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Forstschädlinge

Winzige Einwanderer mit großen Folgen

Ein Mini-Pilz und ein Käfer aus Asien sorgen für Angst und Frust in Kelheims Wäldern. Der Klimawandel tut ein übriges.
Von Martina Hutzler

  • Das „Falsche Weiße Stengelbecherchen“ erobert Eschen von den Triebspitzen ausgehend. Deshalb verkümmern befallene Bäume von außen nach innen. Foto: Sönke Möhl/dpa
  • Das „Falsche Weiße Stengelbecherchen“ infiziert erst das Vorjahreslaub, dann diesjährige Blätter und schließlich das Baum-Mark. Erst sterben Äste ab, wie Dieter Winterstein zeigt; zuletzt stirbt der Baum. Foto: Hutzler
  • Der Asiatische Laubholzbockkäfer befällt Ahorn, Rosskastanie, Birke, Pappel, Weide – fast alle heimischen Laubbäume. Foto: Bayer. Landesanstalt für Landwirtschaft

Kelheim.Auch Tiere und Pflanzen schätzen offene Grenzen. Mitunter zum Leidwesen des Menschen. Aktuell lässt das „Falsche Weiße Stengelbecherchen“ aus Japan Forstleute und Forscher verzweifeln. Der Pilz mit den stecknadelkopf-großen Fruchtkörpern bringt, auch im Kreis Kelheim, reihenweise Eschen zum Absterben. Und damit eine Baumart, auf die Experten große Hoffnungen gesetzt hatten in Sachen klimawandel-taugliche Waldumbau. Noch mehr fürchten sie freilich den „Asiatischen Laubholzbockkäfer“, der fast alle wichtigen Laubbaumarten befällt. In Bayern wird er momentan noch in Schach gehalten, aber mit sehr radikalen Maßnahmen, erklären Forstexperten im MZ-Gespräch.

Zu den Eschen (und anderen interessanten Bäumen) in der „Wipfelsfurt“ im Donaudurchbruch führt am morgigen Sonntag eine Wanderung. Gut möglich, dass Rudolf Habereder, stellvertretender Leiter des Staatsforstbetriebs Kelheim, diese Tour in zehn Jahren nicht mehr anbieten kann: Das „Eschentriebsterben“ hat, vom Baltikum aus, diesen Laubbaum in ganz Europa fast völlig verschwinden lassen. Es dauert Jahre, bis das „Falsche Stengelbecherchen“ als Schuldiger überführt war.

Kein Wunder, gibt es doch ein fast identisches „Echtes Stengelbecherchen“, mit dem die hiesige Esche problemlos klarkommt. Genauso wie die „Mandschurische Esche“ in Japan mit dem „Falschen“ Pilz, wie Karin Bork vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten (AELF) erklärt. Dies zeigt das Dilemma unserer globalisierten Welt: Wo ein Schädling langsam vordringt, können sich seine Wirte anpassen – bei „Direktimporten“ werden sie oft überrollt.

Resistenz-Zucht scheitert bisher

So halten zwar einzelne, vor allem ältere Eschen, dem Pilz noch halbwegs stand – auch in der Wipfelsfurt sind an den Altbäumen zumindest optisch noch keine Schäden zu sehen, berichtet der dort zuständige Revierleiter Dieter Winterstein. Aber Versuche, Nachzuchten von scheinbar resistenten Bäumen zu gewinnen, seien bislang gescheitert – nicht zuletzt, weil schon 35 Unterarten des Pilzes hierzulande bekannt sind.

Waldbesitzer sind derzeit machtlos; „alle großflächigen Bekämpfungsversuche, zum Beispiel das Mulchen des Laubs, blieben erfolglos“, schildert Karin Bork. Knapp ein Prozent der Eschen scheinen zwar dem Schädling zu widerstehen. Doch wie, ist noch unbekannt. Zu Forschungszwecken sollten solche „Kämpfernaturen“ daher stehenbleiben, so Bork. Ansonsten aber rät das AELF, ältere erntereife Eschen lieber zu ernten, ehe sie befallen und schnell wertlos werden. Denn meist greifen weitere Pilze an und verursachen Weißfäule. Die macht überdies das Fällen des Baums gefährlich und kann Äste unvermutet abbrechen lassen, weiß Dieter Winterstein.

Vom Pflanzen von Eschen – ob in Wäldern oder Grünanlagen – rät das AELF derzeit komplett ab, aber ebenso von einem Kahlschlag in Jungbeständen. Dort sollte man Mischbaumarten fördern. Was indes gar nicht so einfach ist: Auf typischen Eschen-Standorten – feuchte nährstoffreiche Böden – haben auch die Alternativen Desaster erlebt. So ist die Ulme – durch den Ulmensplintkäfer und den von ihm übertragenen Pilz – bis auf wenige Exemplare ausgestorben, weiß Rudolf Habereder. Arg gelitten unter Pilzbefall hat auch die Roterle; sie erholt sich jetzt aber wieder.

Erle, Stieleiche, Bergahorn, Flatterulme, das bekommen Waldbesitzer vom AELF geraten, fragen sie nach Eschen-Alternativen. Wirtschaftlich und waldbaulich können diese Arten aber nicht mit der Esche mithalten, bedauert Rupert Gruber, Vorsitzender der Kelheimer Waldbesitzervereinigung. Er hat selbst eine Eschenpflanzung hochgepäppelt – und sieht ihr jetzt beim Absterben zu. Erschreckend sei, wie schnell und radikal sich die Pilzerkrankung ausgebreitet hat – im Kreis Kelheim etwa seit 2010.

Das ist beim Asiatischen Laubholzbockkäfer (ALB) noch nicht der Fall: Er ist bislang nur im Kelheimer Hafengebiet festgestellt worden – zum Glück. Denn wo dieser Käfer, über Paletten und anderes Verpackungsholz, aus Asien zu uns gelangt, hilft nur noch die Radikalkur: Weil er (abgesehen von der Eiche) fast alle Laubbaumarten befällt, müssen dort, wo er auftritt, all diese Laubbäume gefällt werden, im Umkreis von etwa 100 Metern um den Befall. Außerdem wird eine Quarantäne-Zone von etwa zwei Kilometern Radius verhängt, in der streng kontrolliert wird.

Importe werden kontrolliert

Bislang trat der ALB in Bayern nur an wenigen Stellen auf, darunter im Raum München und Augsburg – und eben seit 2016 auch im Kelheimer Hafen. In Deutschland hoffe man, ihn auf Dauer ausmerzen, schildert Revierleiter Winterstein den aktuellen Stand. Unter anderem wurden in Bayern zumindest befristet die für „Phytosanitär-Kontrollen“ zuständigen Stellen aufgestockt: Fachleute von den AELF kontrollieren in Absprache mit dem Zoll Container aus Asien auf ALB-Befall, bevor die Ware ausgeliefert werden darf.

Ebenfalls schon in den Landkreis gerobbt ist der Eichenprozessionsspinner, ein nachtaktiver Falter, der Stiel- und Traubeneichen befällt. Er ist zwar nicht eingeschleppt. Aber die Klimaerwärmung begünstigt seine Vermehrung und Ausbreitung: von Franken aus unter anderem in Richtung Oberpfalz. Im Frühsommer 2017 wurde er in einem Privatwald bei Kelheim festgestellt; auch in Staatswald-Beständen gibt es ihn. Er ist für den Menschen ein echtes Problem: Die Brennhaare der Raupen lösen Ausschläge, Atemwegsbeschwerden und sogar allergische Schocks aus. Der Falter wird deshalb sogar chemisch bekämpft; allerdings bleiben ausgefallene Brennhaare jahrelang aktiv.

Mischung macht’s noch am besten

Wie dieser Falter wissen auch andere gefürchtete Insekten den Klimawandel zu schätzen; der Frostspanner etwa oder natürlich auch der Borkenkäfer. Unterm Strich ist man sich daher am AELF und im Staatswald einig, was zu tun ist: Sorgfältig auf Schädlingsbefall kontrollieren und artenreiche, standort-angepasste Bestände aufbauen – die Mischung macht’s noch am ehesten im Kampf gegen globales Ungemach.

Wanderung zur Wipfelsfurt

  • Das Ziel:

    Die Wipfelsfurt inmitten des Donaudurchbruchs ist ein geologisches und forstliches Kleinod, unter anderem mit alte Eschen,- und Eiben-Beständen. Rudolf Habereder, stellvertretender Leiter des Forstbetriebs Kelheim führt bei einer etwa zweistündigen Tour dorthin.

  • Die Tour

    Treffpunkt ist am morgigen Sonntag, 26. Juli, um 14 Uhr am Parkplatz (Achtung: gebührenpflichtig!) bei der Befreiungshalle. Teilnehmen können alle Interessierten. Wichtig: Auf festes Schuhwerk achten!

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