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Montag, 20. November 2017 3

Zweispältig

Es bleibt – ’ne Badewanne voller Schlamm

Aus Einzigartigem wurde ein „trivialer Landstrich“, sagt Naturschützer Wilfried Reuder. Auch Fischer sehen Kanal zwiespältig.
Von Beate Weigert

Der Kanal ist heute eine „verschlammte Badewanne“, sagen Naturschützer. Foto: Dr. Satzl

Essing.Berliner auf Angelurlaub im Altmühltal? Ja, vor dem Bau des Main-Donau-Kanals war das Usus, erinnert sich Helmut Simon senior, der Ehrenvorsitzende des Riedenburger Altmühlfischereivereins. Drei bis vier Wochen blieb so mancher, um Rotaugen, Karpfen oder Aale aus dem Wasser zu ziehen. Idyllische Erinnerungen hat auch Wilfried Reuder, der als damaliger Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz lange Jahre gegen den Kanal kämpfte. Obwohl es davor bereits den Ludwig-Donau-Main-Kanal gab, waren dieser und die Altmühl frei fließende, fischreiche glasklare Gewässer.

25 Jahre später blicken zwei Fischer und der Naturschützer mit sehr unterschiedlichen Gefühlen auf den Kanal, der heute eher einer „Badewanne“, denn einem Fluss gleichkommt. Dort, wo sich nicht gerade eine Schleuse bzw. ein Zu- oder Abfluss zu einem Altwasser findet, ist der Kanal eine stehende Angelegenheit.

Der Kanal ist heute eine „verschlammte Badewanne“, sagen Naturschützer. Foto: Dr. Satzl

Die einen hadern damit mehr, die anderen weniger. Helmut Simon sen. ist im Großen und Ganzen zufrieden. Schon als Riedenburger Stadtrat, der der 70-Jährige immer noch ist, könne er den Kanal nicht anders sehen. Das heißt aber nicht, dass er alles gut heißt. Ärger bereiten ihm die „Raser“, gemeint sind die Motorbootfahrer, die vor allem an Wochenenden die vorgegebenen Geschwindigkeiten ignorieren und so Fischlaich zerstörten. „Die Motorbootschleuse haben sie gebaut, die Fischtreppe haben sie vergessen“, schimpft Simon.

„Die Motorbootschleuse haben sie gebaut, die Fischtreppe haben sie vergessen.“

Helmut Simon sen.

Auch die Turbine an der Riedenburger Schleuse sehen die Fischer kritisch. Sie haben ihr einen Spitznamen verpasst. „Der Fischwolf von Haidhof“. Wer einmal zig verendete Aale, die in Stücke hergehäckselt wurden, gesehen hat, finde das nicht lustig. Auch daran, dass vor dem Bau Jahre lang abgefischt und viel Laich zerstört werden musste, erinnert er sich nicht gerne. Mittlerweile pflege man zum Riedenburger Schifffahrtsverwaltungs-Chef guten Kontakt.

Die, die früher beim Bau das Sagen hatten, „haben einen Haufen versprochen“. Dass die Altwasser wieder so hergerichtet würden, wie sie waren, war ein solch unerfülltes Versprechen.

Wilfried Reuder Foto: Reuder

Obwohl der Kampf von früher nun schon lange her ist, Wilfried Reuder aus Essing hadert noch immer mit dem „unguten Verfahren. Das war geplant und wurde so durchgezogen.“ Was Reuder immer noch ärgert: „Die hatten eine Planung, die schön anzuschauen war, aber die nicht im Grundbuch gesichert war.“ Solange das Planfeststellungsverfahren lief, wurde auf den sogenannten Grebe-Plan verwiesen. Auf dem Papier sah der super aus. Doch schon zwei Jahre nach dem Bau wurden auf Ausgleichsflächen Mais angesät und so ist es bis heute. Keinen kümmere das. „Öffentlich-rechtlich ist das nicht sauber gelaufen“, sagt Reuder.

„Öffentlich-rechtlich ist das nicht sauber gelaufen.“

Wilfried Reuder

Mit zwiespältigen Gefühlen blickt der Essinger heute auf den Kanal. Fischerei und Landwirtschaft hätten ihre schädlichen Einflüsse. „Eigentlich wollten wir auch Brutgewässer für Amphibien haben oder die Befahrbarkeit an der Südseite einschränken.“ Doch daraus wurde nichts. Reuder empfindet den Kanal „als triviale Landschaft“. Sie könnte genauso gut im Ruhrgebiet liegen.

Der Kanal sei heute ein völlig anderes Gewässer. Viele Arten sind verschwunden. Am alten Ludwig-Donau-Main-Kanal gab es etwa eine Eisvogelbrut. Seit der neue Kanal existiert, sei die ausgeblieben. Auch saure Feuchtwiesen sucht man vergebens. Abgesehen von neueren FFH-Habitaten. Stattdessen gibt es drainierte Äcker – mit immer noch mehr Mais darauf.

In den 1980er Jahren war das Gewässer selbst für damalige Verhältnisse „noch sehr naturnah“, mit bis in drei Metern Tiefe glasklarem Wasser, ohne Dreck. Sehr vielfältig von der Landschaft her, wie von den Pflanzen, die darin heimisch waren. Heute fänden sich vielleicht noch große Waller oder Spiegelkarpfen darin. „Doch wenn es warm wird, kippt alles.“

Manfred Beck, der Kreisfischereivereins-Vorsitzende Foto: Weigert

Helmut Simon bedauert, dass die Angelurlauber ausblieben und das „Badewannenwasser“ dem Kormoran perfekte Sicht aufs Mittagessen beschert. Manfred Beck, der Vorsitzende des Kelheimer Kreisfischereivereins, sieht auch Wasserqualität und Fortpflanzung der Fische kritisch.

Seit circa 15 Jahren verschlammten Kanal und Altwasser zunehmend. Jedes Schiff, das man von oben betrachte, ziehe eine riesige Wolke aufgewirbelten Schlamms hinter sich her. Die meisten Fische, die im Kanal heimisch sind, seien krautlaichende Arten, sprich sie brauchen Pflanzen wie Hecht- oder Hornkraut, um darin zu laichen. Doch der Schlamm macht den Pflanzen den Garaus. Auch in den Altwässern. Sie verlanden zusehends. Die Fischereivereine im Landkreis haben sich laut Beck nun zusammengeschlossen, um der Ursache auf den Grund zu gehen.

Helmut Simon senior aus Riedenburg angelt immer noch gerne im Kanal. Foto: Weigert

Mittlerweile fehle es auch an Fischen, die sich von selbst fortpflanzten. Der Besatz, sprich das Einbringen junger Karpfen, Schleien oder Rutten, so wie es vom Bezirk vorgegeben wird, sei das Eine. Eine natürliche Reproduktion das Andere. Und auch kleine Fische sind Mangelware. Dabei müsste es bei ihnen eine Alterspyramide geben, sprich von den Jüngsten die meisten. Doch dem ist nicht so.

Ein weiteres Problem, dass der Kanal und die Schifffahrt mit sich brachte, heißt Schwarzmeergrundel, und sie frisst buchstäblich alles. Sprich, sie frisst anderen die Nahrung weg und wenn es beliebt, auch gleich deren Laich.

Dass eine Fischart seit Kanalöffnung ausgestorben wäre, vermag Beck nicht zu sagen. Doch viele sind sehr selten geworden. Rotaugen, Brachsen, Rotfedern, die es früher zuhauf gegeben hat, werden immer rarer. Während sich mancher beim Hegefischen freut, wenn er einen kapitalen Fisch angelt, stimmt dies Beck nachdenklich. „Weil die Altersvielfalt nicht mehr stimmt.“

Bei der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung könne er zwar Wünsche anmelden. Doch die kosten Geld und „da wird man nicht gerade mit offenen Armen empfangen.“

Lesen Sie auch: „Nackerte Protestler und ein Schafott“.

Alle Serienteile „25 Jahre Main-Donau-Kanal“ lesen Sie hier.

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