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Sonntag, 23. Juli 2017 25° 8

Interview

Eine attraktive Stadt braucht Vielfalt

Der Regensburger Stadtentwickler Anton Sedlmeier verrät, wie der Spagat zwischen Welterbe und Moderne gelingt.
Von Philipp Froschhammer

Das Leben in einer Stadt wie Kelheim ist bunt. Seine Entwicklung ist ein fortwährender Prozess – Bürger und Stadt sind gleichermaßen gefordert. Foto: Satzl/Bearbeitung Manfred Forster

Kelheim.Regensburg mit Kelheim zu vergleichen ist schwer – schon alleine von Einwohnerzahl und Größe her. Doch es gibt durchaus Parallelen, wenn man den Maßstab verändert. Wöhrdplatzareal, Brunngassenviertel: jeden dieser Teile der Altstadt kann man als Projekt für sich betrachten. Und Projektentwicklung ist das Zauberwort in der Domstadt. Im MZ-Interview erzählt der Regensburger Stadtentwickler Anton Sedlmeier, welche Faktoren dabei berücksichtigt werden müssen und wie wichtig die Bürgerbeteiligung ist.

Der Regensburger Stadtentwickler Anton Sedlmeier

Wie gehen die Stadtentwickler in Regensburg an Entwicklungsprozesse heran?

Wir haben in Regensburg sehr früh mit der Städtebauförderung angefangen. Schon 1955 hatten wir ein eigenes Programm. Sehr bald kam dann die Unterstützung des Freistaats Bayern dazu, der Mittel für Sanierungen zur Verfügung gestellt hat. Ein wichtiger Grundsatz in Regensburg ist, dass man Entwicklungen zurückdrehen oder umlenken kann. Das funktioniert, da wir normalerweise behutsam in kleinen Schritten vorangehen. Wenn man beispielsweise die Verkehrserschließung betrachtet, ist es so, dass wir nicht auf einen Schlag die ganze Altstadt sperren, sondern sukzessive. Diese behutsame Vorgehensweise erleichtert uns, die Menschen mitzunehmen. So sind die Umbrüche nicht so krass und wir greifen nicht zu extrem in das Gefüge der Altstadt ein. Wichtig ist die Leute mitzunehmen und keine zu radikalen Schritte zu unternehmen. Bürgerbeteiligung wird in Regensburg großgeschrieben.

Inwiefern?

In Regensburg findet Bürgerbeteiligung nicht nur in Fällen statt, bei denen sie gesetzlich vorgeschrieben ist. Es gibt sie hier praktisch bei allen größeren Vorhaben. Wenn man sich aktuell die Umgestaltung der Fußgängerzone anschaut: Da finden im Vorfeld Veranstaltungen statt, mit Anwohnern, mit Einzelhändlern, die dazu eingeladen werden, um auch ihre eigenen Anregungen und Ideen einzubringen. Es ist immer ein zentraler Faktor, die Menschen, die es betrifft, mit auf den Weg zu nehmen und ihnen auch die Möglichkeit zu geben, ihre eigene Vorstellungen einzubringen.

Wie nehmen die Bürger die Chance zur Bürgerbeteiligung in Regensburg an?

Das ist unterschiedlich. Es hängt davon ab, ob die Maßnahmen im direkten Wohnumfeld stattfinden oder eher abstrakt ablaufen. Bei der Diskussion um die Erschließung der Thundorferstraße haben sich natürlich in erster Linie Fachleute aus den Bereichen Verkehr, Einzelhandel oder Polizei sowie Interessensvertreter eingebracht. Wir haben dann aber auch explizit Anwohner dazu eingeladen.

Sie sprechen von beschlossenen Maßnahmen. Haben Bürger Einfluss auf die Zielsetzung?

Generell entscheidet der Stadtrat. Die Bürger haben aber immer die Chance mitzureden. Bei der Entwicklung des Regensburgplans 2005, der die Stadtentwicklung seit Jahren beeinflusst, haben wir mit Planungszellen gearbeitet. Dafür haben wir zufällig Bürger ausgewählt, die sich in Arbeitsgruppen Gedanken über die Weiterentwicklung der Stadt gemacht haben. Sie wurden je eine Woche mit Sachverständigen konfrontiert und haben in Kleingruppen selbstständig Ziele und daraus resultierende Maßnahmen entworfen. Das ist in die Arbeit der Stadtverwaltung eingeflossen. Der Stadtrat hat damals den Regensburgplan einstimmig als Leitfaden für die Stadtentwicklung beschlossen.

Was steht im Regensburgplan 2005?

Der Regensburgplan 2005 ist die Richtlinie für die Entwicklung der Stadt. Darin stehen Ziele für die Stadtplaner, wie beispielsweise die Erhaltung der Multifunktionalität in der Altstadt. Das ist das, was auch Kelheim sicherlich anstrebt: das Erhalten und Stärken aller Funktionen, sprich Wohnen, Einzelhandel, Freizeit und Dienstleistungen. Auch die Verkehrserschließung und die Stadtgestaltung spielen eine wichtige Rolle.

Bis wann gilt der Regensburgplan 2005?

Der Regensburgplan hat eine Reichweite von 15 bis 20 Jahren. Wir werden uns in der nächsten Zeit zusammensetzten um zu klären, wie weit die Ziele noch gelten, ob sie überarbeitet werden müssen, ob man sie anpassen muss. Bestimmte Projekte wie das Fußballstadion sind abgearbeitet, manche laufen noch. Obwohl eine relativ lange Zeit vergangen ist, sind viele Ziele heute noch gültig. Vieles ändert sich nicht so schnell. Die Frage ist: Ist man noch auf dem richtigen Weg?

Welche Prozesse müssen ablaufen, bis ein neues Projekt verwirklicht werden kann?

Zum einen muss man wissen, wo man hin will. Aus dieser Zielsetzung entsteht eine Maßnahme. Daraus bildet man Einzelmaßnahmen, bei denen man im Vorfeld versucht, die Interessen abzuklären. Das heißt, man beteiligt dann die internen Fachstellen sowie externe Sachverständige, angefangen von den Verkehrsbetrieben bis hin zu den Anwohnern. Dadurch werden die Rahmenbedingungen festgelegt. Dann steigt man in die Detailplanung ein. Dabei muss man darauf achten, welche Gelder für das Projekt zur Verfügung stehen. Bis eine geplante Maßnahme umgesetzt wird, können locker fünf Jahre vergehen, das hängt von der Größe und der Art des Projekts ab. Die Zeit muss man sich nehmen, denn ich darf nichts lostreten, bei dem ich später Probleme habe, es umzusetzen.

Welche Einflussfaktoren muss ein Stadtentwickler alle im Auge behalten?

Man muss ständig sämtliche Faktoren berücksichtigen, um die Vielfalt zu erhalten. Vom Wohnen über Kultur, Bildung, Freizeit, Einzelhandel bis hin zum Verkehr. Vor allem der Punkt Freizeit spielt bei der Entwicklung der Altstadt eine wichtige Rolle, da sich die Innenstädte immer mehr zum Freizeitraum entwickeln. Wenn Sie sich dort umschauen, sehen Sie viele Menschen, die ihre Freizeit dort verbringen. Auch der Bereich Einkaufen fällt unter diesen Punkt, da in den Innenstädten das Shopping als Freizeitaktivität betrieben wird. Sie sehen: Der Einzelhandel wird dadurch auch beeinflusst. Die Faktoren ergänzen sich.

Sie sprechen immer davon, wie wichtig es ist, diese Vielfalt in der Stadt zu erhalten. Wird das durch die Stadt beeinflusst oder ergibt sich das von selbst?

Weder noch. Das ergibt sich nicht von selbst, ist aber auch nur bedingt durch die Stadt steuerbar. Im Bereich Einzelhandel ist es so, dass der Eigentümer des Hauses entscheidet, wer als Mieter zum Zug kommt. Die Stadt sensibilisiert natürlich die Eigentümer, dass ihre Entscheidungen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Umfelds hat. Wir führen alle zwei Jahre ein Immobilienforum Altstadt durch, bei dem bestimmte Themen wie der Mietpreise, Bodenrichtwerte aber auch die Anforderungen des Einzelhandels an einen Standort thematisiert werden. Damit geben wir den Eigentümern Anhaltspunkte an die Hand, was sie bei der Vermietung ihres Ladens berücksichtigen sollten.

Nimmt die Stadt sonst noch Einfluss auf die Vermieter?

Wir haben einen Altstadtkümmerer, der denen, die ein Geschäft suchen, aber auch denen, die Ladenflächen vermieten, als zentraler Ansprechpartner dient. Über ihn laufen in einem gewissen Umfang Kontakte. Wenn er eingebunden wird, kann er Ratschläge geben, die Stadtentwicklung in einem vernünftigen Rahmen steuern und die Philosophie der Stadtplaner nach außen vertreten. Das klappt. Wenn Sie beispielsweise durch die Altstadt gehen, werden Sie keinen Ein-Euro-Laden sehen. Das ist ein Punkt, den wir versucht haben klarzumachen: Wenn eine minderwertige Nutzung in einem Bereich aufschlägt, kann das eine negative Entwicklung für die ganze Straße zur Folge haben.

Manche Städte haben festgelegt, Platz für den Einzelhandel nur im Erdgeschoss und Wohnraum in den Obergeschossen zu schaffen. Wäre das eine Option für Kelheim oder Regensburg?

Nein. Ein solcher Schritt wäre aus unserer Sicht übertrieben. Der Einzelhandel konzentriert sich in der Regel auf die Erdgeschossebene. Wenn es aber ein Geschäft schafft, sich im Obergeschoss zu etablieren, dann sollte es dies machen, weil nur so bestimmte Betriebsgrößen erreichbar sind. Wir haben in Regensburg eine kleinteilige Baustruktur. Das heißt, jedes Haus hat 300 bis 400 Quadratmeter Grundfläche. Das würde bedeuten, wenn solche Regeln aufgestellt würden, gäbe es keinen großflächigen Einzelhandel. Das würde der Vielfalt der Stadt schaden. Es gibt einfach Betriebe, die brauchen 1000 oder mehr Quadratmeter, um ihr Angebot darzustellen.

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