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Dienstag, 21. November 2017 5

Archäologie

Stadtgeschichte wird neu geschrieben

Ausgrabungen in der Lederergasse bringen Details aus der Gründungszeit Kelheims ans Licht – und sind auch regional bedeutend.
von Benjamin Neumaier

Bei den Ausgrabungen in der Lederergasse wurden bedeutende, bisher unbekannte Details, der Kelheimer Stadtgeschichte offenbar.

Kelheim.Für das Archäologische Museum in Kelheim war der Bau des Mehrfamilienhauses in der Lederergasse 24, also in Sichtweite des Museums, ein Glücksfall –für den Bauherrn, Walter Ried, lief der Bau etwas, anders, als er sich das vorgestellt hatte. Bei den Grabungen zur Tiefgarage stieß man auf historische Überreste, die eine archäologische Grabung nötig machten (wir berichteten).

Für den Bauherrn bedeutete das vor allem Zeitverlust und höhere Kosten – weil der Eigentümer laut Gesetz nötige archäologische Grabungen finanzieren muss, für die Stadt Kelheim tat sich dadurch das Tor zur Gründungszeit der Kreisstadt auf – und brachte „sensationelle, bisher unbekannte Funde ans Tageslicht, durch die die Stadtgeschichte in Teilen umgeschrieben werden muss“, sagt Museumsleiterin Petra Neumann-Eisele bei der Übergabe der Fundstücke im Depot des Museums am Dienstag.

Kreis-Archäologe Dr. Joachim Zuber, Museumsleiterin Petra Neumann-Eisele, Bauherr Walter Ried und Bürgermeister Horst Hartmann (v. l.)

Kreisarchäologe Dr. Joachim Zuber überwachte die von den Regensburger Firmen ArcTeam und Schauhütte Archäologie durchgeführte Notgrabung – und ist ebenso begeistert wie Neumann-Eisele: „Wir fanden direkt neben der Stadtmauer die Fundamente eines sehr großen, wohl herrschaftlichen Holzhauses, das bereits zur Gründerzeit Kelheims, im 13. Jahrhundert, zur Lederergasse ausgerichtet war. Das legt nahe, dass damals nicht nur die Hauptstraßen bebaut wurden, sondern die Stadt anhand der Straßenzüge durchgeplant war.“

Einer der frühesten Belege

Zudem sei das Haus, das in einem späteren Jahrhundert abgerissen worden war, zentnerweise Kalkplatten gefunden worden, die auf ein für die Region typisches Legschieferdach der Jurahäuser hinweisen. Zuber: „Das Haus ist auf das erste Drittel des 13. Jahrhunderts zu datieren – Jurahäuser setzt man eigentlich später an. Es hat also auch Auswirkungen auf die Geschichte der näheren und weiteren Region.“ Neumann-Eisele legt nach: „Das ist einer der frühesten je gefundenen Belege für Legschieferdächer beziehungsweise Jurahäuser – eine Sensation.“

Bisher war der quantitativ größte Fund an „historischem Material“ in der Kelheimer Innenstadt übrigens 600 000 Kirschkerne. „Wir wissen aber nicht“, wo die herkommen“, sagt Neumann-Eisele. In der Lederergasse wurden fanden die Archäologen neben den Überresten der steinernen Stadtmauer zudem den Verlauf einer hölzernen Palisade, „die wohl zwei. bis dreimal erneuert worden ist. In deren Schutz entstand dann die Stadtmauer“, sagt Kreisarchäologe Zuber. „Das alles gibt uns konkrete Hinweise auf die Stadtgründung, bei der wir bisher nicht wussten, wie sie ablief. Nun können wir davon ausgehen, dass bereits großflächig gebaut wurde.“

Kachelöfen aus der Renaissance

In den 31 Fundkisten, die Ried dem Museum übergab, findet sich zudem organisches Material, Glas, Metall und Keramik, wie etwa hochwertige Kachelofenfließen aus der Renaissance. Das deute laut Zuber auf gehobene Wohnbebauung hin „und ich freue mich, dass uns Herr Ried die Funde zur Verfügung stellt.

31 Kisten mit Fundstücken stapeln sich im Museums-Depot.

Eigentlich gehört alles ihm. Aber hier im Depot ist es gut aufgehoben, wird untersucht und ausgewertet.“ Bis allerdings die Öffentlichkeit Teile davon zu sehen bekomme, werden laut Neumann-Eisele wohl noch etwa zwei Jahre vergehen.

Auch Bürgermeister Horst Hartmann richtete seinen dank an den Bauherrn: „Die Ausgrabung war sehr wichtig für Kelheim, jetzt werden Experten die Fundstücke weiter einordnen. Ich bin froh, dass dadurch die Stadtgeschichte wieder klarer wird.“ Doch trotz der sensationellen Funde überging Hartmann nicht das seines Erachtens „grundlegende Problem“ an solcherlei Grabungen: „Die Kosten trägt der Bauherr, er wird damit alleingelassen. Eine staatliche Förderung oder Co-Finanzierung wäre angebracht. Für Investoren sind Bauten in der Altstadt ein großes Risiko – darüber sollte man sich an höherer Stelle Gedanken machen.“ Dr. Zuber schlägt in dieselbe Kerbe: „Auch wenn wir als Archäologen versuchen, den Aufwand möglichst gering zu halten und natürlich profitieren, spielt ein Bauherr auf solch historischem Grund quasi Russisch Roulette.“

Walter Ried hat sich deshalb schon seine Gedanken gemacht: „Die Ausgrabung und das Sichern der Fundstücke hat insgesamt etwa 100 000 Euro gekostet – dazu kommt die Bauverzögerung. So etwas ist nicht planbar und der Zeitfaktor nicht steuerbar. Deshalb ist bei meinem aktuellen Bauprojekt in der Innenstadt der Bau eines Kellers gestrichen worden.“

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