mz_logo

Gemeinden
Dienstag, 31. Mai 2016 23° 5

Trend

Fitnesswelle überrollt die Vereine

Sport ist in, aber nicht im Verein. Während immer mehr im Fitnessstudio schwitzen, kämpfen Vereine um ihre Mitglieder.
von Benjamin Neumaier

Die Fitnesswelle rollt über Deutschland – Sport im Studio, via Internet oder App liegen im Trend. Die Sportvereine leiden unter der Entwicklung, auch im Landkreis Kelheim. Foto: dpa-Archiv

Kelheim.Detlef D Soost macht Dich sexy, Daniel Aminati macht dich krass und Stefan Kretzschmar trainiert nur Heroes. Die Fitnesswelle schwappt aktuell über. Im Fernsehen und auf Sozialen Netzwerken wird man regelrecht von ihr erschlagen. Muskelaufbau und sportliche Fitness sind hip – im Fitnessstudio oder individuellen Training per App oder online. Leidtragende sind die Sportvereine – ihnen laufen die Mitglieder weg.

Mitgliederzahlen schrumpfen

„Sport ist in, aber die Mitgliederzahlen in Sportvereinen werden kontinuierlich geringer“, sagt Thomas Jessen, Vorstand des ATSV Kelheim. „Das ist nicht die Schuld der Vereine oder die der Fitnessstudios, es ist einfach ein Trend.“ Das sieht auch Jessens Äquivalent beim TSVAbensberg, Max Guttenberger, so: „Es sind die Zeichen der Zeit. Individuelles Training ohne jegliche Verpflichtungen und Abhängigkeiten ist in. Der Mensch wird scheinbar egozentrischer , das ich steht im Vordergrund. Das ist meines Erachtens der Hauptgrund für die Abwanderung vieler Menschen vom Vereinssport zum Training im Fitnessstudio.“

Personal-Trainer und Fitnessstudio-Betreiber Oliver Riess aus Riedenburg sieht einen „Trend zur Selbstständigkeit. Man kann die Menschen nicht über einen Kamm scheren, aber der Trend hin zum Fitnessstudio - dort bin ich mein eigener Chef – ist unverkennbar. Es ist aber nicht nur das, sondern auch der Aspekt, dass viele ihre Fitness oder Muskelaufbau mehr in den Vordergrund stellen, als bisher. Das bekomme ich eben im Verein so nicht. Der klassische Weg, Mutter-Kind-Turnen, Kinderturnen, Turnen und dann die Abwanderung in die unterschiedlichen Sparten eines Vereins, bei dem ich dann ein Leben lang bleibe, den sehe ich nicht mehr. Was auch mir wehtut, ich komme auch aus dem Vereinssport.“

Aus dem stammt auch die Sportleidenschaft der studierten Fitnessökonomin und Geschäftsleiterin von Positiv-Fitness in Abensberg, Diana Pongracz: „Zeitunabhängigkeit ist für viele der Vorteil am Fitnessstudio. Jeder kann kommen und gehen, wann er will. Außerdem ist der Mensch ein Herdentier wo die meisten hinlaufen, da treibt es andere auch hin. Dazu kommt auch der Hype in Medien oder sozialen Netzwerken wie Youtube oder Instagram.“

Teamsportarten Fluch und Segen

Nun sehen die Fitnessstudio-Betreiber den Trend „gewerblich natürlich positiv“, wie Pongracz sagt, „aber gesellschaftlich fehlt da natürlich schon etwas, so ehrlich muss man sein. Auch wenn man in der Gruppe im Studio trainiert, ist das etwas anderes als in einem Team im Verein zu trainieren.“

Die Mannschaftssportarten sind damit sowohl Fluch als auch Segen der Vereine: Feste Trainingszeiten, Wettkämpfe oder Spiele am Wochenende und zudem „die Gruppendynamik, dass mich meine Mannschaftskollegen ansprechen, wenn ich im Training oder Spiel fehle“, sagt Guttenberger. Gerade im Kindesalter funktioniere das aber noch. In Abensberg laufen in der Kinderturnstunde bis zu 300 in den Fußballteams der Bambinis bis zu 400 Kinder rum. Allerdings reiße dann der klassische Weg ab – Leichtathletik und Leistungsturnen darben mehr oder weniger ein Schattendasein, Tennis hatte schon bessere Zeiten, Schwimmen und sogar im Volkssport Nummer ein, Fußball, müssen sich immer mehr vereine in der Jugendarbeit zusammenschließen, weil es sonst nicht mehr reicht. „Vereine leben von Wettkampftypen, Teamfähigkeit und Idealismus. Das wollen viele ab einem gewissen Alter nicht mehr. Dabei ist ein essenzieller Teil der Vereinsarbeit das Schaffen gesellschaftlicher Werte: Integration in eine Gruppe, Persönlichkeitsausprägung sowie die Bereitschaft, auch etwas für andere zu tun.“

Das lasse aber immer mehr nach, sagt auch Jessen. „Man sieht es ja an der Schwierigkeit, ehrenamtliche Trainer oder Funktionäre zu finden. Viele vereine wie aktuell Ihrlerstein, Bad Abbach oder Riedenburg müssen kämpfen, um jemand an der Spitze zu haben. Wenn man sich dafür entscheidet, dann ist das auch kein Ding von heute und morgen, sondern eine langfristige Bindung. Das schreckt viele ab.“

Studios sind flexibler als Vereine

Aber nicht nur die Angst vorm Ehrenamt lähmt die Vereine, sie sind an sich träger als ein Fitnessstudio. „Im Studio kann ich auf aktuelle Trends reagieren, Kurse anbieten, Geräte anschaffen, nah am Kunden und dessen Wünschen sein“, sagt Pongracz. Guttenberger sieht das ähnlich: „Vereine sind breit aufgestellt, Sport ist in allen Varianten für günstiges Geld möglich – aber eben mit Übungsleitern auf ehrenamtlicher Basis und die wachsen nicht auf Bäumen. Ein Fitnessstudio hat da professionellere Möglichkeiten – für die die Menschen anscheinend auch gerne mehr bezahlen.“ Man könne zwar reagieren und ähnliche Kurse anbieten oder viel Geld in Fitness-Räume investieren, „aber ob das die Lösung ist“, bezweifelt Guttenberger und Jessen fügt an: „In direkte Konkurrenz zu treten geht nicht, da können wir als Vereine mit gewerblichen Anbietern nicht mithalten – weil wir nicht so arbeiten können, gemeinnützig sind.“

In diese Kerbe schlägt auch Oliver Riess: „Beide haben ihre Daseinsberechtigung uns sollten sich nicht gegenseitig das Wasser abgraben. Ich sehe aktuell in Riedenburg große Kooperationsmöglichkeiten, etwa mit den Fußballern. Es muss ein Miteinander sein, Verein und Studio können zusammenarbeiten.“ Ähnlich laufe das auch in Abensberg, sagt Pongracz: „Die Neustädter und Abensberger Fußballer kommen zu uns, wenn Sommer- oder Winterpause ist, um sich fit zu halten –oder wir kommen zu ihnen. Das geht wunderbar. Nur zusammen können wir die komplette Bandbreite bieten – Mannschaftssport im Verein, Fitness im Studio. Das funktioniert gut und am Ende entscheidet eben der Kunde.“

Und diese Entscheidung fürchtet Guttenberger in gewisser Weise: „Der Berufsalltag muss immer flexibler gestaltet werden, Schüler haben schon früh mit Ganztagsschulen Druck und kaum mehr Zeit für Vereine – das ist keine optimale Basis. Zudem zählen viele heute ihre täglichen Schritte per App, messen ständig ihren Blutdruck, nehmen ihren Puls mit dem Smartphone – die Zukunft ist stark auf den Individualisten zugeschnitten. Der erste Weg führt nun eben nicht mehr unbedingt zum Verein – und wenn doch, dann ist diese Bindung weit schneller getrennt als früher.“

Weitere Nachrichten aus dem Landkreis Kelheim lesen Sie hier.

Aktuelle Nachrichten von mittelbayerische.de jetzt auch über WhatsApp. Hier anmelden: http://www.mittelbayerische.de/whatsapp

Kommentare (0) Regeln Unsere Community Regeln

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht