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Freitag, 15. Dezember 2017 3

MZ-Themenwoche

Irgendwer fühlt sich immer benachteiligt

Schiedsrichter haben es schwer – und kriegen auch noch Noten. Die verteilt in Kelheim Obmann Matthias Ziegler.
von Benjamin Neumaier

  • Schieds- und Linienrichter sollten immer auf Ballhöhe sein. Das könnte in naher Zukunft aber ein Problem werden. Foto: Neumaier
  • Schiedsrichter-Obmann Matthias Ziegler Foto: Neumaier

Abensberg.Matthias Ziegler sitzt am Rand der Tribüne im Neuen Stadion in Abensberg. Neben ihm wettern ein paar Abensberger Originale über den Linienrichter – oder besser gesagt dessen Leistung. Es ist ein leidiges Thema: das Abseits. Also im Spiel. Die, die es sehen und anzeigen sollen, sehen es nach Ansicht der Zuschauer immer falsch. So ist es auch an diesem sonnigen Frühsommertag. Nach einem Pass von Benedikt Mulitze steht Skhelzen Syla alleine vor Niederaichbachs Keeper Markus Vesely – und schiebt cool ein. Als er zum Jubel abdreht, sieht er die Fahne des Linienrichters – Abseits. Er schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Das Tor zählt nicht. „Nie und nimmer“; „Des war nie Abseits, ja segds es des ned“; „Ja wo schauts denn es hie“, schallt es von den Rängen. Nur Ziegler sitzt inmitten des Trubels still da, notiert auf einem Zettel. Den Schiedsrichter oder dessen Assistenten anzufeinden oder zu verteidigen, liegt Ziegler fern. Er hält auch zu keinem der beiden Teams, ist im wahrsten Sinne des Wortes unparteiisch – er ist heute als Schiedsrichterbeobachter nach Abensberg gekommen.

„Diese Abseitsentscheidung war zumindest fragwürdig. Ich hätte es nicht gegeben.“

Schiedsrichter-Obmann Matthias Ziegler

Dann ergreift er doch das Wort – aber nur, weil der MZ-Reporter direkt neben ihm sitzt: „Diese Abseitsentscheidung war zumindest fragwürdig. Ich hätte es nicht gegeben. Dass es der Assistent nicht gesehen hat, liegt auch daran, dass er immer leicht falsch steht. Einen Meter zu weit vor dem letzten Abwehrspieler – das gibt einen Punktabzug.“

Siebenmal wird jeder Schiedsrichter im Fußballbezirk Niederbayern, der Kreis-, Bezirks- oder Landesliga pfeift, pro Saison beobachtet. Insgesamt sind das 35 in der Bezirksliga, 17 im Fußballkreis Landshut – fünf davon kommen aus der Schiedsrichtergruppe Kelheim. Dazu kommen ein paar wenige Landesligaschiedsrichter. Etwa 14 Beobachtungen stehen an jedem Wochenende an, über die Saison verteilt sind es also mehrere Hundert. Für Ziegler und seine Kollegen ein immenser Aufwand: „Da gehen schon zwei bis drei Stunden drauf – zusätzlich zu den 90 Minuten Spielzeit. Wenn ich für den Verband in höherklassigen Ligen unterwegs bin, dauert es noch länger“, sagt der Schiedsrichter-Obmann.

Als Beobachter – seit Kurzem heißt es übrigens nicht mehr Schiedsrichter-Beobachtung, sondern „Coaching“ – hat er eine Stunde vor Spielbeginn vor Ort zu sein, bei Verbandsligen sogar eineinhalb Stunden. „Dann stellt man sich dem Schiedsrichtergespann vor, hält noch ein bisschen Small Talk – und sieht sich dann erst nach dem Spiel zur Analyse wieder.“

Erste Halbzeit Haupttribüne, zweite Halbzeit Gegengerade

Dann begibt sich Ziegler zu seinem Platz – in der ersten Halbzeit an der Haupttribüne, in der zweiten Halbzeit auf der Gegengerade. „So kann ich Schieds- und Linienrichter gut beobachten“, sagt er, „und Auffälligkeiten in den Beobachtungsbogen eintragen. Ich schaue nur auf diese drei, das Spiel läuft quasi nebenher.“

Der Bewertungsbogen wirkt auf den ersten Blick kompliziert: Der Beobachter muss dem Spiel einen Schwierigkeitsgrad von eins bis drei zuteilen, Wetter, Bodenverhältnisse und Spielcharakter einfließen lassen. Ist es ein Derby, geht es um Auf- oder Abstieg, gibt es viele harte Zweikämpfe, blöde Sprüche.... Plus- und Minuspunkte gibt es für Regelanwendung, -auslegung, Spielkontrolle, Persönlichkeit, Umgang mit den Spielern, körperliche Verfassung und Stellungsspiel oder Zusammenarbeit mit den Assistenten.

Die klappt in Abensberg recht gut, bemerkt Ziegler: „Sie sprechen sich ab, geben Zeichen, kommunizieren auch mit Blicken. Das passt.“ Für all diese Dinge verteilt Ziegler Plus- und Minuspunkte. „Die Wertung geht von 7 bis 10, wobei immer ein Ausgangswert von 8,4 gilt. Eine 10 ist aber nahezu unmöglich, 8,8 oder 8,9 die absolute Obergrenze und da muss schon viel zusammenkommen: Ein schweres Spiel, vorbildliche Leitung, das Meistern von schwierigen Situationen, perfekter Umgang mit Spielern.“

„Es liegt in der Natur der Sache, dass jeder sich im Recht sieht. Einer fühlt sich immer benachteiligt.“ Schiedsrichter-Obmann Matthias Ziegler

Der sei indes nicht immer leicht, berichtet Ziegler aus eigener Erfahrung: „Es liegt in der Natur der Sache, dass jeder sich im Recht sieht. Einer fühlt sich immer benachteiligt.“ Für den Umgang damit gebe es kein Patentrezept – streng sein oder eher nachsichtig, da muss jeder für sich einen Weg finden. Was hilft, ist aber, die Führungsspieler herauszufiltern und denen sogar etwas mehr Spielraum zu lassen. Wenn ich mit denen auskomme, dann mache ich es mir als Schiedsrichter viel leichter, weil sie positiv Einfluss auf ihre Kameraden nehmen.“

Dazu könne es nicht schaden, selbst mal im Verein gegen den Ball getreten zu haben – zumindest in der Jugend. „Gerade in der Beurteilung von Zweikämpfen hilft das enorm – Erfahrung ist eben nicht durch Regelkunde oder Talent zu ersetzen. Später ist aktives Fußballspielen aber kaum mehr drin, wenn ich meinen Schiedsrichterjob ernst nehmen und aufsteigen will. Schon alleine von der Zeit her.“

Plötzlich doch ein Fehler

Schiedsrichter Felix Guggeis tue das. Das merke man ihm auch auf dem Platz an, sagt Ziegler: „Er ist fokussiert, hat bisher keinen Fehler gemacht, das Spiel im Griff – auch wenn es nicht schwierig zu pfeifen ist.“

Nur zwei Minuten später macht Guggeis aber doch einen Fehler: Ein Niederaichbacher ist auf dem Weg zum Tor, will gerade passen, als ihm ein Abensberger in die Parade fährt. Guggeis lässt Vorteil gelten, aus dem aber nichts wird. Das Spiel läuft weiter. Der Gefoulte reklamiert heftig – Guggeis tut es ab. Nur drei Minuten später eine ähnliche Situation – wieder ohne Foulpfiff –, derselbe Spieler reklamiert wieder heftig: Nun zückt Guggeis Gelb wegen zu häufigen Reklamierens. Ziegler sieht das anders: „Hätte er in der ersten Situation ein Foul gepfiffen – es war ein klares –, hätte er sich die Reklamationen und die Gelbe erspart und zudem die Gefahr, dass Unruhe ins Spiel kommt.“ An diesem Tag bleibt es aber ruhig.

Mit Verwarnungen und Karten könne der Unparteiische teils das Geschehen steuern, „wobei man den richtigen Zeitpunkt erwischen muss und es auch nicht übertreiben darf. Das muss aber jeder Schiedsrichter im Gefühl haben – es ist in jedem Spiel anders.“ Und auch die Zuschauer tragen ihr Scherflein zur Atmosphäre bei. „Es gibt schon berüchtigte Plätze im Landkreis, da weiß man, was auf einen zukommt. Oft sind es die Zuschauer oder auch die Verantwortlichen, nicht so sehr die Spieler, die Schärfe reinbringen.“

Auch durch die Einführung der Fair-Play-Vereinbarung habe sich das nicht großartig geändert, sagt Ziegler: „Die, die unterschrieben haben, Vorstände und Abteilungsleiter, tun oft genau das Gegenteil – sie hetzen, statt Vorbild zu sein. Ich frage mich dann schon, für was diese Vereinbarung geschlossen wurde, wenn sie nur auf dem Papier existiert. Auf dem Platz darf man sich aber durch nichts aus dem Konzept bringen lassen – sonst kann es haarig werden.“

Als Beobachter tue er sich natürlich leicht, habe den Blick von außen, keinen Druck. „Im Spiel ist das anders. Da macht jeder mal einen Fehler – das merkt auch jeder Schiedsrichter selbst. Dass es dann mitunter auch zu Konzessionsentscheidungen kommt, kann passieren. Das ist nur menschlich. Ich persönlich merke schon nach zehn Minuten, ob ich im Spiel drin bin oder nicht. Wenn nicht, dann ist es ein Problem, weil das auch die Spieler merken und der Umgang ein anderer ist. Dann sehnt man sich den Schlusspfiff herbei.“

Keine Tore, keine bösen Fouls, keine harten Zweikämpfe

Als der in Abensberg ertönt, ist nicht viel passiert. Keine Tore, keine bösen Fouls, keine harten Zweikämpfe, keine Motzereien. „Es ging um nichts mehr, das hat man gesehen. Deshalb ist dieses Spiel ganz klar als leichtes Spiel zu bewerten“, sagt Ziegler und kreuzt die 1 an. „Das Schiedsrichtergespann war nicht vor große Aufgaben gestellt. Die drei Gelben Karten gehen in Ordnung, waren zudem meist zum richtigen Zeitpunkt und auch für die richtigen Vergehen. Läuferisch konnte der Schiedsrichter mithalten und war immer nah am Spielgeschehen dran – da kann er seine Entscheidungen auch besser verkaufen, als wenn er meilenweit weg ist und dann ein Foul pfeift. Ich würde sagen, das passt. Er bekommt eine 8,4.“

Auch Assistent 1 bekommt die Ausgangsnote, die einer Schulnote von 2+ entspricht, nur Assistent 2 werden 0,1 Punkte abgezogen. „Sein Stellungsspiel und die falsche Abseitsentscheidung“ seien dafür ausschlaggebend, sagt Ziegler.

Damit hätte das Gespann durchaus gut abgeschnitten, sich für höhere Aufgaben qualifiziert – insofern auch die restlichen sechs Beobachtungen so positiv verlaufen. „Einen schlechten Bewertungsbogen kann sich keiner erlauben, der höher hinauf will“, sagt Ziegler. „Und alles unter 8,3 ist nicht mehr unbedingt als gut zu bewerten.“

Seine Erkenntnisse teilt der „Coach“, wenn der elektronische Spielbericht ausgefüllt ist, auch dem Schiedsrichtergespann mit – außer die Noten, die behält er für sich. „Es ist ein Gespräch, das etwa 15 bis 20 Minuten dauern soll. Oftmals geben Schiedsrichter ihre Fehler dann auch zu, sprechen sie offen an. Oder ich lasse mir eine Szene schildern, weil ich gerade auf der anderen Seite des Platzes stand. Das kann das sogar einen leichten Einfluss auf die Note haben“, sagt Ziegler.

„Der offene Umgang heute ist viel besser. Fehler werden offen angesprochen und korrigiert – es ist eben wirklich ein Coaching.“ Schiedsrichter-Obmann Matthias Ziegler

Noch vor ein paar Jahren sei nicht so offen mit dem Thema umgegangen worden, die Beobachtungen waren geheim. „Das war schon irgendwie komisch“, sagt Ziegler. „Der offene Umgang heute ist viel besser. Fehler werden offen angesprochen und korrigiert – es ist eben wirklich ein Coaching. Das bringt allen etwas: Schiedsrichtern, Assistenten und Spielern. Es ist doch so – ohne uns geht es im Fußball nicht und auch wenn es die Spieler auf dem Platz, die Verantwortlichen und die Zuschauer oft nicht wahrhaben wollen: Wir wollen niemanden benachteiligen und unseren Job möglichst gut machen. Dass wir dennoch oft zum Feindbild werden, lässt sich aber trotz Coaching nie ganz verhindern.“

Das sehen dann auch die Abensberger Originale ein, nicken einhellig. Ob sie aber in Zukunft anders reagieren, das steht auf einem anderen Blatt.

Zur Themenwoche „Kelheimer Fußball“ kommen sie hier.

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