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Montag, 23. Oktober 2017 4

Interview

Ein klinisch teurer Gemischtwarenladen

Im Notfall ist man froh um eine Klinik vor Ort. Aber was tun, wenn sie, wie in Kelheim, immer mehr Defizit schreiben?
Von Martina Hutzler

Teure Daseinsvorsorge: Krankenhäuser der Grundversorgung kosten am meisten, weil sie so breit aufgestellt sind, sagt der Gesundheitsökonom Prof. Dr. Christian Ernst. Foto: dpa

Kelheim. Gesundheit ist wertvoll – und teuer: 1,8 Millionen Euro muss der Landkreis heuer wohl seiner Kelheimer Goldberg-Klinik zuschießen, die Ilmtalklinik Mainburg / Pfaffenhofen braucht voraussichtlich 1,1 Millionen. Wir haben Prof. Dr. Christian Ernst gefragt, ob und wie Daseinsvorsorge und Wirtschaftlichkeit bei Kliniken zu vereinbaren sind. Er ist Inhaber des Lehrstuhls „Ökonomik und Management sozialer Dienstleistungen“ der Universität Hohenheim.

Prof. Dr. Christian Ernst Foto: Wolfram Scheible

Herr Prof. Dr. Ernst, ist ein Krankenhaus wie Kelheim – ein 200-Betten-Haus der Grundversorgungsstufe – unter heutigen Bedingungen wirtschaftlich zu betreiben?

Untersuchungen zeigen: Akut-Krankenhäuser mit 200 bis 400 Betten, in öffentlicher Trägerschaft, sind praktisch nicht rentabel zu führen, weil sie unter allen Krankenhaustypen am meisten wirtschaftlich gehandicapt sind. Wer einen ,Gemischtwarenladen’ bieten muss – vom Blinddarm bis zur Knieoperation – hat viel höhere Gemeinkosten als z.B. eine Spezialklinik. Und wenn die noch zu einer Klinikkette gehört, nutzt sie zudem die Vorteile des Großeinkaufs.

Böse Zungen sagen, private Träger suchten sich auch ,rentable’ Patienten heraus…

Ich denke, damit würde sich eine Klinik schnell einen schlechten Ruf verschaffen. Nein, die Vorteile Privater sehe ich in erster Linie im betriebswirtschaftlichen Bereich. Private haben z.B. ganz andere Einflussmöglichkeiten auf ihre Ärzte, etwa durch Anreiz-Systeme. In öffentlichen Häusern ist die Machtposition von Ärzten schon noch deutlich stärker als in privaten. Gegen die etwas durchzusetzen, ist für eine Klinik nicht leicht.

Kommunalpolitiker schlagen – mit Blick auf Private – gerne vor, dass sich ein Krankenhaus spezialisieren sollte…

Das heißt es oft, etwa wenn ein neuer Chefarzt mit einem bestimmten Spezialgebiet kommt. Aber grundsätzlich ist der Zug weitestgehend abgefahren, 15 Jahre nach Einführung der Fallpauschalen. Die lukrativen Märkte wie Herzchirurgie oder Endoprothetik sind längst besetzt.

Die andere Forderung der Politik lautet regelmäßig: Sparen. Geht da noch was?

Da ist sich die Fachwelt weitgehend einig: Die Sparpotenziale im Tagesgeschäft sind praktisch erschöpft. Schließlich sollen die Häuser bei wachsendem Fachkräftemangel das laufende Geschäft aufrecht erhalten, in Gebäude und moderne Technik investieren und sehen sich Forderungen nach Gehaltssteigerungen gegenüber.

Teure Daseinsvorsorge: Krankenhäuser der Grundversorgung kosten am meisten, weil sie so breit aufgestellt sind, sagt der Gesundheitsökonom Prof. Dr. Christian Ernst. Foto: dpa

Aus all dem folgern Krankenhaus-Verantwortliche gerne, dass die gesundheitspolitischen Bedingungen, insbesondere das System der Fallpauschalen, Krankenhäuser der Grundversorgung geradezu ins Defizit treiben.

Nicht ganz zu Unrecht: Den ,Katalog-Effekt’ [die Vergütung für eine medizinischen Leistung wird von den Kassen von Jahr zu Jahr abgesenkt; die Red.] gibt es. Aber es gibt auch Klinik-,Zombies’, die völlig unwirtschaftlich sind und nur aus politischen Gründen am Leben gehalten werden. Eine seriöse Aussage zur Wirtschaftlichkeit lässt sich nur im Einzelfall, nach wissenschaftlicher Analyse treffen.

Können wir uns eine wohnortnahe „Grundversorgung“ künftig noch leisten?

Dazu muss man ,Grundversorgung’ definieren. Es gibt gesetzliche Regeln für die medizinische Versorgung. Dies als Rahmen der medizinischen Daseinsvorsorge zu nehmen und in diesem Rahmen auch ein Defizit in Kauf zu nehmen, ist meiner Meinung nach legitim.

Also muss ein Klinikträger wie der Kreis Kelheim dauerhaft mit Defiziten leben?

Einfach zu sagen, ,dann betreiben wir die Klinik halt defizitär’, wäre auch falsch! Es würde dazu verleiten, die Anstrengungen zum Defizitabbau runterzufahren. Man könnte als Träger, wenn schon kein Gewinnziel, dann doch zumindest ein Defizit-Ziel vorgeben.

Und wenn das Defizit trotzdem nicht sinkt?

Wird ein Defizit als dauerhaft zu hoch bewertet, muss man strukturelle Maßnahmen erwägen. Das heißt nicht gleich: dichtmachen, in ein Altersheim umwandeln oder so. Das kann z.B. die Umstrukturierung zur „Tele-Portalklinik“ sein, in der einige Generalisten die Grundversorgung gewährleisten und darüber hinaus per Telemedizin mit Spezialisten an anderen Kliniken zusammengearbeitet wird.

Strategien gesucht

  • Workshop

    Vor kurzem hielten die Haupt-Akteure der Goldberg-Klinik Kelheim (GBK) einen Workshop, um wirtschaftliche und medizinische Strategien für das Haus zu entwickeln, das seit einigen Jahren deutlich rote Zahlen schreibt. Teilgenommen haben Vertreter von Geschäftsführung, Ärzten und Pflege, von niedergelassenen Ärzte und der Regensburger Uniklinik, ferner der GmbH-Aufsichtsrat: rund 40 Teilnehmer, so Landrat und Aufsichtsrats-Vorsitzender Martin Neumeyer, Initiator des Workshops. Der Moderator war ein Mitarbeiter von „Ernst & Young“.

  • Finanzen

    Sie „waren Anlass für den Workshop“ und zentrales Thema, so Neumeyer. Sie zu verbessern sei aber „ein Knochenjob“. Eine „Schmerzgrenze“, bis zu der das Defizit für den Landkreis akzeptabel ist, lehnt er ab: „Dann würde der Anreiz fehlen, das Defizit möglichst auf Null zu senken!“

  • Angebote

    Grundsätzlich ging es beim Workshop laut Neumeyer darum, kurz-, mittel- und langfristige Vorschläge für die Arbeit, das Leistungsspektrum und mögliche neue Angebote an der GBK zu erarbeiten. „Ein wichtiger Aspekt ist zum Beispiel, dass wir uns in der Notaufnahme etwas anders aufstellen – das ist schließlich die ,Visitenkarte’ eines Krankenhauses.“ Es sei aber noch zu früh, über konkrete Ergebnisse zu sprechen; die Vorschläge müssten erst zusammengefasst und auf Machbarkeit überprüft werden.

  • Meinungen Dr. Gudrun Weida, Kreisrätin und Mitglied im GBK-Aufsichtsrat, war nach eigenen Worten „sehr angetan über die Offenheit und die konstruktive Arbeit“ im Workshop. Ihrer Ansicht nach erfüllt die GBK die Haupterwartungen der Patienten bereits: „dass man freundlich und kompetent behandelt wird“. Für Betriebsratsvorsitzenden Hans Kleehaupt war die wichtigste Botschaft des Workshops, „dass der Erhalt des Hauses inklusive der Geburtshilfe das gemeinsame oberste Ziel ist.“

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