die Praktikumsstelle.

Praktische Erfahrung nötig

Eine Zugangsvoraussetzung ist mindestens ein mittlerer Bildungsabschluss. Aber zudem braucht man praktische Vorkenntnisse, um für die offiziell als „Weiterbildung“ geltende Schule zugelassen zu werden. Erfüllt ist dies zum Beispiel, wenn man eine einschlägige Ausbildung bzw. Berufserfahrung hat, etwa als Kinderpfleger/in, erklärt die Abensberger Schulleiterin. Wer sonst einen Beruf erlernt hat, muss ein einjähriges einschlägiges Praktikum vorschalten; zwei Praktikumsjahre sind nötig, will man direkt nach Mittlerer Reife oder Abitur an die HEP-Schule. Im Einzelfall klärt man all dies mit Schulleiterin Petschel. Praktikumsstellen zu finden, ist seit Einführung des Mindestlohns problematischer geworden, bedauert sie. Mögliche Wege sind ein Soziales Jahr oder der Bundesfreiwilligendienst.

Christian Fichte war Praktikant an der Prälat-Thaller-Schule. Ihm reichte ein Jahr, weil er aus der Fachoberschule auch Praktika vorweisen konnte. „Ich hatte schon immer eine soziale Ader und Freude, anderen helfen zu können“; das Vorpraktikums-Jahr bestärkte ihn im Berufswunsch HEP, den er nun als Schüler in Abensberg verwirklicht. Was man mitbringen sollte? „Man muss vor allem zuverlässig und geduldig sein: Vieles haut nicht gleich beim ersten oder zweiten Mal hin.“

Auch sollte man seine eigene Arbeits- und Handlungsweisen hinterfragen können, ergänzt Angela Petschel. Und: „Man sollte es mögen, mit unterschiedlichsten Menschen zusammenzuarbeiten, mit all ihren Besonderheiten und Vorbedingungen. Jemand, der Routine im Job erwartet, ist hier fehl am Platz!“ Dasselbe gilt, wenn jemand Spitzenverdienste anstrebt: „Der soziale Bereich ist ja finanziell nicht gerade am besten ausgestattet…“

Mit 24 hat Christian Fichte so ziemlich das Durchschnittsalter der Abensberger HEP-Klassen, in denen meist um die 20 Schüler sitzen.

Der Stundenplan an der Fachschule ist stramm, die Klassen sind mit rund 20 Schülern überschaubar. Foto: Hutzler

Darunter immer auch welche, die zum Abschluss gerade erst das nötige Mindestalter von 18 erreichen. Aber ebenso regelmäßig auch „Ü40“-Schüler. „Für viele Frauen nach der Familienpause zum Beispiel ist Heilerziehungspflege eine gute Möglichkeit“, weiß die Schulleiterin. Frauen sind, wie in vielen sozialen Berufen, in der Mehrheit. Dabei wären männliche Absolventen sehr gesucht. Nicht zuletzt weil später die Schützlinge oft aus Alleinerziehenden-Haushalten kommen, in denen dann meist die männliche Bezugsperson fehlt.

Unterricht in Theorie und Praxis

Der schulische Stundenplan ist durchaus stramm, von acht bis teils 17 Uhr. Psychologie und Pädagogik bilden ein wichtiges Fach, ebenso Medizin und Psychiatrie. In Recht und Verwaltung sowie Sozialkunde/Soziologie liegt der Schwerpunkt auf rechtlichen und gesellschaftlichen Belangen von Menschen mit Behinderung. Theoretisch unterrichtet wird an der Schule das Fach „Pflege“ – praktisches Know-how gibt es für Schüler in denjenigen Einrichtungen, wo Pflegetätigkeiten anfallen. Deutsch steht auf dem Stundenplan, weil auf die künftigen HEP-Fachleute durchaus Jobs mit Leitungs- und Personalverantwortung warten – also auch entsprechende Berichtspflichten. Die Brücke von der Theorie zur Praxis schlägt das Fach Praxis- und Methodenlehre. In Fächern wie Sport, Hauswirtschaft, Musik geht es darum, wie man solche Disziplinen in der Arbeit mit behinderten Menschen einsetzen kann, erklärt Angela Petschel.

Angela Petschel leitet die Schule.Foto: Hutzler

In der praktischen Ausbildung, die sich wöchentlich mit der Schule abwechselt, diktiert der Alltag der Einrichtung den Stunden- oder Dienstplan. Christian Fichte war im ersten Jahr an der Cabrini-Schule in Offenstetten; dort unterstützte er die Lehrkräfte im Unterricht und bei der Nachmittagsbetreuung.

Christian Fichte spricht sich mit Sonderpädagogin Lisa Danner ab.

Im Herbst wechselt er an die Prälat-Thaller-Schule. Er rät Interessenten, im Vorpraktikum, in der praktischen Ausbildung und mit zusätzlichen Hospitationen möglichst viele Einrichtungen und Berufsfelder zu erkunden.

Leistungstests und Prüfungsfinale

Generell bereitet man in der HEP-Schulwoche mit dem dortigen Praxislehrer jeweils vor, was man in der darauffolgenden Praxis-Woche tun und testen könnte, schildert Christian. „In der Einrichtung selbst hat man einen Anleiter“. Mit ihm bespricht der 24-Jährige jede Arbeitswoche, klärt Fragen und Probleme. Praxislehrer und Anleiter sind auch mit für die praktische Benotung der HEP-Schüler zuständig. Die müssen überdies in „Ausarbeitungen“ und Arbeitsproben ihre Lernfortschritte unter Beweis stellen, ebenso bei Schulaufgaben und Kurzarbeiten. Mit der schriftlichen Abschlussprüfung unter staatlicher Aufsicht endet die zweijährige Ausbildung.

Im September startet das neue Schuljahr; kurzfristige Anmeldungen an der Abensberger Schule sind bei Vorliegen der Zugangsvoraussetzungen noch möglich. Infos: Tel. (0 94 43) 9 28 59 86 06, Mail: hep@bbw-abensberg.de oder im Internet/

Der Beruf im Steckbrief

  • Die Tätigkeit im Überblick

    Heilerziehungspfleger/innen sind sozialpädagogisch ausgebildete Fachkräfte, die sich in ihrer Weiterbildung auch pflegerische Kompetenzen erwerben. Sie sind verantwortlich für die Erziehung von Kindern und Jugendlichen mit Beeiträchtigungen und für die Bildung , Assistenz und Begleitung , für die Beratung und Pflege von Menschen mit Beeinträchtigungen jeden Alters.

  • Arbeitsstellen gibt es in Wohneinrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen, Förderstätten, integrativen Kindergärten, heilpädagogischen Kinderheimen, Sozialstationen, ambulanten Dienste, Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM), Tagesstätten (z.B. an Förderschulen), psychiatrischen Kliniken, Berufsbildungswerken und Reha-Kliniken.

  • Voraussetzungen

    Erforderlich ist mindestens ein mittlerer Schulabschluss (M-Zug, Mittlere Reife). Außerdem nötig: eine abgeschlossene mindestens zweijährige einschlägige Berufsausbildung (z.B. KinderpflegerIn); oder mindestens zwei Jahre einschlägige Berufstätigkeit (bzw. Praktikum); oder eine abgeschlossene Berufsausbildung in einem nicht-einschlägigen Ausbildungsberuf plus eine mindestens einjährige einschlägige Berufstätigkeit; oder mindestens vier Jahre langes Führen eines Mehrpersonenhaushalts; oder die abgeschlossene Ausbildung „Heilerziehungspflegehilfe“.

  • Die Ausbildung im Überblick

    Die Weiterbildung Heilerziehungspflege besteht aus dem Unterricht an der Fachschule und der praktischen Ausbildung durch Lehrkräfte/ Mitarbeiter in einer Einrichtung der Behindertenhilfe. An der Schule deckt der Unterricht mehrere Lernfelder ab, wie z.B. „individuelle Lebens-/Lernbedürfnisse wahrnehmen und verstehen“, „Beziehungen gestalten“ oder „Menschen in ausgewählten Lebens- und Lernsituationen begleiten, erziehen, bilden, pflegen und fördern“:

  • Schulgeld fällt aktuell in Bayern nicht an. Eine Vergütung wird in der zweijährigen Vollzeit-Ausbildungsform nicht gezahlt. Eine Förderung durch das Arbeitsamt als Umschulung oder Fortbildung ist möglich.

  • Ausgebildete Heilerziehungspfleger/innen werden z.B. bei der Caritas als Berufsanfänger zwischen 2370 und 2480 Euro eingruppiert.

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