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Dienstag, 21. November 2017 5

Ziel

Barrierefrei bringt Geld herbei

Barrierefreier Tourismus ist nicht nur eine gesellschaftliche Aufgabe, sondern hat ökonomisches Potenzial im Kreis Kelheim.
Von Benjamin Neumaier

Bereits ein Bordstein kann zum schier unüberwindlichen Hindernis werden – auch im Tourismus gibt es zu viele Barrieren. Foto: dpa/Neumaier (2)/Braun

Kelheim.Die gesetzliche Definition von Barrierefreiheit ist langatmig: „Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.“ Beim Aktionstag für barrierefreien Tourismus fassten sich die Veranstalter kürzer: „Einfach für alle“.

Dr. Martin Spantig, Ulrike Bergeaud, Brigitte Wildenauer, Klaus Blümlhuber und Erwin Wagner (v. l.) bei der Übergabe des Zertifikats „Reisen für alle“.

So soll der Tourismus im Landkreis zukünftig sein, beschwor Landrat Dr. Hubert Faltermeier bei der Veranstaltung an Bord der MS Kelheim: „Einfach und für alle zugänglich. Das muss unser Ziel sein, auch wenn es eine große Herausforderung ist. Erste Schritte sind getan, aber es ist noch ein langer Weg. Ein Aktionstag wie dieser kann ein Türöffner sein.“ Bürgermeister Horst Hartmann schloss sich an: „Barrierefreiheit betrifft nicht nur Menschen mit Behinderung, es betrifft auch ältere Menschen oder Mütter mit Kinderwägen – es tut sich aber was – gerade die MS Kelheim ist als barrierefreies Schiff ein Leuchtturmprojekt.“

Nicht nur Leuchtturmprojekte

Das Understatement, das beide in ihrem Grußwort wahrten, wischte Dr. Martin Spantig, Geschäftsführer der Bayern Tourismus Marketing GmbH, kurzerhand zur Seite: „Der Landkreis Kelheim ist ein Vorreiter, was den barrierefreien Tourismus betrifft. Es gibt nicht nur dieses Schiff, auch die Befreiungshalle oder zahlreiche Aussichtspunkte sind für jedermann zugängig.“ Gleichzeitig mahnte er: „Leuchtturmprojekte alleine bringen uns aber nicht weiter, es geht um die Vielfalt.“

Regionalmanagement, Tourismusverband und die Inklusionsstelle informierten über Barrierefreiheit.

Das sei auch Ziel des Projekts „Reisen für alle“, des bayerischen Wirtschaftsministeriums. „Nicht, weil das Ministerium sein soziales Gewissen entdeckt hat, sondern weil hier schlicht und einfach Geld auf der Straße liegt.“ Barrierefreier Tourismus habe ein enormes Potenzial, „das nicht nur bei uns, sondern auch bei unseren Nachbarn brachliegt“, sagt Spantig und untermauerte das mit Zahlen: 780 Milliarden Euro Umsatz berge dieses Klientel für den Tourismus. Alleine zehn Millionen Deutsche hätten einen Behindertenausweis, sieben Millionen davon eine mehr als 50-prozentige Behinderung. „Es geht also nicht nur darum, auch diesem Teil der Bevölkerung Tourismus möglich zu machen, sondern es geht auch darum Geld zu verdienen und gleichzeitig nicht verlegbare Arbeitsplätze zu sichern“, sagt Spantig. „Und dieses Potenzial wächst in unserer älter werdenden Gesellschaft stetig.“

Richard Dietz, mit dem Rollstuhl an Bord der MS Kelheim gekommen, stimmte zu: „Dieses Schiff ist toll –zumindest das, was ich bis jetzt gesehen habe. Aber gerade der Aufzug sucht seinesgleichen. Es ist ein Stück Lebensqualität, das ich, bei allen Verbesserungen im Landkreis Kelheim, noch an vielen Orten vermisse.“ Das fange bereits bei den zu engen Behinderten-Parkplätzen oder dem nicht abgesenkten Bordstein an der Schiffsanlegestelle an –was aber schon auf der Agenda der Verantwortlichen stehe.

Servicekette barrierefrei machen

Das war Wasser auf die Mühlen der Referenten. Es reiche nicht, Sehenswürdigkeiten und Ausflugsziele sowie einige Hotels zugänglich zumachen, sagte Stefan Sandor vom Büro der Behindertenbeauftragten der Bayerischen Staatsregierung. „Die Servicekette muss komplett barrierefrei sein: Von der Information, über Essen gehen, das Übernachten, Unternehmungen, Anfahrt oder Abfahrt.“ Aber auch er bescheinigte dem Landkreis Kelheim in diesen Punkten, „dass das Thema hier bereits angekommen und vorangetrieben ist.“

Auch die Aktion Mensch hat Barrierefreiheit 2016 zu ihrem Hauptthema auserkoren.

Diese These untermauerte Klaus Blümlhuber vom Tourismusverband im Landkreis Kelheim mit Beispielen: Es gebe seit 2012 fünf Standorttafeln mit barrierefreien Informationen und Ausflugstipps, die Karte Natur und Kultur für Rollstuhlfahrer oder das Integrationsprojekt „mittendrin“, das Wanderwege auf Barrierefreiheit teste. „Dazu kommen der Umbau der Limestherme, die Optimierung des Zugangs zum Römerkastell Abusina, der Umbau der Fasslwirtschaft und des Kristallmuseums in Riedenburg oder die ganze Flotte der Kelheimer Schifffahrt“, sagt Blümlhuber. Zudem habe der Landkreis den ersten Aktionsplan in Niederbayern zum Thema aufgestellt.

Reisen für alle

  • Das Projekt

    „Einführung des Kennzeichnungssystems ,Reisen für Alle‘ im Sinne eines Tourismus für Alle in Deutschland“ ist vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert. Es sieht die bundesweite Einführung und Weiterentwicklung des Kennzeichnungssystems „Reisen für Alle“ vor, das in mehrjähriger Zusammenarbeit mit den Akteuren entwickelt wurde.

  • Zahlreiche Regionen

    setzen das Kennzeichnungssystem bereits ein. Mehr als 1000 Betriebe und Angebote wurden geprüft.

  • www.reisen-fuer-alle.de

Weiteres Indiz für die Vorreiterrolle sei auch die Zertifizierung bei „Reisen für alle“. Bereits geprüft und mit einer Urkunde versehen sind das Hotel The Monarch in Bad Gögging und das Gästehaus St. Georg im Kloster Weltenburg. Die Personenschifffahrt Stadler bekam die Auszeichnung für die MS Kelheim an diesem Tag von Spantig höchstpersönlich überreicht. Weitere vier Zertifizierungen für die Limes-Therme, die Tourist-Info Riedenburg, Kuchlbauers Bierwelt und die MS Renate stehen an.

Der Landkreis geht den eingeschlagenen Weg fort, so wie sich Spantig das „auch in anderen Regionen wünschen würde. Es ist eine riesiges ökonomisches Thema und auch ein Stück Gastfreundschaft, für die wir in Bayern ja eigentlich berühmt sind.“

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