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Entsorgungsengpass

Gedämmter Elan auf den Baustellen

Über Nacht werden bestimmte Dämmstoffe zu „gefährlichem Abfall“. Nun droht teures Chaos, warnen Kelheimer Entsorger.
Von Martina Hutzler

Jahrelang wurde und wird teils noch immer Dämmstoff verbaut, der das giftige Flammschutzmittel HBCD enthält. Das macht jetzt die Abfall-Entsorgung richtig kompliziert und teuer. Foto: dpa

Kelheim. Bauherren und Baufirmen haben ein massives Entsorgungsproblem: Für Dämmstoffe aus „Styropor“ gibt es derzeit in Bayern keine Möglichkeit der Entsorgung – es sei denn, das Material ist nachweislich frei vom Flammschutzmittel HBCD. Denn quasi über Nacht macht dieser Brom-haltige Inhaltsstoff bisher „normalen“ zu „gefährlichem und nachweispflichtigem Abfall“. Der auf Baustellen separat zu sammeln, von Entsorgern gesondert abzutransportieren und zu dokumentieren ist. Um hinterher genauso in Flammen aufzugehen wie jetzt schon. Und doch nimmt ihn als „gefährlichen Abfall“ derzeit keine bayerische Müllverbrennungsanlage (MVA) mehr an – vorauseilend: Offiziell tritt die im März beschlossene Neuregelung am 30. September in Kraft. Künftig wird die Entsorgung wohl viel teuer.

Getrennte Wege, gleiches Ende

Ob Abbruch, Sanierung oder Neubau: Wo Polystyrol als Dämmstoff verbaut wurde oder wird (bekannt als „Styropor“ und „Styrodur“), fällt Abfall an. In aller Regel verunreinigt, etwa mit Kleber; daher ist stoffliches Recycling keine Option. Aber die Reste konnten bisher problemlos mit dem allgemeinen Baustellenmüll entsorgt, sprich: verbrannt werden. Künftig indes bleiben Müllentsorger auf Mischcontainern, die HBCD-Material enthält, sitzen: Mit „Zurückweisung der Anlieferung“ sei zu rechnen, warnt etwa die MVA Ingolstadt.

Aber selbst sortenrein gesammelt, ist solcher Müll derzeit bei keiner einzigen MVA in Bayern anzubringen. Sie wären zwar „technisch in der Lage, HBCD-haltige Abfälle sicher zu entsorgen“, bestätigt eine Sprecherin des Landesamts für Umwelt (LfU) auf Anfrage unseres Medienhauses. Bei der Verbrennung wird das HBCD-Molekül zerstört, das Brom über die Abgasreinigung herausgefiltert – genau dies passiert ja bislang schon. Bayerns Hausmüll-MVAs fehlt lediglich die rechtliche Genehmigung für den nun „gefährlichen Abfall“. Selbst die Gesellschaft für Sondermüllbeseitigung (GSB) lehnt HBCD-Müll derzeit ab.

Im Müllbunker darf auch künftig zusammen verbrennen, was vorher getrennt gesammelt werden musste. Foto: ZMS/Archiv

Entsorger wie die Kelheimer Unternehmen Rott & Sohne und Pöppel finden daher momentan keinen Entsorgungsweg. Weil das Zeug zwar wenig wiegt, aber sehr voluminös ist, können Entsorger es, mangels Lagerfläche, praktisch nicht mehr annehmen. Wer entsprechende Baumaßnahmen plant, hat heuer wohl Pech gehabt: „Momentan herrscht am Markt totales Chaos“, bilanziert Pöppel-Prokurist Udo Hilbinger.

Das spüren auch Handwerker: Der Entsorgungsengpass „kann für laufende und fest geplante Projekte vorerst den Baustopp bedeuten“, warnen Bayerns Dachdecker. Sie fühlen sich als Buhmann: „Als erstem und direktem Ansprechpartner des Bauherren entlädt sich der Zorn gegenüber dem Dachdeckerbetrieb, der dafür überhaupt nichts kann“, klagt der Landesinnungsverband in einer Mitteilung.

Behörden lehnen den Schwarzen Peter aber auch ab. Ein Sprecher der EU-Kommission teilt auf Anfrage mit, dass „vielleicht“ die bayerischen, aber eben nicht grundsätzlich alle MVAs das schädliche HBCD sicher vernichten. Daher müsse man HBCD-Dämmstoffmüll EU-weit separat sammeln, um ihn fachgerecht zu entsorgen.

Gefährlicher Schutz

  • Der Stoff

    HBCD (auch HBCDD abgekürzt) heißt: Hexabromcyclododecan. Es ist ein Kohlenwasserstoff-Molekül, das das Element Brom enthält.

  • Der Einsatz

    HBCD ist unter anderem als Flammschutzmittel in Dämm- und Isolierstoffen in der Bauindustrie eingesetzt worden, zum Beispiel in Wärmedämm-Verbundsystemen: Die Beimischung erlaubt die Einstufung als „schwer entflammbar“.

  • Gefahr

    HBCD ist ein langlebiges Umweltgift, das sich in Organismen anreichert. Es steht im Verdacht, die Fortpflanzungsfähigkeit zu schädigen.

  • Verbot

    Deshalb hat die UN-Chemikalienkonferenz im Jahr 2013 ein weltweites Herstellungs- und Anwendungsverbot eingeführt. Allerdings konnten Staaten, die sich dieser UN-Vereinbarung („Stockholmer Konvention“) unterwerfen, eine Ausnahmeregelung beantragen, speziell für Produktion und Verwendung von HBCD in Dämmplatten. Das Landesamt für Umwelt geht davon aus, dass Polystyrol-Dämmplatten bis zum Herstellungsjahr 2015 „in der Regel“ den EU-Grenzwert von 1000 Milligramm HBCD je Kilogramm überschreiten. Damit gilt das Material als „gefährlicher Abfall“, der nachweislich gesondert zu entsorgen ist.

  • Ausnahmen

    HBCD ist auch in anderen Materialien verwendet worden, unter anderem in Textilien und Polstermöbeln. Diese wurden jedoch nicht als gefährlicher Abfall eingestuft. (hu / Quellen: Umweltbundesamt, Landesamt für Umwelt)

In Deutschland passiert diese fachgerechte Entsorgung schon jetzt, eben durch die Verbrennung, bestätigt uns das Umweltbundesamt (UBA). Trotzdem habe Deutschland „auf Initiative der Bundesländer“ das HBCD-Material als „gefährlichen Abfall“ eingestuft – woraus sich laut UBA automatisch die „Getrennthaltungspflicht“ ergibt. Bis dass der Tod sie wiedervereint, die gefährlichen und ungefährlichen Abfälle, die im Müllbunker gemeinsam verglühen.

Oder eben nicht, wegen besagter Engpässe in den MVAs. Was also sollen Bauherren tun? „Diese Frage sollten sie an die Vollzugsbehörden in Bayern richten“, weil Abfallrecht deren alleinige Aufgabe sei, rät das UBA.

Wohlan denn: Was meint das bayerische Landesamt für Umwelt (LfU)? Alles kein Problem, so die Antwort aus der Augsburger Behörde: 14 Hausmüll-MVAs in Bayern seien „technisch in der Lage, HBCD-haltige Abfälle sicher zu entsorgen“. Das Umweltministerium habe die Bezirksregierungen „gebeten, einen einheitlichen, rechtssicheren Vollzug bei der Entsorgung von HBCD-haltigen Abfällen in bayerischen MVAs sicherzustellen und auch nach dem 30.9.2016 eine genehmigungskonforme Entsorgung dieser Abfällen zu gewährleisten“. Die „genehmigungsrechtlichen Grundlagen“ dafür seien „in Kürze“ vorhanden, hofft man am LfU. Und überhaupt: „Fragen zum Entsorgungsweg sind in erster Linie durch Sachverständige und Entsorgungsunternehmen zu beantworten“.

„Selbst sortenrein im speziellen Container nimmt Ihnen derzeit keine Müllverbrennungsanlage in Bayern die HBCD-haltigen Abfälle an.“

Udo Hilbinger, Firma Pöppel

Doch die Entsorger wissen derzeit schlicht keine Antwort. Zumal es viele MVA-Betreiber kaum eilig haben, die nötige Genehmigung zu beantragen. Bundesweit sind die Anlagen sehr gut ausgelastet sind, ihnen ist an sortenrein gelieferten Polystyrol-Bergen wenig gelegen. Es basiert auf Erdöl, brennt also zwar gut und schnell – braucht aber viel Bunker-Kapazität. Die können MVA-Betreiber derzeit viel lukrativer nutzen, mit weniger energiegeladenem, kompakterem Haus- und Gewerbemüll, vermutet Udo Hilbinger.

Ingolstadt plant Annahme

Immerhin: Der Zweckverband, der die für Kelheim zuständige MVA Ingolstadt betreibt, will sich der Nöte von Bauherren und Entsorgern nicht verschließen. „Wir sehen uns als Dienstleister für unsere Verbandsmitglieder: Wir werden die Genehmigung zum Verbrennen von HBCD-haltigem Dämmstoff beantragen“, bestätigt technischer Leiter Robert Meisner auf Anfrage. Bis die Erlaubnis da ist, dauere es aber „zwei bis drei Monaten mindestens“. Technisch sei HBCD-Müll für die Anlage kein Problem – eher schon mengenmäßig, wenn andere MVAs nicht mitziehen.

In jedem Fall aber wird die Entsorgung für den künftig „gefährlichen“ Abfall teurer als für den jetzt „normalen“, bestätigt Meisner. „Wir brauchen zusätzliche Eingangskontrollen für den Entsorgungsnachweis, zusätzliche Überwachung“. Auch Entsorger rechnen mit höheren Kosten: Elektronischer Begleitschein via LfU, Übernahmeschein, die ganze Dokumentation – all das verteuere die Entsorgung, schätzt Dietmar Rott von der Kelheimer Firma Rott & Sohn. Pöppel-Prokurist Hilbinger erwartet, dass sich die MVAs den ungeliebten Müll gut zahlen lassen. Obendrein rechnen die Baufirmen mit großem Mehraufwand für das separate Sammeln.

„Für Häuslebauer wird’s richtig teuer – das will man ja vielleicht auch nicht“, blickt daher Robert Meisner von der Ingolstädter MVA wieder in Richtung Staat. Nicht nur er ist gespannt, ob sich all die HBCD-Probleme letztlich so in Rauch auflösen wie HBCD in Müllverbrennungsanlagen…

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